Darf eine frühere Rädelsführerin der RAF, die an der Entführung und Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns-Martin Schleyer im Herbst 1977 und einer Reihe weiterer Mordanschläge beteiligt war, in Massenblättern wie der Bild -Zeitung weiterhin als "Mörderin" und "schlimmste Terroristin" bezeichnet werden? Mohnhaupt, die am Sonntag nach mehr als 24 Jahren aus der Haft entlassen worden war , lässt ihren Anwalt juristisch dagegen vorgehen.
So sah Brigitte Mohnhaupt in den 70er Jahren aus, bevor sie in den Untergrund ging. Um den Medien zu entgehen, bat sie jetzt um vorzeitige Entlassung

Bild setzt sich zur Wehr. Eine neunfache Mörderin bleibe eine neunfache Mörderin, argumentiert das Blatt und spricht von einer Verletzung der Meinungsfreiheit. Das hat durchaus etwas für sich. Denn natürlich ist und bleibt Mohnhaupt eine verurteilte Mörderin. Und natürlich werden aus ihren Opfern , wie Bild spitz anmerkt, auch keine "Ex-Opfer".

Dennoch geht das Argument an der Sache vorbei. Denn hier geht es nicht um die Presse- und Meinungsfreiheit, auch nicht um die weiter notwendige Aufarbeitung der Geschichte der RAF , sondern schlicht um die Resozialisierung einer ehemaligen Strafgefangenen.

Deshalb bekommt Mohnhaupt jetzt sogar Unterstützung aus den Reihen der CDU. "Straftäter müssen nicht bis an ihr Lebensende an den öffentlichen Pranger gestellt werden“, sagt der rechtspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jürgen Gehb. So ist es. Gerade darin, dass unsere Gesellschaft die früheren Terroristen wie normale Kriminelle behandelt und nicht - wie diese es einst selbst gefordert hatten - als Gefangene des "Schweinesystems" jenseits des geltenden Rechts, beweist sie ihre Humanität und damit ihre Überlegenheit gegenüber der menschenverachtenden Ideologie, welche die RAF einst mit der Waffe in der Hand verfocht.

Als eine verurteilte Mörderin hat Mohnhaupt, wie grausam ihre Taten auch waren, ein Recht auf Rückkehr in die Gesellschaft. Diese Chance sollte, ja muss man ihr geben. Denn sie hat die Strafe, die ihr im Namen des Volkes auferlegt wurde, abgesessen. Sie hat keine Reue gezeigt, das ist wahr, und sie hat auch keinen Beitrag geleistet, die Anschläge von damals restlos aufzuklären und die wahren Mörder zu identifizieren. Das ist ihr vorzuwerfen, aber darauf kommt es juristisch nicht an. Sie ist, wie andere, für die Mordtaten per Kollektivhaftung verurteilt worden - mit dieser Schuld muss sie bis ans Ende ihrer Tage leben.

Mohnhaupt will nun versuchen, wieder ein normales Leben zu beginnen. Das wird für sie schwer genug, nach einem Vierteljahrhundert im Gefängnis und mit ihrer eigenen gescheiterten Lebensgeschichte. Man sollte ihr keine zusätzlichen Steine in den Weg legen, indem man sie weiterhin an den Pranger stellt. Deshalb hat sie auch ein Recht darauf, dass keine aktuellen Bilder von ihr in der Öffentlichkeit gezeigt werden - solange sie selber nicht die Öffentlichkeit sucht und etwa in Fernseh-Talkshows auftritt.

Die freie Gesellschaft der Bundesrepublik hat über den Terror der RAF obsiegt. Sie hat deshalb heute allen Grund zur Gelassenheit. Auch wenn es ein paar heiße Schlagzeilen kostet.

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