Alkoholmissbrauch Wir SäuferSeite 3/3

Konkreter ist da die Krankenhausstatistik in Berlin: Die meisten der Jugendlichen, die nach dem Besäufnis in der Klinik wieder zu sich kommen, stammen aus Elternhäusern in Steglitz-Zehlendorf und Pankow - den besseren Wohngegenden der Stadt (siehe Grafik: Exzess der Wohlbehüteten? ). "Die sind alle gut situiert", sagt Stephan Daubitz von der Berliner Fachstelle für Suchtprävention. Aus den ärmeren Stadtvierteln fänden sich tendenziell weniger Alkoholopfer in den Krankenhäusern wieder. "Die Jugendlichen von dort nehmen vielleicht andere Drogen", versucht Daubitz das zu erklären. Eine andere Möglichkeit: Die Saufkumpanen der wohlsituierten Kampftrinker rufen einfach schneller den Krankenwagen.

Schuld an dem Datenmangel ist laut Merfet-Dite unter anderem die deutsche Einstellung zum Alkohol. Untersuchungen zu anderen Drogen gebe es ja zuhauf. "Aber Alkohol ist nie als Rauschgift anerkannt worden", sagt die DHS-Sprecherin. Ein paar Joints in geselliger Runde gehen schon als Drogenparty durch, die feuchtfröhliche Weinverkostung nicht. Trotz möglicher Folgen. Und wo keine Gefahr gesehen werde, da werde eben auch nicht geforscht. "Wir brauchen eine Imageumkehr beim Alkohol", fordert Merfet-Dite. Man müsse endlich akzeptieren, dass Alkohol eben nicht nur Genussmittel sei, sondern auch tödliches Gift.

Anzeige

"Wir waren uns des Themas bisher nicht bewusst", gesteht auch ein Referent im Gesundheitsministerium die bisherigen Versäumnisse ein. Jetzt wolle man darüber nachdenken, wie Studien über die rätselhafte Gruppe der jungen Risikotrinker anzuschieben seien. Denn auch wenn die Zahlen bisher nicht darauf hindeuten - es bestehe die Gefahr, "dass sich das zu einer Kultur entwickelt".

Zum Thema
Billiger Rausch - Was geschieht auf einer »Flatrate-Party«? Ein Tresenbesuch in Köln »

Betrunkene Kinder - Ist der steigende Alkoholkonsum eine Modeerscheinung? Ein Interview »

Alkohol - Droge Nummer Eins - Ein ZUENDER-Schwerpunkt »

 
Leser-Kommentare
  1. ...egal, ob fremdenfeindlicher Überfall, Problemkinder an Schulen oder hemmungloses Saufgelage unter Minderjährigen: es gibt keine gesamtgesellschaftlichen Probleme, es handelt sich bloß um 'bedauernswerte Einzelfälle', Tendenz fallend. Na klar....wie war das mit 'Wehret den Anfängen'?

  2. 2. Test

    .. ob ich wieder rausfliege, nur weil ich die Wahrheit schreibe!

  3. .. wenn ein wenig Spott und Ironie nicht das ganze Geschäft verderben.

    Nach meinen Erfahrungen (mittlere Stadt in Brandenburg) nimmt das Alkoholproblem unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen stetig zu. Kollektive Besäufnisse am Wochenende sind Standardfreizeitbeschäftigungen sowohl unter Jungen als auch unter Mädchen und am besten alle zusammen. Am hellichten Tage lehnen 14, 15, 16 Jährige an den Laternenpfählen und trinken 'ihr Fläschchen'. Ungeniert lassen sie sich in Parks nieder oder ziehen 'Flasche haltend' durchs Straßenbild.

    Doch wenn man in ihre leeren Gesichter und traurigen Augen blickt, dann leben sie nicht - sie vegetieren, so wie auch viele ihrer Eltern!

    Wer nicht erkennt, wie sehr sich im Grunde diese Jugendlichen nach Selbstbestätigung und Erfüllung ihres kaum begonnenen Lebens sehnen, wer wieder nur meint eine Randgruppe identifiziert zu haben und dabei nicht erkennt, dass die Flatratetrinker und Komasäufer nur die Spitze des Eisbergs sind, sollte nicht solche Artikel schreiben.

