Fernsehen Die Frauen der Waffe

Ermittlerinnen dominieren den TV-Krimi. Vorreiter der sexuellen Revolution des Genres waren ausgerechnet die öffentlich-rechtlichen Sender. Eine Motivsuche

Mord ist ihr Hobby

Mord ist ihr Hobby

Jahrzehnte lang war der deutsche Fernsehkrimi eine ausgemachte Männerdomäne. Frauen kamen zwar durchaus vor – wahlweise als Geliebte, als fleißige, mitunter auch kecke Sekretärin oder, ihre Paraderolle, als schöne Leiche –, die tragenden Ermittler- und Täterrollen aber blieben ihnen vorenthalten. Heute ermitteln im deutschen Fernsehen mehr als 30 Kommissarinnen, was einer fiktiven Frauenquote von fast 40 Prozent entspricht. Die real stattfindende Emanzipierung vollzieht sich dagegen viel langsamer. Nur etwa jede 20. Mordkommission wird tatsächlich von einer Frau geleitet. Auch Verbrecherinnen sind mittlerweile überproportional häufig in den TV-Krimis zu sehen, die Liste reicht von der traditionellen Giftmischerin bis hin zum brutalen Vamp. Realiter aber sind 95 Prozent der wegen Mordes Verurteilten Männer.

Den Fakten zum Trotz sind besonders die öffentlich-rechtlichen Sender auf den femininen Geschmack gekommen. In 18 von 27 Fällen, die das ZDF im vergangen Jahr am Samstagabend zur besten Sendezeit ausstrahlte, war die Krimiheldin eine Frau. Der Sender ist stolz auf Bella Block und Rosa Roth , die "Primetime-Kommissarinnen", wie ein ZDF-Sprecher sie nennt. Für die ARD ermitteln fünf Tatort -Kommissarinnen, darunter die inzwischen dienstälteste Fahnderin des Krimi-Klassikers: Lena Odenthal aus Ludwigshafen, gespielt von Ulrike Folkerts.

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Der emanzipatorische Umbruch vollzog sich schubweise. Zwar waren bereits in den späten siebziger, frühen achtziger Jahren mit Nicole Heesters und Karin Anselm die ersten Tatort -Ermittlerinnen auf Ganovenjagd gegangen, eine längere Karriere in der ARD-Reihe blieb aber beiden verwehrt. Permanent begleitete sie der für Frauen in diesem Metier damals spezifische Spott, dass sie die Pistole wie einen Kochlöffel halten würden. Kein Vergleich zu heute, da Medienredakteure und Fan-Forenschreiber über die "erotische Eleganz" und "spielerische Lässigkeit" dichten, mit der Hannelore Elsner oder Andrea Sawatzki ihre Knarre zücken.

"Weiber und Waffen", "Zicken unter Bullen" – zu Zeiten der Bonner Republik, aus denen diese Zitate stammen, passten Frauen und Kriminalität im deutschen Fernsehen noch nicht zusammen, sagt Klaus-Peter Wolf, ein renommierter Tatort -Drehbuchautor. Wolf erinnert sich noch genau, wie er in den späten achtziger Jahren einem Sender vorschlug, es doch einmal mit einer vornehmlich weiblich besetzten Krimireihe zu versuchen. Einer Frau, so die abschlägige öffentlich-rechtliche Meinung damals, würde das Publikum den Knochenjob nicht zutrauen.

Wesentlichen Anteil an der, sich nur kurze Zeit später vollziehenden, sexuellen Revolution des TV-Krimis hatten die Privatsender, die sich in den frühen neunziger Jahren etablierten. Besonders RTL setzte – man denke an den Frauenknast – medienhistorische Akzente. 1993/94 strahlte RTL, damals noch: RTL plus, mit Doppelter Einsatz erstmals eine Krimiserie aus, in der gleich zwei Frauen den Ermittlungston angaben und deren Figurenkonstellation mittlerweile von vielen Sendern kopiert worden ist. Die Privatsender näherten sich, und das ist für die Entwicklung des Mediums bedeutender, auch dem Publikum auf neuartige Weise. Sie begannen, es in Ziel- und Lebensstilgruppen einzuteilen.

