Rock ist jetzt die Klassik der frühen Jahre. Das behauptet Michael Pilz in der Welt . Als Rockmusiker versteht er die alten Helden der Popkultur, die sich seit einigen Jahren um ihr Erbe sorgen: Neil Young und David Bowie , Pink Floyd und Brian Wilson. Der Gegenwartsbezug des Rock, vielleicht sein ursprünglich stärkstes Unterscheidungsmerkmal gegenüber dem bürgerlichen Genre der Klassik, sei Geschichte. Aus, vorbei! Heute drehe sich alles um Lebenswerke und Liederkataloge. Dabei übersieht Pilz jedoch, dass sich in der aktuellen Rockmusik noch immer etwas bewegt. Ihm gehe es nicht darum, „die Rockmusik an Klassik-, Kanon-Werk- und Kunstbegriffen aus der Zeit der kulturellen Dominanz des Bürgertums zu messen“, sondern „um Verwurzelung und Kontinuität“. „Wenn DVDs historische Konzerte dem Moment entreißen und CDs berühmte Werke kritisch editieren. Wenn die Mittel der Musik von jungkonservativen Künstlern inbrünstig verteidigt und die Alten dadurch selber gegenwärtig werden. Wenn den Massenmedien nicht mehr der Geruch der Ware oder schlimmer noch: der Nostalgie anhaftet. Dann wird sogar ein Kanal wie Youtube zur Erinnerungsfenster. Darin ist Frank Zappa in den Fünfzigern als junger Komponist zu sehen bei der Uraufführung eines Stücks für Luftpumpe und Fahrrad. Dylan redet 1962 über Woody Guthrie . Und Neil Young sieht 1967 wie 2007 aus, ein Klassiker, nur jünger.“ Pilz’ Fazit: „Niemand sollte sich über Geschichte lustig machen.“ Vor allem nicht die Rockmusiker.

Klassiker sind in gewisser Weise längst auch die Industrial -Pioniere Throbbing Gristle . Ob auch sie in Werkdimensionen denken? Früh schon veröffentlichten sie Konzertmitschnitte im Dutzend. Nach 27 Jahren Studiopause haben sie ein neues Album eingespielt. Der Titel: Part Two – The Endless Not .

Florian Sievers hat sich mit der Band in Berlin unterhalten. Der Text findet sich auf Welt online .
Schrill ist bereits der erste Blick auf die Musiker: Wie „die vier Mitglieder der legendären britischen Band Throbbing Gristle so in der Lobby des Berliner Forum Hotels sitzen, wirken sie wie ein Team von Schauspielern bei einer Drehpause am Set: eine Goldzahntranse mit wüsten Tätowierungen, ein schmieriger Motorradrocker, ein grauer Versicherungskaufmann und eine leicht knittrige Domina“.

Im Interview sprechen sie über Themen, die das Projekt seit seiner Gründung 1976 begleiten. Es geht um gezielte Provokationen, Punk, Liebe und Identität. Die Musik von Throbbing Gristle sei Klangjournalismus. „Der Krach sollte die herrschenden Strukturen angreifen und zersetzen.“ Wollten sie die Popmusik unterwandern? „Nein, nie. Wir waren rein und voller Liebe.“ Ihre Konzerte sprechen da eine andere Sprache. Genesis P-Orridge ist nach wie vor das Sprachrohr der Lärmexperimentalisten. Zu fast allen Fragen trägt er etwas bei. Eine betrifft nur ihn: seinen Körper, den er seit Anfang der neunziger Jahre mit Hormonen und Implantaten „umgestaltet“. Frage: „Dient das Ihrer Untersuchung zum Wesen des Menschen?“ Darauf P-Orridge: „Ich bin noch immer interessiert daran, Identitäten zu hinterfragen, auch meine vormals männliche Identität. Darum haben meine Ehefrau Lady Jaye und ich vor 15 Jahren beschlossen, uns einander so weit es geht anzunähern. Auf diese Weise erschaffen wir eine neue Form von Geschlechtsidentität: die Pandrogynität. Wir sind beide nicht mehr männlich oder weiblich, wir sind beide beides – und damit sind wir endlich frei. Auf diese Weise erreichen wir eine neue Stufe der Evolution. Und ich kann Ihnen versichern, Brüste zu haben, fühlt sich ziemlich gut an. Das sollten Sie auch mal probieren.“

