Europa Die europäische Kanzlerin

Die Medien sind begeistert von Merkels Rede zur 50-Jahr-Feier der EU. Doch an ein geeintes Europa glauben längst nicht alle. kommentiert das aktuelle Meinungsbild

Für ein starkes Europa: Angela Merkel auf der 50 Jahre EU-Feier am Sonntag in Berlin

Für ein starkes Europa: Angela Merkel auf der 50 Jahre EU-Feier am Sonntag in Berlin

Das öffentliche Echo auf die Feierlichkeiten am Wochenende aus Anlass des 50. Jahrestags der Römischen Verträge fiel unterschiedlich aus. Aus den Reihen der Opposition und sogar aus dem Vatikan kam Kritik an Merkels Rede und der Berliner Erklärung , auf die sich die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Staaten bei der Gelegenheit verständigt hatten. Das Medienecho fiel dagegen einhellig überschwänglich aus, zumindest das auf die Kanzlerinnen-Rede.

„Mehr kann man nicht verlangen“, meint die Neue Ruhr / Neue Rhein Zeitung . „Nicht von einer Geburtstagsfeier. Wo insgesamt aus gegebenem Anlass der Stolz aufs Geschaffte die Konzentration auf das erst noch zu Schaffende überwiegt - da kann man nicht erwarten, dass die Europäische Union mit einem Schlag die Probleme löst, mit denen sie sich derzeit herumschlagen muss.“ Die momentane Krise der Europäischen Union habe die Kanzlerin nicht aus den Augen verloren, die Tschechen und Polen eingebunden, nötige Zugeständnisse gemacht.

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Doch können Pathos, freundliche Worte und ein Schuss Nostalgie die Antwort auf die Krise Europas sein? fragt die Rheinische Post und zögert nicht mit der Antwort: „Ja, und sogar eine sehr überzeugende.“ Der bis 2009 geplante Ausweg aus der Verfassungskrise biete als „kleinster gemeinsamer Nenner (...) die Chance auf einen großen Befreiungsschlag“ – dank Merkels beherztem Eingreifen, ihrer Rolle als „Moderator und Motor“. Ähnlich weit geht die Welt , wenn sie die Kanzlerin als „Mrs. Europa“ tituliert.

Der Nordbayerische Kurier schlägt den gleichen Ton an, schreibt er doch von Merkels Neubelebung des europäischen Geistes: „Der schon tot geglaubten Verfassung, die ein handlungsfähiges Europa der 27 (und mehr) dringend braucht, hat sie mit der Berliner Erklärung neues Leben eingehaucht.“ Respekt zollt auch die Kölnische Rundschau : „Europa - das kann die Kanzlerin.“ Ihr Auftritt als Gastgeberin des EU-Geburtstagsgipfels sei „charmant und stilsicher“ gewesen, „vermittelnd und visionär“.

Auch die Financial Times Deutschland sieht die eigenen Erwartungen übertroffen. Die von Merkel geforderte vertragliche Grundlage der EU ab 2009 habe weitreichende Folgen. Zum einen habe die Kanzlerin jetzt ein Mandat, bis Juni einen Plan zur Rettung der wichtigsten Elemente der EU-Verfassung zu entwickeln. Die Mitgliedsstaaten hätten sich zum anderen auf 2009 als Zieldatum für den neuen Vertrag festgelegt. „Wer die EU voranbringen will, muss wie Merkel darauf hinarbeiten, dass jene Regeln der Verfassung schnell in Kraft treten, die die EU wieder manövrierfähig machen.“

Der General-Anzeiger Bonn findet, die Kanzlerin habe „die erkennbare Verwaschenheit der Berliner EU-Zukunftserklärung durch einen starken politischen Redeauftritt teilweise kompensiert“. Sie habe es geschafft, einer Veranstaltung einen politischen Prägestempel aufzudrücken, die allenfalls zufrieden auf 50 Jahre in Friede, Freiheit und relativem Wohlstand zurückblicken könne, aber keinesfalls selbstzufrieden in die europäische Zukunft schauen dürfe. Merkels „Strategie der kleinen pragmatischen Schritte“ trage die ersten Früchte, beobachtet der Kölner Stadt-Anzeiger ; die Badische Zeitung schwelgt von Merkels „Mischung aus naturwissenschaftlicher Problemanalyse, psychologischem Druck und mädchenhaftem Mimikri“.

Doch nicht alle übertreffen sich in Lobesgesängen auf die Bundeskanzlerin. Die Skeptiker halten sich jedoch weniger an Merkels Auftritt fest, sondern eher an den Erfolgsaussichten ihres Appells. Die Süddeutsche Zeitung bescheinigt Merkel zwar einen erfolgreichen Auftritt, stellt aber zugleich fest, dass es nicht reiche, nur Termine für Konferenzen zu verabreden. Die Berliner Erklärung offenbare, wie weit der Weg noch zu einer Verfassung sei, so wie sie der Konvent einst beschlossen habe. „Wie auch immer das Reformwerk heißt: Wenn es nicht aus der Substanz des ursprünglich verabredeten Verfassungsvertrags besteht, dann gleitet Europa aus einer akuten in eine chronische Krise.“

Leser-Kommentare
  1. Tatsächlich ist die Angst vor der vermeintlichen 'geographischen Überdehnung' durch die Aufnahme der Türkei ein immer wiederkehrendes Motiv in den FAZ-Kommentaren, die sich mit der EU beschäftigen. Dabei ist diese Obsession nicht einmal spezifisch konservativ - man findet die Angst vor den Türken nämlich genausogut in der linksliberalen Presse, wie z.B. in der Süddeutschen Zeitung. (Schon bemerkenswert, dieser wachsende latente Antiislamismus hierzulande).

