Alkoholmissbrauch Wir Säufer

Betrinken sich Jugendliche immer hemmungsloser? Im Gegenteil: Alkohol ist zunehmend out. Die einzige Ausnahme bilden die Risikotrinker - und deren Zahl steigt in jeder Altersgruppe.

Sie saufen, bis der Arzt kommt, und selbst der kann manchmal nicht mehr helfen. Nachdem in der vergangenen Woche ein 16-jähriger Schüler aus Berlin an einer Alkoholvergiftung starb, fordern viele Politiker: Alkoholausschank an Minderjährige verbieten! Andere hingegen pochen auf die Einhaltung bestehender Regelungen. Eins aber ist in der Debatte offenbar Konsens: Dass es einen klaren Trend gibt. Da wächst eine Generation junger Säufer heran, die sich ohne Sinn und Verstand die Rübe zuknallt. Sich auf Flatrate-Partys fast geschenkt so viele Drinks reinzieht, bis der Körper nicht mehr kann. Manchmal bis zum Exitus.

Aber stimmt das denn? Der Berliner Fall ist tragisch, von einer heranwachsenden Trinkergeneration kann indes nicht die Rede sein. Im Gegenteil – seit 30 Jahren sind die Jugendlichen nicht so vernünftig mit Alkohol umgegangen wie heute. Das beweist die Statistik: Unter den 12- bis 25-Jährigen hat sich der Konsum von Bier, Wein und Spirituosen seit 1979 halbiert (siehe Grafik: Jugend ohne Alkohol ), wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) herausfand.

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Regelmäßig befragt die BZgA eine repräsentative Auswahl von Jugendlichen zu ihren Trinkgewohnheiten. Die Antworten zeigen: Jedes Jahr trinken sie weniger Wein und Bier, bei harten Getränken stagniert der Verbrauch. Einen kurzfristigen Anstieg gab es nur für den Konsum von Mixgetränken. Zu verdanken ist der vor allem den Alkopops, einer Mischung aus Limonade und Hochprozentigem. Aber auch das Interesse an solchen Modedrinks hat massiv abgenommen, seit sie im Juli 2004 hoch besteuert und der Verkauf an unter 18-Jährige verboten wurde. In der Summe muten sich die Minderjährigen deshalb immer weniger Alkohol zu. Kamen die 12- bis 17-Jährigen 2004 noch auf durchschnittlich 43,9 Gramm pro Kopf und Körper, waren es ein Jahr später nur noch 35,7 Gramm.

Nun können solche Mittelwerte natürlich täuschen. Zum Beispiel, wenn die einen gesittet bei Cola und Wasser zusammensitzen, und die anderen sich den Fusel derweil flaschenweise hinter die Binde kippen. Aber auch den mutmaßlichen Trend zum Exzess gibt es nicht. Im Jahr 2004 sagten genau so viele 12- bis 25-Jährige, sie hätten im letzten Jahr einen Rausch gehabt, wie fünf Jahre zuvor: 40 Prozent. Auch sind sie beim ersten Mal noch genauso alt wie damals: Mit Fünfzehneinhalb macht der deutsche Durchschnittsjugendliche seine erste Bekanntschaft mit dem Delirium.

Selbst die Zahl jugendlicher Vieltrinker ist gleich geblieben: Seit 1979 stieg zwar der Anteil derer leicht an, die sich innerhalb eines Jahres sechsmal oder häufiger bis in den Vollrausch saufen. Aber statistisch signifikant ist diese Zunahme nicht (siehe Grafik: Mehr Vieltrinker? ). Eine neue Qualität riskanter Trinkgewohnheiten lässt sich ebenfalls nicht beobachten. Die Jugendlichen werden eher braver. Um das festzustellen, fragt die BZgA nach dem sogenannten "Binge drinking": So nennen es die Experten, wenn man fünf oder mehr Gläser Alkohol in rascher Folge hinunterstürzt. Auf derlei pubertäres Wetttrinken scheinen die 12- bis 17-Jährigen immer weniger Lust zu haben: 2004 sagten noch 23 Prozent, im letzten Monat beim Binge drinking dabei gewesen zu sein, 2005 waren es nur noch 19 Prozent.