In diesem Moment, in dem der Wettbewerb um Marktsegmente schärfer wurde, entdeckten die Sender eine bis dato auf dem Bildschirm unterrepräsentierte, vor dem Bildschirm allerdings traditionell mehrheitlich vertretene Gruppe: die der Frauen. RTL und SAT 1 entwickelten in ihrer Frühphase nicht nur klassische Macho-Programme à la Tutti Frutti , sondern auch, wie es in der Media-Sprache heißt, "frauenaffine" Formate wie Daily-Soaps und Talkshows - und eben auch neue Krimis. Das war nur konsequent. Denn die Mehrheit der Krimiseher (wie übrigens auch der Krimileser) ist verschiedenen Studien zufolge weiblich. Gerade auch bei jungen, "werberelevanten" Frauen sind die Geschichten um Mord und Totschlag seit je beliebt.

Nicht nur die Rezipienten-, auch die Produzentenseite des Genres ist stark weiblich geprägt. Eine mehrfach preisgekrönte Krimimacherin ist Isabel Kleefeld. Kürzlich führte sie Regie für eine Folge der ARD-Reihe Unter Verdacht , deren Hauptermittlerin Eva Maria Prohacek von Senta Berger verkörpert wird. Frauen, sagt Kleefeld, die sich eigentlich vor Geschlechtstypisierungen hüten möchte, würden sich weniger als Männer für fallorientierte Geschichten interessieren, stärker für personenorientierte: "Weniger Explosionen, mehr Charaktertiefe",fasst sie zusammen. Hinzu käme, dass weibliche Hauptfiguren einfühlsamer gegenüber Opfern und Tätern auftreten könnten als Männer, die man traditionell als einsame Leitwölfe oder als gesellige Rudeltiere zu fassen versuchte.

Die Programmplaner setzen auf die Personifikation weiblicher Primärtugenden wie Intuition und Emotion und auf das ungewöhnliche Geschlechterverhältnis am Arbeitsplatz, wo der Kommissarin mehrere Männer unterstehen. "Lea Sommer" oder "Johanna Herz" heißen ihre Kommissarinnen, oder aber sie haben Nachnamen wie "Lucas" "Ludwig" oder "Lorenz", die auf ihre Tatkraft und Durchsetzungsfähigkeit hinweisen.

Die meisten der "Primetime-Komissarinnen" sind komplexe, arg vom Leben gebeutelte Figuren. Eva Maria Prohacek, Asthmatikerin, fühlt sich für den Unfalltod ihres Sohnes verantwortlich. Der Mann von Frau Lucas liegt im Koma. Bella Block, über 60-jährig, konsumiert in extenso Wodka und One-Night-Stands. Fast alle TV-Ermittlerinnen leben allein, sind kinderlos oder haben zerrüttete Familien. Dieses Muster teilen sie mit ihren männlichen Ermittlerkollegen, die ebenfalls im Beruf meist großartig, privat aber eher unglücklich agieren; es ist gewissermaßen genre- und berufsbedingt . Dennoch scheint es, als hätten die Frauen den Trend im Krimi zur ausführlichen Darstellung des Privatlebens der Ermittler verstärkt. Die Kommissarinnen verkörpern zumindest am attraktivsten den lebensweltlichen Gegenentwurf zu dem spröden und rein jobfixierten "Derrick" oder dem "Alten".

Und das auch, obwohl sie schon älter sind, viele jenseits der 50. Anders als Miss Marpel oder die pfiffige Morddezernat-Tippse Adelheid, gespielt von Evelyn Hamann, fristen sie aber kein eulenhaft-jungfräuliches Beobachterinnen-Dasein, sondern schillern im Mittelpunkt wie Hannelore Elsner, Iris Berben und Senta Berger, die erotischen Stars ihrer Generation. Auch als Kommissarinnen geizen sie nicht mit lasziven Blicken, zeigen Ausschnitt und Bein und pflegen einen knisternden Umgang zu ihrem Lieblingsassistenten.