    Alkoholismus unter Jugendlichen nimmer immer mehr zu, denn ihre Verzweiflung steigt und ihr Ruf nach Anerkennung - im Grunde - nach Liebe - verhallt wieder einmal ungehört.

    Bis zum nächsten Toten...

  4. Alle statistischen Zahlen, die einen steigenden Alkoholkonsum bestätigen, sind 'statistisch nicht signifikant'. Auf der anderen Seite werden Unterschiede von wenigen Prozent als Beleg für die These des Autors herangezogen...?

    Im Übrigen zweifel' ich die Aussagekraft dieser statistischen Untersuchung doch stark an. Meine Erfahrungen decken sich eher mit denen von NorManega, und mit 20 Jahren bin ich denke ich auch noch nah genug an der besprochenen Zielgruppe dran, um das beurteilen zu können.

  5. „Man müsse endlich akzeptieren, dass Alkohol eben nicht nur Genussmittel sei, sondern tödliches Gift.“

    Jawohl!! Wir fordern den Schutz der Nichttrinker im öffentlichen Raum. Für Gaststätten fordern wir ein absolutes Trinkverbot. Ausnahmsweise darf in gesonders ausgewiesenen 'Trinkerzimmern' Alkohl konsumiert werden.

  6. Bei allem Respekt für diesen gelungenen Artikel, zweierlei stößt mir übel auf: Erstens finde ich die Wörter 'flatrate-parties' und 'binge drinking' verwirrend. Sie suggerieren einen neuen Trend, der jedoch nicht exisiert. Immer schon hat es 'Freibier' gegeben, immer schon wurde um die Wette getrunken. Mir scheint, als wären diese Anglizismen nur eingeführt worden, um Alkoholgegnern weitere fadenscheinige Argumente zu liefern.

    Zweitens möchte ich die Meinung zu Alkohol in der deutschen Gesellschaft betrachten, die sich auch im Artikel wiederfindet. Das Bild des Alkoholtrinkenden in unserem Lande ist negativ besetzt. Stelle man sich einen Betrunkenen vor: Man assoziiert sofort Alkoholismus, randalierende Trunkenbolde, Fußballfans, 'Nicht-Klarkommen' mit der Welt. Differenziert wird kaum.
    Interessant finde ich den Vergleich zu den südeuropäischen Ländern, den ich aufgrund eigener Beobachtungen und den Erzählungen meiner griechischen Partnerin hier anstellen möchte.
    In Griechenland ist das Bild des Betrunkenen das eines Mannes, der nach einem Fest fröhlich singend durch die nächtlichen Straßen heimwärts geht/wankt. Mir gefällt diese Sichtweise, weil sie mir 'gesünder' und positiver erscheint. Natürlich möchte ich allwochenendliche Exzesse nicht befürworten, aber ab und an, zu sorgfältig gewählten Anlässen mal ein wenig über den Durst zu trinken kann nicht verwerflich sein.

    Wieviele Menschen genießen ihren Wein, ihr Bier oder einen guten Cocktail ohne Koma und müssen sich trotzdem Stigmatisierungen von Anti-Alkoholikern gefallen lassen, sich sogar dafür rechtfertigen. Um auf den Text zurückzukommen: 'Cola und Wasser in gesitteter (auch ein schlimmes Wort übrigens) Runde' auf der einen, 'Fusel hinter die Binde kippen' auf er anderen. Diese vom Autor gewählte, absichtlich provokative Gegenüberstellung verdeutlicht das Dilemma: Die Jugendlichen sind nicht mehr in der Lage sich zu mäßigen, weil es ihnen niemand beigebracht hat. Das ist die fatale, neue Situation.

    MfG
    Fürchtegott R.

    • rike27
    • 03.04.2007 um 13:48 Uhr

    da meine haltung zu suchtmitteln sehr liberal ist, bin ich schon jetzt gespannt darauf, wann alkohol als auch nikotin endlich unter das btmg fallen!
    denn ich bin der meinung, wer cannabis kriminalisiert, muss alkohol und nikotin ebenfalls kriminalisieren!
    und das bitte zügig und vielleicht auch mal länderübergreifend!

  7. 16 Jahre alt. Kaum hat man das Wissen und die intellektuellen Fähighkeiten, sich einen groben Überblick über die Welt zu verschaffen, versucht man auch schon wieder, sich wegzuschießen. Was beschreibt unseren Zustand eindeutiger?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service