Eine noch unveröffentlichte Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weist auf ähnliche Ergebnisse hin - das berichteten Forscher des Robert-Koch-Instituts vorab: So leben etwa in Berlin immer mehr Schüler rauschfrei – weil sie einfach noch nie zu viel getrunken haben. 2006 waren das 72,5 Prozent der Befragten, vier Jahre vorher noch sechs Prozent weniger.

Warum also diese Panik? Was Alkohol betrifft sind Kinder heute ja offenbar viel vernünftiger als die nun so besorgte Elterngeneration. Völlig grundlos ist die Aufregung um jugendliche Komasäufer trotzdem nicht. Eine kleine Gruppe Minderjähriger lebt nämlich doch gegen den Trend –– und dieser wilde Haufen zieht derzeit die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Während die Masse der Jugendlichen immer gesünder lebt, bechert eine Minderheit, bis alle Lichter ausgehen.

"Der Anteil der Risikotrinker hat zugenommen", sagt Stephan Daubitz von der Berliner Fachstelle für Suchtprävention. Für 274 Jugendliche zwischen 10 und 20, so die Berliner Zahlen für 2005, endete die Sauftour im Krankenhaus, wo sie wegen akuter Alkoholvergiftung vollstationär behandelt werden mussten. Das passiert immer häufiger. Zur Jahrtausendwende hatten die Kliniken der Hauptstadt erst 256 Intoxikationen gemeldet.

"Man sieht die gleiche Tendenz in allen Bundesländern", sagt Suchtexperte Stephan Daubitz. Zahlen für ganz Deutschland gibt es beim Statistischen Bundesamt für die 10- bis 25-Jährigen: 2005 waren es knapp 27.000, die stationär im Krankenhaus entgiftet wurden, weit über die Hälfte davon männlich. Insgesamt sind das 0,2 Prozent der gesamten Altersgruppe (siehe Grafik: Von der Kneipe in die Klinik ). Vor fünf Jahren waren es erst halb so viele.

Allerdings: Ein rein jugendliches Phänomen ist das nicht – es betrifft die gesamte Gesellschaft. Auch unter den Älteren ab 26 Jahren gibt es immer mehr, die völlig ohne Maß und Verstand trinken. 63.000 Menschen wurden im vorvergangenen Jahr mit einer Alkoholvergiftung in die Klinik eingeliefert. Im Jahr 2000 waren es erst 41.000 (siehe Grafik: Saufen wie die Alten ). In der öffentlichen Diskussion kommen diese Erwachsenen leider nicht vor. Nur die Kinder, die ihrem Beispiel allzu eifrig folgen.

"Über diese Jugendlichen wissen wir fast nichts, das ist ein großes Problem", sagt Christa Merfet-Dite, Sprecherin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), die Daten zu allen Arten von Drogenkonsum sammelt. Die jungen Risikotrinker wären bisher schlichtweg nicht genau untersucht worden. Gezielte Suchtprävention sei darum kaum möglich. Denn dazu müsste man zunächst einmal wissen: Wer sind diese Jugendlichen überhaupt? Welchen sozialen Hintergrund haben sie und was treibt sie dazu, bis zur Ohnmacht zu trinken?

Immerhin, es gibt Anhaltspunkte. Die üblichen Klischees scheinen jedenfalls nicht zuzutreffen. Beispiel Bildung: Beim gefährlichen Binge drinking stehen junge Gymnasiasten den gleichaltrigen Hauptschüler in nichts nach, wie das BZgA herausfand (siehe Grafik: Auf ex – Bildung egal ). Und die älteren Gymnasiasten trinken genauso oft auf Ex wie Berufsschüler im gleichen Alter. Laut Jugendgesundheitsstudie der WHO scheinen auch Integrationsprobleme keine Rolle zu spielen: Junge Berliner mit Migrationshintergrund gaben fast doppelt so häufig an, noch nie einen Alkoholrausch erlebt zu haben wie Einheimische. Genaues lässt sich daraus allerdings noch nicht für die Risikotrinker ableiten.

Konkreter ist da die Krankenhausstatistik in Berlin: Die meisten der Jugendlichen, die nach dem Besäufnis in der Klinik wieder zu sich kommen, stammen aus Elternhäusern in Steglitz-Zehlendorf und Pankow - den besseren Wohngegenden der Stadt (siehe Grafik: Exzess der Wohlbehüteten? ). "Die sind alle gut situiert", sagt Stephan Daubitz von der Berliner Fachstelle für Suchtprävention. Aus den ärmeren Stadtvierteln fänden sich tendenziell weniger Alkoholopfer in den Krankenhäusern wieder. "Die Jugendlichen von dort nehmen vielleicht andere Drogen", versucht Daubitz das zu erklären. Eine andere Möglichkeit: Die Saufkumpanen der wohlsituierten Kampftrinker rufen einfach schneller den Krankenwagen.

Schuld an dem Datenmangel ist laut Merfet-Dite unter anderem die deutsche Einstellung zum Alkohol. Untersuchungen zu anderen Drogen gebe es ja zuhauf. "Aber Alkohol ist nie als Rauschgift anerkannt worden", sagt die DHS-Sprecherin. Ein paar Joints in geselliger Runde gehen schon als Drogenparty durch, die feuchtfröhliche Weinverkostung nicht. Trotz möglicher Folgen. Und wo keine Gefahr gesehen werde, da werde eben auch nicht geforscht. "Wir brauchen eine Imageumkehr beim Alkohol", fordert Merfet-Dite. Man müsse endlich akzeptieren, dass Alkohol eben nicht nur Genussmittel sei, sondern auch tödliches Gift.

"Wir waren uns des Themas bisher nicht bewusst", gesteht auch ein Referent im Gesundheitsministerium die bisherigen Versäumnisse ein. Jetzt wolle man darüber nachdenken, wie Studien über die rätselhafte Gruppe der jungen Risikotrinker anzuschieben seien. Denn auch wenn die Zahlen bisher nicht darauf hindeuten - es bestehe die Gefahr, "dass sich das zu einer Kultur entwickelt".

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Leser-Kommentare
  1. ...egal, ob fremdenfeindlicher Überfall, Problemkinder an Schulen oder hemmungloses Saufgelage unter Minderjährigen: es gibt keine gesamtgesellschaftlichen Probleme, es handelt sich bloß um 'bedauernswerte Einzelfälle', Tendenz fallend. Na klar....wie war das mit 'Wehret den Anfängen'?

  2. 2. Test

    .. ob ich wieder rausfliege, nur weil ich die Wahrheit schreibe!

  3. .. wenn ein wenig Spott und Ironie nicht das ganze Geschäft verderben.

    Nach meinen Erfahrungen (mittlere Stadt in Brandenburg) nimmt das Alkoholproblem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen stetig zu. Kollektive Besäufnisse am Wochenende sind Standardfreizeitbeschäftigungen sowohl unter Jungen als auch unter Mädchen und am besten alle zusammen. Am hellichten Tage lehnen 14, 15, 16 Jährige an den Laternenpfählen und trinken 'ihr Fläschchen'. Ungeniert lassen sie sich in Parks nieder oder ziehen 'Flasche haltend' durchs Straßenbild.

    Doch wenn man in ihre leeren Gesichter und traurigen Augen blickt, dann leben sie nicht - sie vegetieren, so wie auch viele ihrer Eltern!

    Wer nicht erkennt, wie sehr sich im Grunde diese Jugendlichen nach Selbstbestätigung und Erfüllung ihres kaum begonnenen Lebens sehnen, wer wieder nur meint eine Randgruppe identifiziert zu haben und dabei nicht erkennt, dass die Flatratetrinker und Komasäufer nur die Spitze des Eisbergs sind, sollte nicht solche Artikel schreiben.

    Alkoholismus unter Jugendlichen nimmer immer mehr zu, denn ihre Verzweiflung steigt und ihr Ruf nach Anerkennung - im Grunde - nach Liebe - verhallt wieder einmal ungehört.

    Bis zum nächsten Toten...

