Es war ein unglückliches Tackling, bei dem sich Bob Marley am rechten Fuß verletzte. Humpelnd verließ er das Feld. Das Spiel der Musiker gegen eine Auswahl von Journalisten in Paris lief weiter. Der herbeigerufene französische Arzt versorgte den großen Zeh, an dem der Nagel abgerissen war, und verordnete Ruhe. Aber Marley wollte seine Europatournee nicht absagen, denn sein Album Exodus kletterte gerade in den Charts nach oben. Bob Marley ging wieder auf die Bühne und auf den Platz - mit einem dicken Verband um den Fuß.

Bob Marley ist ein begeisterter Fußballer, schon seit er im Alter von zwölf Jahren zu seiner Mutter nach Kingston zieht. Der kleine Nesta, so sein erster Vorname, spielt manchmal bis zehn Uhr nachts. Seine Mutter Cedella bestraft ihn mit Ohrfeigen, aber das ist ihrem Sohn egal. Das Einzelkind liebt den Mannschaftssport, sein ganzes Leben lang hält er seinen alten Kumpels aus dem Ghetto Trenchtown die Treue.

Anfang der Sechziger beginnt die Karriere des erfolgreichsten Reggaemusikers aller Zeiten. Marley gründet gemeinsam mit Peter Tosh und Bunny Livingstone die Wailers, die rasch zu lokalen Stars in Jamaika werden. Wenn Marley keine Musik macht, spielt er Fußball. Das ändert sich auch nicht, als er Ende der Sechziger den Rastafari-Glauben annimmt. Später erklärt er in einer überraschenden Einfachheit, warum er nun den Rastafari-Gott Jah anbetet. "Jah kommt auf dich zu wie Pelé. Er spielt mit dir. Hast du Pelé schon mal dribbeln gesehen?" Der Vergleich mit dem brasilianischen Superstar ist kein Zufall, Pelé ist das Sportidol des Reggaestars, der die Weltmeistermannschaft von 1970 bewundert. "Für mich ist Fußball Brasilien, Tostão und Rivelino!" Insbesondere zu Tostão, dem genialen Spielgestalter der Seleção, der wahrscheinlich besten Fußballelf aller Zeiten, fühlt der Songwriter eine Seelenverwandtschaft.

1971 haben die Wailers ihren ersten Nummer-eins-Hit in Jamaika, und Marley lernt den besten Fußballer des Landes Alan "Skill" Cole kennen, der mit Pelé beim FC Santos zusammengespielt hatte. Marley und Cole werden unzertrennliche Freunde. Der Exfußballer übernimmt das Amt des Managers der Wailers und produziert anschließend sogar einige ihrer Alben. Er coacht die Band fast wie ein Fußballtrainer und schickt sie vor jeder Tour ins Trainingslager. Bis zu Marleys Tod im Jahre 1981 geht das so: aufstehen im Morgengrauen, einstündige Strandläufe und anschließend intensives Fußballtraining. Zu trinken gibt es Irish Moss, ein Cocktail aus Algen, Körnern, Leinsamen und Milch. Wie gut war Marley auf dem Platz? Sein Kumpel Desmond Smith erinnert sich: "Bob spielte gut, aber hart. Er wollte seinen Gegenspieler nach dem Schlusspfiff hinken sehen, und er wusste auch, wie man das anstellt." Wie ein "Tiger, der aus dem Käfig gelassen wird", habe er auf dem Feld so lange gespielt, bis alle anderen vor Erschöpfung am liebsten geweint hätten.

1972 veröffentlichen die Wailers ihr erstes Album auf dem jungen Island-Label und beginnen, in England Konzerte zu spielen. Wann immer es geht, schauen sie Fußball im Fernsehen, und Bob Marley lernt auch die Spielweise deutscher Mannschaften schätzen. "Auch wenn er den südamerikanischen Fußball bevorzugte, mochte er auch den niederländischen und den deutschen Fußball", bestätigt Tyrone Downie. Tosh und Livingstone verlassen im WM-Jahr 1974 die Wailers. Eric Clapton sahnt mit der Coverversion von I Shot The Sheriff den Welterfolg ab.

Dann geht es Schlag auf Schlag. Marley geht auf US-Tour und wird mit dem Song No Woman No Cry zum ersten Megastar aus der Dritten Welt. Er trägt Rastalocken und Trainingsanzüge von Adidas, während sich die Rockstars der Epoche möglichst glamourös und teuer kleiden. Bob Marley und die Wailers beginnen die Stadien auf der ganzen Welt zu füllen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit spielen sie Fußball: auf Parkplätzen, in den Konzerthallen vor dem Soundcheck und manchmal, bei schlechtem Wetter, tragen sie alle Möbel aus einem Hotelzimmer, um "indoor" zu spielen. "Wir haben immer trainiert, sogar vor den Konzerten, weil Bob sich gerne aufwärmte und auf der Bühne schon schwitzte", sagt Smith.