    Dabei ist die von Klaus-Dieter Frankenberger aufgeworfene Frage, ob die EU tatsächlich mehr Kompetenzen in der Außen- und Energiepolitik, in der Rechts- und Innenpolitik braucht, für mich die interessantere Frage. Es ist in der Tat schade, dass in Deutschland (anders als etwa in England oder in Skandinavien) kaum jemals ernsthat darüber diskutiert wird, wieviel Europa wir denn eigentlich haben wollen. Möchte wirklich jeder in diesem Land künftig von Brüssel statt von Berlin aus regiert werden? Ich jedenfalls nicht!

  2. Interessant scheint hier die Selektivitität der Meinungen zu sein. 25 Nationen sind offenbar ok, erst bei der 26. redet man plötzlich von Überdehnung, weil es sich um die Türkei handelt. Dennoch redete man in der Zwischenzeit bereits von nordafrikanischen Ländern -- ja, Gerhard Schröder versprach selbst dem asiatischen Georgien baldige Aufnahme.

    Tatsache ist, dass der maximale Überdehnungspunkt wohl schon hinter uns liegt und die Expansion längst den Punkt erreicht hat, wo es schwieriger und schwieriger wird, die unübersichtliche Vielzahl der Völker, Kulturen, Sprachen, Bräuche, Sozialleistungen und Steuern alle noch unter einen EU-Hut zu bringen.

    Kein geringerer als Chirac sagte erst vor nicht allzu langer Zeit, dass es früher einfacher gewesen sei, Entscheidungen zu treffen, als man noch zu sechst um einen Tisch saß. Heute, so fuhr er fort, beginne jede Sitzung zunächst mit einer Präambel von jedem der 25 Mitglieder, und dann sei es bereits Zeit, zum Mittagessen zu gehen.

  3. Zeitung Nepszabadsag, Ungarn
    In der deutschen Hauptstadt wurde ein Dokument geboren, das mit der Zeit dafür berühmt werden wird, dass es alle heutigen Probleme der EU unter den Tisch gekehrt hat. Expressis verbis wurde darin weder die von den Niederländern und Franzosen abgelehnte EU-Verfassung erwähnt, noch die Erweiterung oder die heftig umstrittenen religiösen Wurzeln. Es zeugt von Machtlosigkeit, dass die EU an Stelle von Antworten Konzerte angeboten hat.

    La Stampa, Italien
    Der Tonfall der Erklärung ist so wohlgefällig, dass er fast schleimig wirkt, die Inhalte sind so vage, dass sie völlig verschwommen erscheinen. Die Formulierung schlichter Banalitäten, die man kaum im Manifest irgendeiner Hilfsorganisation finden würde, kann ja letztlich kaum etwas anderes bewirken, als dass wir uns einmal mehr über das Glück freuen, in diesem gesegneten Teil des Globus auf die Welt gekommen zu sein.

    El Mundo, Madrid
    Der Aufwand bei den Feierlichkeiten konnte die schwere Krise der EU nicht vergessen machen. Die von der deutscnen Bundeskanzlerin Merkel initiierte Berliner Erklärung war mit hohen Erwartungen verknüpft. Sie enthält nichts als eine Aufzählung schöner Prinzipien ohne praktische Konsequenzen.

    La Croix, Paris
    Was der EU fehlt, das wird durch den Aufruf von Berlin, eine Art Mindestprogramm bis 2009, nicht wettgemacht.

    • brux
    • 27.03.2007 um 11:06 Uhr

    Ein wenig erinnert mich das alles an die Weimarer Republik: Jeder meckert an irgendwelchen Kleinigkeiten herum, meist ohne genaue Sachkenntnis, und beschädigt dabei ein grossartiges Projekt. Da kein einziger der EU-Skeptiker etwas besseres zu bieten hat als den Nationalstaat alter Machart, muss dieser kleingeistigen Miesepetrigkeit entschlossen entgegen getreten werden.

    Vor allem in Deutschland sollte man sich genau überlegen, wo die Prioritäten liegen müssen. Das Gezetere um den Euro, der angeblich zu Preiserhöhungen geführt hat (so was gab's ja unter der D-Mark NIE), ist so ein Beispiel. Jeder, der meint, das 'Fremde' denunzieren zu müssen, muss als der beschränkte Idiot, der er/sie nun einmal ist, bloss gestellt werden.

    Allerdings muss man die Printmedien hier einmal loben: Die Berichterstattung zum 50. war recht gut und solide. Peinlich war vor allem, was Frau Christiansen und ihr Team abgeliefert haben. Das war unterste Schublade, Kategorie 'Dümmste Deutsche Selbstgerechtigkeit'.

  4. Wenn Merkel es schafft, die Türkei aus Europa herauszuhalten - was aber eher unwahrscheinlich ist - würde sie eine Katastrophe verhindern. Mit ihrer Familienpolitik hat sie es aber auf jeden Fall geschafft, dass endlich ein Ruck durch unsere Gesellschaft geht, wie es schon Roman Herzog gefordert hat. Die Deutschen müssen wieder an sich glauben, dafür hat Merkel positives geleistet.

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