Auffallend ist, dass dieser Typus der gereiften Ermittlerin nicht bei den Privatsendern, sondern ausschließlich bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zu finden ist, deren Publikum im Durchschnitt ebenfalls um einiges älter ist. Und wo bleiben die Jüngeren? Die Privaten, Pioniere weiblicher TV-Kriminalität, nehmen inzwischen Abstand von Frauen-Krimis. Eva Blond , die letzte Sat 1-Produktion dieser Art floppte quotenmäßig vor dem Zuschauer. Der Markt an Ermittlertypen, auch und gerade an weiblichen, sei übersättigt, sagt eine PR-Frau des Senders. Eine Einschätzung, die Drehbuchautor Wolf und Regisseurin Kleefeld teilen: Frauen zögen nur noch bedingt. Das Genre, von seinen patriarchischen Wurzeln emanzipiert, muss sich neue und spannendere Trends suchen.

Zu denen mehr in der nächsten Folge.


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Leser-Kommentare
    • ErichH
    • 29.03.2007 um 7:29 Uhr

    Frau Elsner galt fast als zu alt um sich auszuziehen, bevor die ersten Menschen auf dem Mond landeten. Frau Hoger war schon eine großartige Schauspielerin, bevor sie das Zeug zur Urgroßmutter hatte.

    Wie lange und durch wieviel Ä...sche muss eine deutsche Schauspielerin kriechen um auf einen grünen Zweig zu kommen?

  1. Natürlich haben wir sie, die Feminisierung der Lebenswelten: erst waren es nur Grundschullehrerinnen, dann die Lehrerinnen an sich, dann die Justiz, und seit einiger Zeit eben auch die Krimis. In Zeiten einer Familienministerin von der Leyen darf man das natürlich nicht im Ansatz kritisch beleuchten, sonst ist man so ein blödes Alphatier.

    Wenn ich eine Frau ermitteln sehe, mit ihrer gar so gefühlsbetonten Rolle und kraft ihres Namens bewiesenen Durchsetzungskraft, schalte ich aus. Ich habe es mehrfach probiert, aber mich langweilen und nerven alle Kommissarinnen quer durch alle Programme. Sie tragen nämlich alle auf der Stirn (ebenso wie von der Leyen) die Botschaft: Ich bin ja so emanzipiert und Ihr Männer seid alle ein wenig dumm. Mag sein, dass die Fernsehmacher (und unsere werte Familienministerin) ein paar Zuschauerinnen durch diese Attitüde dazugewinnen. Sie verlieren allerdings auch eine Menge Männer. Ich bin einer von ihnen.

  2. Neben diesem mindestens gefühlten Überhang an allein lebender weiblicher Intuition (welche Definition?) oder Emotion fände ich es weitaus wichtiger, dem zunehmenden "Gebrauch" von Kindern in Krimis nachzugehen. Wissenschaftlich bestimmt nicht sauber - aber von uns gefühlt, kommt mindestens jeder zweite Krimi nicht mehr ohne die Einbindung von Kindern aus. Ob als Opfer oder Leichen-findende Beteiligte u.ä. .
    Hier scheint es bald keine Schranken mehr zu geben. Wer fragt noch nach seelischen Auswirkungen auf solch beteiligte Kinder? Was geht in den Köpfen der Eltern dieser Kinder vor, die sie dafür hergeben? Was in den Köpfen der Verantwortlichen in den Öfftl.-rechtl. Anstalten ???? Und welche sozialpsychologischen Aus-
    wirkungen hat das auf die Zuschauer ? Ich wünschte mir hier einen gewaltigen Schritt zurück ! 

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