Der Weg zur Kunst führt durch Pfützen und tiefe Schlaglöcher. Die Bauarbeiter in Helm und Latzhose lassen sich nicht mehr irritieren, wenn Biennale-Besucher in Moskwa-City unsicher über das Gelände stolpern. Bei der ersten Sicherheitskontrolle scheiden sich die Wege sowieso: Bauarbeiter links, Besucher bitte rechts. Dort wartet hinter einer Ecke im Federation Tower der Lift nach oben. Der riesige Turm, der 2008 das höchste Gebäude Europas werden soll, beherbergt zwischen dem 19. und 21. Stockwerk den Großteil der Zweiten Moskauer Biennale für Zeitgenössische Kunst, die von Anfang März bis zum 1. April läuft. „Jetzt geht es ab in den Weltraum“, scherzt eine Dame, als sich die Türen des Aufzugs schließen. Wenn sie sich wieder öffnen, entlassen sie die Menschen in die Welt der Kunst.

Der Rumäne Dan Perjovschi hat gleich in den Fensterscheiben des 19. Stockwerks seine Leinwand gefunden. Vor der Kulisse Moskau kritzelte er Hintersinniges aufs Glas. „Ich bin wieder zurück“, sagt da etwa ein Hakenkreuz. „Wir sind nie gegangen“, kontern Hammer und Sichel. Der halbfertige Büroturm blieb nicht der einzige spektakuläre Schauplatz. Auch tief unter der Erde fand die Kunst eine Heimat. In den labyrinthischen Gewölben des Winzawod, einer ehemaligen Weinfabrik, verteilte Künstler und Kurator Oleg Kulik, der sich als Enfant terrible der Perestroijka-Zeit wie ein Hund an der Leine führen ließ und heute ein international bekannter Star ist, Arbeiten russischer Zeitgenossen zum Thema „Ich glaube“. In eine Kirche hat es die Biennale nicht geschafft, dafür aber in einen veritablen Konsumtempel: in das elitäre Kaufhaus ZUM am Bolschoi.

Von der Tretjakow, eine der bedeutendsten Kunstsammlungen Russlands, bis zur trendigen Kleinst-Galerie – was in der Moskauer Kunstszene Rang und Namen hat, ist aufgesprungen auf den Biennale-Zug. Wie schon vor zwei Jahren lockte sie auch dieses Jahr mit thematischer Vielfalt und großen Namen. Die erste Moskauer Biennale 2005 war eines der größten russischen Kunstereignisse nach dem Fall der Sowjetunion. Unter dem Motto „Dialektik der Hoffnung“ sollte sie Russland in der Kunstwelt ein Profil verschaffen. Ein internationales Team brachte damals ausländische zeitgenössische Kunst nach Russland und gab russischen Künstlern erstmals die Gelegenheit, sich auf einer international beachteten Schau zu präsentieren. Neben Biennale-Chef Joseph Backstein, der künstlerische Leiter des Staatlichen Zentrums für Museen und Ausstellungen ROSIZO und Direktor des Moskauer Instituts für zeitgenössische Kunst, zählen nach 2005 auch dieses Jahr Daniel Birnbaum, Rosa Martinez oder Hans Ulrich Obrist wieder zum Kreis der Kuratoren. Von Erdölpatriotismus zu Soz-Art aus Russland und China reicht die Palette der Ausstellungsthemen. Auch wenn das Gezeigte genügend Anlass bietet – Diskussionen oder Debatten kommen in Moskau schwer in Gang. Die Biennale ist auch die Geschichte einer verpassten Chance. Nämlich der, das Augenmerk der Welt einmal auf die Russen zu richten.

Und auf die Kunst. Statt in der Auswahl Akzente zu setzen, spannt sich vor dem Betrachter ein weiter Bogen, so weit, dass er beliebig wirkt. Das Zur-Schau-Stellen wird zu wichtig. Mit von der Partie sind Figuren wie Oleg Kulik oder der gefragte Galerist Marat Gelman. Kooperieren durfte aber auch die Kunstgalerie von Zurab Tsereteli, dem Liebling des Bürgermeisters Jurij Luschkow und Spezialist für Kitsch und Pomp.

Laut Michail Schwydkoj, dem Leiter der russischen Kulturbehörde, flossen rund zwei Millionen Dollar in das Projekt. Viel Geld, auch im internationalen Vergleich. Leider hat die Summe manche Mängel nicht verhindern können. Zu oft treten Werk und Raum in Konkurrenz. Die Installation, so scheint es, muss zum Interieur passen, nicht umgekehrt. Der halbfertige Büroturm hat nichts mit Kunst zu tun. Aber es ist ein Ort, an dem Moskau in den Himmel wächst. Hier soll bewiesen werden, wie aufstrebend, wie groß das neue Moskau ist. Zu Ambition und Größenwahn schlich sich auch das Chaos. Die Austellungen im Federation Tower sind ungünstig beschildert, eine Wegführung zwischen den vielfältigen Kunstorten fehlt nahezu ganz, die amerikanischen Videos in einem Hinterbau des ZUM laufen teils tonlos über unverputzte Wände. Der Verlierer ist die Kunst. Sie bleibt zu häufig Dekor und damit fast am Rande. Das ist konträr zur Idee einer Biennale, passt aber zum Motto der Moskauer Kunstschau: „ Footnotes on Geopolitics, Market, and Amnesia “. Das Kunstwerk als Fußnote der Zeit – womöglich zeugt das weniger von falscher Bescheidenheit oder dem Wunsch nach Provokation als von der tatsächlichen öffentlichen Wahrnehmung.

Biennale-Chef Backstein umschreibt sein Motto als „Kommentar des Künstlers zu Aussagen, die in der Sprache des Kapitals und der großen Politik getroffen werden“. Konkret wird das bei Künstlern, die ihr Handwerk verstehen. Etwa Gianni Motti. Der Italiener hat die Namen von Gefangenen in Guantanamo Bay in Aluminiumplatten graviert und ihnen so ein Denkmal gesetzt. Ein Stockwerk höher auf der Baustelle sitzen zwei Herren in Schlips und Anzug. Hinter Gittern. Broker heißt diese ebenfalls von Motti erdachte Installation, die in Moskau unweigerlich auch an Chodorkowskij denken lässt. Die US-Kubanerin Ana Mendieta schwitzt in Anspielung auf das Leid politischer Flüchtlinge in einem Video Blut. Und Lida Abdul aus Afghanistan filmt Männer, die vereint an Stricken ziehen, um eine Hausruine abzutragen. Eine „Fußnote“ zum Strafrecht liefern die Schweden Mats Bigert und Lars Bergström. In ihrem Video wird gekonnt gekocht, doch der Appetit vergeht dem Zuschauer. Was in Topf und Pfanne brutzelt, ist die Henkersmahlzeit.