Lehrerleben "Ich mag meine Schüler"
Claudia Berger unterrichtet an einer Gesamtschule, in die viele Kinder von Aussiedlern gehen. Über Gewalt an Schulen liest sie nur in der Zeitung.
Claudia Berger unterrichtet Russisch, Politik und Informatik an einer Gesamtschule in Niedersachsen. Als Leiterin der Sekundarstufe II organisierte sie ein Seminar im Harz. Es soll Schülern helfen, sich bei der Wahl ihrer Leistungskurse und Schwerpunktfächer zu orientieren. Ehemalige Schüler berichten ihnen von Erfahrungen in der Schule und im Beruf, Mitarbeiter des Arbeitsamts und der Universitätsstudienberatung stehen für Fragen zur Verfügung.
„Wir Lehrer sind nur am Rande dabei,“ erzählt Claudia Berger, „ich höre nur zu, weil ich neugierig bin. Die Ehemaligen kommen gern, ein Kommissar gehört schon zur Stammgruppe, ein Journalist ist extra aus Wien angereist. Von ihm wollten sie auch Persönliches wissen, beispielsweise wie er Freundschaften oder eine Beziehung leben kann, wenn er für den Beruf so oft die Stadt wechselt. Die Studiengebühren sind Thema. Das ist ein Hindernis für viele. Es ist ihnen auch klar, dass Lehrstellen lieber mit Abiturienten besetzt werden.
Was mich an der Pisa-Studie am meisten erschüttert hat, ist die Tatsache, dass Schüler in Deutschland aus sozial- und bildungsschwachen Elternhäusern nicht aufgefangen werden. Am Gymnasium landen nicht unbedingt die besten Schüler, sondern diejenigen, die ein gebildetes Elternhaus haben. Viele Eltern aus anderen Schichten trauen sich nicht: ‚Lass mal’, sagen sie, ‚ich habe auch kein Abitur.’
An der Gesamtschule haben die Kinder und Eltern mehr Zeit, sich zu entscheiden. Und deswegen gibt es bei uns viele Schüler, die in die Oberstufe hineinwachsen, ihr Abitur schaffen, und damit aus dem Erfahrungsfeld ihrer Familie springen. Unsere Schule liegt in einer Trabantenstadt, in der viele Aussiedler aus der früheren Sowjetunion und aus Polen leben. Das Stigma lastet auf unserer Schule. Man denkt an Kriminalität und russische Mafia.
Doch die Wirklichkeit ist anders: Von Gewalt an Schulen lese ich nur in der Zeitung. Die Aussiedlerkinder, die zu uns kommen, lernen in Fördergruppen intensiv Deutsch und werden allmählich in die Klassen integriert. Sie haben später immer die Möglichkeit, sich in der Fördergruppe helfen zu lassen. Wenn Spannungen entstehen, greifen wir früh ein. Ich mag unsere Schüler. Der Umgang bei uns ist freundlich und sehr persönlich. Das sagen uns auch Schüler, die von Gymnasien zu uns kommen.
Hilfreich ist sicher unser Ganztagsbetrieb. Die Schüler können sich in Freizeitbeschäftigungen anders kennen lernen. Doch gerade dieser Bereich wird immer mehr beschränkt. Früher wurden Lehrer für Freizeitangebote bezahlt. Es war sinnvoll, die eigenen Schüler in einem anderen Kontext zu erleben. Heute werden zunehmend ungelernte Budgetkräfte eingesetzt. Deutschland scheint an der Bildung seiner Schüler nicht interessiert zu sein. Lehrerstellen werden eingespart, die Klassengröße hat sich erhöht, wir können die Schüler nicht mehr individuell in kleinen Gruppen unterrichten, die Stelle für den Schulpsychologen wurde gestrichen, die drei Berater an unserer Schule gehen jetzt in den Ruhestand und werden wohl nicht ersetzt.
Gerade kam ein Rundbrief an alle Schulen: Wir sollen spezielle Experimentierkästen anschaffen, die Voraussetzung für eine der Aufgaben im Physikabitur sind. Das kostet ungefähr 9000 Euro. Wir können uns ja Sponsoren suchen, heißt es im Brief. Wer soll das sein? Wir haben auch keinen wohlhabenden Elternverein, um Geld zu sammeln, unsere Klientel hat wenig Geld. Wenn wir die Kästen nicht kaufen, haben unsere Schüler einen Nachteil. Bezahlen wir die 9000 Euro aus unserem Etat, fehlt Geld an anderer Stelle. So zieht sich der Staat aus den Schulen zurück.“
Warum haben Sie Ihre Funktion als Studiendirektorin aufgegeben? „Früher hat die Gesamtkonferenz den Schulleiter und weitere Schulleitungsmitglieder gewählt. Die Gewählten hatten Zeitstellen für drei Jahre, später wurden sie auf neun Jahre festgelegt. In dieser Phase wurde ich Leiterin der Sekundarstufe II. Ich habe Vorschläge gemacht. Doch ich führte nur für eine gewisse Zeit aus, was die Gesamtkonferenz entschieden hatte. Der Schritt, Zeitstellen in Lebenszeitstellen umzuwandeln, war für mich der Beginn in eine falsche Richtung. Damit wurde Hierarchie zementiert. Mit der Eigenständigkeit der Schule verstärkt sich die Macht des Schulleiters. Er kann Druck ausüben. Ab 1. August ersetzt ein Schulvorstand, bestehend aus dem Direktor, sieben Lehrern, vier Eltern und vier Schülern weitestgehend die Entscheidungsgewalt der Gesamtkonferenz. Ich hatte kein Interesse, als Studiendirektorin ein Rädchen im Betrieb zu werden, das Befehle entgegennimmt und weitergibt, statt demokratisch mitgestalten zu können.
Es gibt auch einen privaten Grund. Ich habe nach 32 Jahren Ehe meinen Mann verloren. Mit der Zeit kam ich einem Kollegen, der auch eine leitende Funktion hatte, nahe. Wir teilen dasselbe Schicksal, seine Frau war gestorben. Unsere damalige Direktorin hatte als Einzige Schwierigkeiten, ein Paar in der Schulleitung zu akzeptieren.
Jetzt unterrichten wir und tanzen Tango Argentino in unserer Freizeit. Meine Lebenseinstellung hat sich durch den Tod meines ersten Mannes verändert. Gelassenheit, Ruhe und das sich bescheiden können sind mir heute wesentlich. Meine Schüler konnten diese Qualitäten auf einer Studienreise nach Griechenland in einem kleinen Dorf spüren. Es ist alles nicht so wichtig, es gibt noch etwas anderes im Leben.“
(Name auf Wunsch geändert)
- Datum 26.03.2007 - 11:17 Uhr
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