Die Parallelen, die Fernsehbilder und politische Wortmeldungen vom Sonntag heraufbeschworen, verhießen nichts Gutes. Während in Teheran rund 200 bestellte Demonstranten, begleitet von einem Großaufgebot an Sicherheitskräften, die britische Botschaft („Spionagehöhle!“) mit Steinen und Feuerwerkskörpern bewarfen, die Ausweisung der britischen Diplomaten verlangten und Großbritannien, den USA und Israel das Verderben wünschten, äußerte sich US-Präsident George W. Bush erstmals zu der seit dem 23. März schwelenden Konflikt um die Gefangennahme 15 Angehöriger der „Royal Navy“ durch iranische Revolutionsgarden. Bush sprach von „britischen Geiseln“.

All das erinnerte an bald 30 Jahre alte Vorgänge: Die Erstürmung der US-Botschaft am 4. November 1979 durch revolutionäre Studenten, die Gefangennahme und öffentliche Vorführung von 66 Amerikanern, das folgende, 444 Tage dauernde Geiseldrama, das das Ende der Präsidentschaft Jimmy Carters überschattete und der Supermacht USA eine große Demütigung im Kalten Krieg bescherte.

Doch die Parallelen zur jüngsten Geschichte der Konfrontation zwischen Iran und den Vereinigten Staaten überdeckt, dass der iranische Konflikt mit Großbritannien Wurzeln hat, die weit zurückreichen. Dessen Eigenheiten deutet beispielsweise die offizielle Adresse der britischen Botschaft an. Sie liegt an der Bobby-Sands-Straße, benannt nach jenem Aktivisten der irischen Terrororganisation IRA, der sich 1981 in britischer Haft per Hungerstreik das Leben nahm.

In weiten Teilen der iranischen Gesellschaften gilt England bis heute als mächtiger Strippenzieher – während sich die post-imperialen Briten verwundert die Augen reiben. Der langgediente BBC-Reporter David Blow war 1965 sprachlos, als ihm ein iranischer Freund nach der Ermordung des iranischen Premierminister Hasan Ali Mansur durch einen islamistischen Fanatiker spontan sagte: „Das ward ihr Briten!“ Damals regierte in London Labour-Premierminister Harold Wilson, zeitweilig so etwas wie der Tony Blair der1960er Jahre.

Geändert hat sich seitdem wenig. Als der Iran-Korrespondent des Guardian , Robert Tait, vor eineinhalb Jahren Opfer eines Bombenanschlags arabischer Separatisten in der südiranischen Provinz Khuzestan besuchte, fand er die gleiche Volksmeinung vor. Die entsprechende Vorgabe der iranischen Führung um Präsident Mahmoud Ahmadinedschad brauchte es gar nicht.

Die Hinterlist und Allmächtigkeit der Briten ist politikmächtige Folklore. Nach dem persischen Bestsellerroman „Mein Onkel Napoleon“, der Anfang der 1970er Jahre sehr erfolgreich als Fernseh-Sitcom verfilmt wurde, ist die Wendung von den „schielenden Briten“ („the cross-eyed British“) eine geflügeltes Wort. Noch weiter verbreitet ist die Wendung: „Das ist das Werk der Engländer!“ „Sie wird umgangssprachlich benutzt und bedeutet im weitesten Sinne, dass eine Verschwörung in der Luft liegt“, sagt die Autorin Nasrin Alavi, die in Teheran und London lebt und vor zwei Jahren ein Buch über die iranische Blogsphäre ( Wir sind der Iran ) geschrieben hat, „die Wendung bezieht sich nicht ausschließlich auf die Politik. Selbst ein Kind sagt das, wenn es das Gefühl hat, dass sich seine Freunde gegen es verbündet haben.“