Ohne Brüste drängten Trent Reznor und seine Band Nine Inch Nails in die Charts der neunziger Jahre – mit Industrial-Klängen, Provokation und düsterem Gebaren. Er zog in die Villa von Charles Manson und verhalf Marilyn Manson zu seinem Image. Heraus kamen Rocktheater mit Spinnweben und Industrial-Experimente für die Masse. In Berlin tobte Reznor vergangene Woche durch die Columbiahalle. Michael Pilz war für die Welt zur Stelle. „Es hat (…) etwas zutiefst Nostalgisches, diesen Beschwörungen einer durch Industrien verursachten Entfremdung beizuwohnen. Ja, so könnten Walzwerke früher geklungen haben. Und die Haare waren damals schwarz vom Ruß, nicht vom Stylisten. Und der Mensch veräußerte noch seinen Körper statt der Seele. So sind die über den Köpfen der fünf Musikanten hängenden Funzeln mehr als originelle Lichtquellen. Sie sorgen für ein Bild des Jammers. (…) Dass Trent Reznor dabei allerdings nicht wie ein Rockstar wirkt, von dem es bräsig heißt, er sei sich treu geblieben , hat mit jenem heiligen, feierlichen Ernst zu tun, mit dem er seinen Pessimismus vorträgt. Jedes Selbstzitat erscheint vollkommen glaubwürdig und angemessen. Reznor wirkt als 41-Jähriger noch wie ein hochbegabter, jähzorniger Junge. Seine Jugend brachte er damit herum, Klavier zu lernen, Prügel einzustecken und zum Misanthropen heranzureifen. Als Erwachsener nahm er Meisterwerke für Millionen wie Downward Spiral auf, außerdem nahm er Drogen – und vor allem alles Leid auf dieser Welt persönlich.“ Er mache noch immer „großartige Popmusik bei weniger Licht“.

Umgänglicher und weniger lichtscheu ist der 20-jährige Jamie.T . Popmusik macht auch er. Sein Debütalbum Panic Prevention sorgte in England für Wirbel und hierzulande für Aufmerksamkeit. Auf den Konzerten in Deutschland präsentierte sich der Engländer sympathisch, so auch im Interview mit der FAZ -Autorin Angela Sandweger. Von Überheblichkeit keine Spur. Aus der Fassung bringt ihn allenfalls die Frage, ob er gern „ein neuer Pete Doherty“ werden wolle. „Wie bitte? Will ich Heroin nehmen und meine ganze Umgebung missachten? Das ist nicht verrückt! Das ist dumm!“ Lieber schwärmt Jamie.T von Mixkassetten. „Als ich aufwuchs, haben wir unsere Mixes immer auf Kassette gemacht. Wenn du einen Mix auf CD aufnimmst, dann kannst du durch die Tracks zappen, was ich nicht leiden kann. Jeder sollte sich einen Mix von Anfang bis zum Ende anhören, denn jeder Song ist wichtig in dem Gesamtkonzept. Ich lebe in der Generation der iPods, wo jeder nur 30 Sekunden in einen Song reinhört und dann weiterskipt. Wann hört sich je einer ein ganzes Album an? Ganz anders ist das, wenn du dir ein Album auf Kassette anhörst. Du kannst nicht immer wieder zum selben Song zurückgehen. Es ist viel zu aufwendig, zurückzuspulen. Außerdem sind Kassetten viel robuster als CDs, die ständig verkratzen. Ein Tape schmeißt du aus dem Fenster, und danach spielst du es wieder im Player ab.“ Schöne, alte Kassettenwelt!