  4. Alle statistischen Zahlen, die einen steigenden Alkoholkonsum bestätigen, sind 'statistisch nicht signifikant'. Auf der anderen Seite werden Unterschiede von wenigen Prozent als Beleg für die These des Autors herangezogen...?

    Im Übrigen zweifel' ich die Aussagekraft dieser statistischen Untersuchung doch stark an. Meine Erfahrungen decken sich eher mit denen von NorManega, und mit 20 Jahren bin ich denke ich auch noch nah genug an der besprochenen Zielgruppe dran, um das beurteilen zu können.

  5. „Man müsse endlich akzeptieren, dass Alkohol eben nicht nur Genussmittel sei, sondern tödliches Gift.“

    Jawohl!! Wir fordern den Schutz der Nichttrinker im öffentlichen Raum. Für Gaststätten fordern wir ein absolutes Trinkverbot. Ausnahmsweise darf in gesonders ausgewiesenen 'Trinkerzimmern' Alkohl konsumiert werden.

  6. Bei allem Respekt für diesen gelungenen Artikel, zweierlei stößt mir übel auf: Erstens finde ich die Wörter 'flatrate-parties' und 'binge drinking' verwirrend. Sie suggerieren einen neuen Trend, der jedoch nicht exisiert. Immer schon hat es 'Freibier' gegeben, immer schon wurde um die Wette getrunken. Mir scheint, als wären diese Anglizismen nur eingeführt worden, um Alkoholgegnern weitere fadenscheinige Argumente zu liefern.

    Zweitens möchte ich die Meinung zu Alkohol in der deutschen Gesellschaft betrachten, die sich auch im Artikel wiederfindet. Das Bild des Alkoholtrinkenden in unserem Lande ist negativ besetzt. Stelle man sich einen Betrunkenen vor: Man assoziiert sofort Alkoholismus, randalierende Trunkenbolde, Fußballfans, 'Nicht-Klarkommen' mit der Welt. Differenziert wird kaum.
    Interessant finde ich den Vergleich zu den südeuropäischen Ländern, den ich aufgrund eigener Beobachtungen und den Erzählungen meiner griechischen Partnerin hier anstellen möchte.
    In Griechenland ist das Bild des Betrunkenen das eines Mannes, der nach einem Fest fröhlich singend durch die nächtlichen Straßen heimwärts geht/wankt. Mir gefällt diese Sichtweise, weil sie mir 'gesünder' und positiver erscheint. Natürlich möchte ich allwochenendliche Exzesse nicht befürworten, aber ab und an, zu sorgfältig gewählten Anlässen mal ein wenig über den Durst zu trinken kann nicht verwerflich sein.

    Wieviele Menschen genießen ihren Wein, ihr Bier oder einen guten Cocktail ohne Koma und müssen sich trotzdem Stigmatisierungen von Anti-Alkoholikern gefallen lassen, sich sogar dafür rechtfertigen. Um auf den Text zurückzukommen: 'Cola und Wasser in gesitteter (auch ein schlimmes Wort übrigens) Runde' auf der einen, 'Fusel hinter die Binde kippen' auf er anderen. Diese vom Autor gewählte, absichtlich provokative Gegenüberstellung verdeutlicht das Dilemma: Die Jugendlichen sind nicht mehr in der Lage sich zu mäßigen, weil es ihnen niemand beigebracht hat. Das ist die fatale, neue Situation.

    MfG
    Fürchtegott R.

    • rike27
    • 03.04.2007 um 13:48 Uhr

    da meine haltung zu suchtmitteln sehr liberal ist, bin ich schon jetzt gespannt darauf, wann alkohol als auch nikotin endlich unter das btmg fallen!
    denn ich bin der meinung, wer cannabis kriminalisiert, muss alkohol und nikotin ebenfalls kriminalisieren!
    und das bitte zügig und vielleicht auch mal länderübergreifend!

  7. 16 Jahre alt. Kaum hat man das Wissen und die intellektuellen Fähighkeiten, sich einen groben Überblick über die Welt zu verschaffen, versucht man auch schon wieder, sich wegzuschießen. Was beschreibt unseren Zustand eindeutiger?

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