KUNSTMARKT Schutzraum für Vielgelobte
Eine der erfolgreichsten Galerien Deutschlands, Sprüth Magers, eröffnet in London eine eigenständige Dependance, um sich ganz den Künstlern zu widmen - und sie vor dem hektischen Handel zu schützen.
Schaufenster zur Kunst: die neuen Räume der Galeristinnen, in denen die Arbeiten von Fotokünstlern wie Andreas Gursky...
Von Piccadilly aus sieht man es in weiter Ferne, ganz am Ende der Verlängerung von Dover Street blitzt - verlockend, vielversprechend - ein viktorianisches Schaufenster auf, das an ein Schmuckkästchen erinnert. Im Raum dahinter erkennt man, durch Entfernung und Glasfront leicht verzerrt, die große, schwarz- und wüstensandfarbige Fotoarbeit Bahrain I von Andreas Gursky. Sie zeigt eine bizarre Rennstrecke, Teil seines jüngsten Arbeiten um die globalisierte Massenkultur der zur Zeit im Münchner Haus der Kunst eine wahrlich gigantische Ausstellung gewidmet ist, und wirkt wie eine Fata Morgana, mitten im Stadtteil Mayfair.
Das Galeristinnen Monika Sprüth und Philomene Magers, die mit Dependancen in Köln und München über Deutschlands Grenzen hinaus zu den führenden Adressen für zeitgenössische Kunst zählt, haben nun auch in London eigene Räume. An die Themse kamen sie zwar schon 2003, allerdings als "Sprüth Magers Lee". Die Partnerschaft mit dem Londoner Galeristen Simon Lee beendeten sie vergangenen Sommer: "Es gab unterschiedliche Denkansätze. Wir kommen von der Kunst, uns sind die Künstler wichtig", sagt Monika Sprüth, während bei Lee der Handel im Vordergrund gestanden hätte. Seit ein paar Tagen ist nun die ebenso schmucke wie ausgefallene Nummer 7A Grafton Street, über dessen Tür ihrer beiden Namen in goldenen Lettern prangen, ihr eigenes Domizil.
...und Cindy Sherman zu sehen sind ("A Play of Selves", 1975, Act 3, Scene 9)
"Wenn man eine Galerie mit solchen Künstlern wie unseren führt" - neben Gursky unter anderem Peter Fischli & David Weiss, Jenny Holzer und Cindy Sherman, allesamt vielgelobt und arriviert - "dann muss man dorthin gehen, wo die Kunst auch von vielen gesehen wird", sagt Sprüth. "Nach New York ist London derzeit der wichtigste Ort, an dem Kunst gehandelt wird und die Auseinandersetzung mit Kunst stattfindet." Während es in München und Köln deutlich ruhiger sei, drückten in London "tagtäglich" Kunstinteressierte und Käufer auf den Klingelknopf.
"Sprüth Magers" entschieden sich, mit ihrer neuen Galerie im Stadtteil Mayfair zu bleiben, in dem Londons Top-Galerien beheimatet sind. Es sei der "richtige Ort", sagt Philomene Magers. Hier gebe es Investmentbanker, Boutiquen und Juweliere und Mayfair ziehe ein internationales Kunstpublikum an. "Wenn man über die Straße geht, um sich einen Kaffee zu kaufen", sagt Magers, "trifft man mindestens zwei Museumskuratoren und einen japanischen Sammler." In München oder Köln könne man dagegen schon froh sein, wenn zumindest einmal im Jahr Hochbetrieb herrsche. Wenn man einen Künstler vertrete wie Andreas Gursky, der drei Jahre lang an seinen neuen Bildern gearbeitet habe, "dann möchte man, dass die Leute das sehen", sagt Magers, "in Deutschland löst sich das nicht so stark ein wie hier."
Dabei haben es selbst die Galerien in Mayfair schon seit einiger Zeit gar nicht so leicht. "Londons Galeristen und Kunsthändler sind das halbe Jahr in der Welt unterwegs", sagt der Kunstmarktexperte und Doyen der Londoner Kunstkritiker, Godfrey Barker, "nur noch fünfzig Prozent des Handels geht durch die Tür', findet also in der Galerie selbst statt." Laut Barker liegt das daran, dass in dem gerade für zeitgenössische Kunst mittlerweile hochspekulativen Markt "neues Geld" den Ton angebe, und die nouveaux Riches gingen nicht gern in Galerien: "Da wirft ein Mann mit Fliege mit Begriffen um sich, die sie nicht verstehen. Für sie ist es ein Auswärtsspiel. Sie haben keine Ahnung und wissen nicht, ob es ein gutes oder ein schlechtes Bild ist, ob der Preis fair oder überhöht ist, ob es erst seit kurzem auf dem Markt oder ein schwieriges Kunstwerk' ist, das schon ewig die Runde macht."
Die neuen Reichen bevorzugten Kunstmessen und Versteigerungen, fährt Barker fort. Gerade auf letzteren werden mittlerweile schwindelerregende Summen umgesetzt. In nur einer Woche Anfang Februar versteigerte beispielsweise Sotheby's in London zeitgenössische Kunst zu einer Rekordsumme von 167 Millionen Pfund (etwa 245 Millionen Euro), darunter Andreas Gurskys 99 Cent II, Diptych , dessen Käufer bei 1,7 Millionen Pfund (2,5 Millionen Euro) den Zuschlag erhielt - die höchste Summe, die je für eine Fotografie gezahlt wurde.
- Datum 02.04.2007 - 05:02 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online, 2.04.2007
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren