Ein Jahr ist es jetzt her, dass die Rütli-Schule in Berlin schlagartig zur berühmtesten Schule Deutschlands wurde. Das lag jedoch nicht so sehr an der Schule selbst. Denn als am 30. März 2006 der Tagesspiegel den Hilfeschrei des Rütli-Kollegiums veröffentlichte, wurde von den Medien eigentlich nur noch die längst ausgeschriebene Planstelle „Katastrophenschule“ besetzt. Eine Adresse wurde gebraucht, wo es O-Töne und Bilder gibt. Man sagte Rütli, gemeint war aber die Skandalisierung der pädagogischen Sackgasse Hauptschule – und die war nötig.

In Berlin geht die Grundschule über sechs Jahre. Der Anteil der Kinder, die danach zur Hauptschule gehen, liegt bei nur fünf Prozent. Jedoch werden die Klassen dann Jahr für Jahr mit sogenannten - wie es in der Schulsprache heißt - „Rückläufern“ aus Realschulen und Gymnasien „aufgefüllt". Hauptschüler ist ein Stigma. Das wissen Kinder bereits in der Grundschule. Und auch Hauptschullehrer will keiner mehr sein. So sind von den Referendaren in Baden-Württemberg nur noch drei Prozent überhaupt bereit, dort zu unterrichten. Viele ziehen die Arbeitslosigkeit der Hauptschule vor, die sie offenbar für eine Art Vorhölle halten.

Gewiss, es gibt noch Gegenden im Süden Deutschlands, da war die Hauptschule bis vor Kurzem tatsächlich noch die Schule der Mehrheit - die Hauptschule eben. Aber das ist nun auch im Bayerischen Wald und auf der Schwäbischen Alb Vergangenheit. Dass sich dort die Hauptschule so lange gehalten hat, ist einer der Gründe für das bessere Abschneiden des Südens bei Pisa. Die Gruppe der „Risikokandidaten“, wieder so ein schreckliches Wort, die als Fünfzehnjährige allenfalls Grundschulniveau erreichen und es auf dem Arbeitsmarkt schwer haben werden, ist dort auch deswegen geringer, weil die Hauptschule noch kein Sammelbecken derer mit Handicaps war.

Viele Nachteile und Verzögerungen in der Entwicklung lassen sich ja beheben, und genau das ist doch ein Sinn von Schule: Nicht nur möglichst viel dazuzulernen, sondern auch etwas von seinen Hemmungen und Komplexen zu „entlernen“ oder, wie Peter Sloterdijk sagt, „sich zu entidiotisieren.“ Wenn aber auf den Straßen Hauptschüler ein Schimpfwort geworden ist, egal wie gut in mancher trotz alledem gearbeitet wird, dann wird in den Enklaven für Menschen mit kleinen und großen Fehlern das Lernen, und nicht zu vergessen das Entlernen, zu einem kaum noch zu leistenden Gewaltakt. Und wenn eine Schule erst mal als pädagogisches Lazarett angesehen wird, dann braucht es den pädagogischen Sisyphus, um noch die positive Grundstimmung herzustellen, ohne die Lernen nun mal nicht gelingt.

Auch wer keine Schulstrukturdebatte will, muss sich heute die Frage stellen, ob es den Weg zurück zur Hauptschule als einer Schule der Mehrheit überhaupt noch geben kann. Die Konservativen haben es versucht. Preise für die besten Hauptschulen werden vergeben. Man spricht, wo immer möglich, von der Aufwertung der Hauptschule und nennt die Kritiker gern die Rufschänder, die die Hauptschule auf dem Gewissen hätten. Doch die Quote sinkt und sinkt. Jetzt will Bayern Hauptschulen mit einigem Geld zu „rhythmisierten Ganztagsschulen“ machen, in denen sich das Lernen in Fächern und AGs mit einer gut gestalteten Freizeit abwechselt. Aber wird man damit gegen den sicheren Instinkt von Menschen ankommen, die wissen, die Letzten beißen die Hunde?

Es kommt hinzu, dass immer weniger Arbeitskräfte für niedere Arbeiten gesucht werden. Diejenigen, die schlecht qualifiziert und außerdem noch in ihrem Selbstbewusstsein beschädigt sind, werden einfach nicht mehr gebraucht. Was bleibt dann den Überflüssigen? Resignation und die Flucht in Medienkonsum. Manche Überflüssigen weichen in Gewalt, Kriminalität und Subkulturen aus. Darf es überhaupt eine Bildungseinrichtung geben, deren heimliche Botschaft heißt, wer zu uns gehört, wird in der Gesellschaft zum Außenseiter?