Bogliasco, gegen 14 Uhr. Die Sonne scheint. Vor der Trainingsanlage von Sampdoria Genua herrscht Stille. Von der in den Berg gehauenen Anlage kann man am Horizont das Ligurische Meer erblicken. Eine leichte, salzige Brise weht vom schimmernden Meer herüber. Nach und nach trudeln die Spieler in ihren Luxuskarossen ein. Ein versprengter Haufen Tifosi wartet auf eine Gelegenheit, Fotos zu schießen. Plötzlich braust ein gelber Lamborghini Gallardo Coupé vor, dicht gefolgt von einem schwarzen, gepanzerten Escalade-Geländewagen, auf dem das diplomatische Kennzeichen Libyens prangt. Ein Mann, athletisch gebaut, 183 Zentimeter groß und mit kurzem Bart, steigt aus dem Sportwagen. Er trägt eine schwarze Hose, eine schwarze Jacke und ein weißes Hemd. Es ist der Auftritt von Al-Saadi Gaddafi. Er ist jung, reich und liebt den Fußball. Sechs bewaffnete Bodyguards steigen mit ihm aus, schauen sich misstrauisch um und nicken schließlich. Von seiner Security umringt, geht Gaddafi auf Sampdoria-Präsident Riccardo Garrone zu und begrüßt ihn lächelnd mit Handschlag. Garrone scherzt, Gaddafi lacht. Sportdirektor Giuseppe Marotta steht dabei und wirkt nervös. „Ich darf nichts über Gaddafi sagen“, bekennt er später.

Aus Liebe zum Fußball tingelt Al-Saadi Gaddafi seit 2002 über den Apennin, auf der Suche nach einem Profiengagement. Kein einfaches Unternehmen. Viele Klubs der Serie A begehren zwar seine Petrodollar, aber weil er Libyer ist und zudem der Sohn des Revolutionsführers Muammar al-Gaddafi, meiden sie ihn wie einen Aussätzigen. So war es anfangs auch bei Sampdoria, aber dann lenkte man ein. „Ich habe die große Freude, Al-Saadi Gaddafi vorzustellen“, sagte Präsident Garrone, als präsentiere er eine spektakuläre Spielerverpflichtung. Das war im November 2006.

Er ist wortkarg, hat aber stets ein Lächeln auf den Lippen. Gaddafis Fußballtalent ist mit dem eines Amateurspielers vergleichbar. „Er liebt den italienischen Fußball über alle Maßen“, sagt Garrone anerkennend. Sampdoria ist bereits seine dritte italienische Station als Spieler – wenn auch nur für wenige Wochen. Er wollte mit Genua ein Freundschaftsspiel gegen die libysche Nationalmannschaft bestreiten. Ein magerer Trost für seine hoch gesteckten Fußballerambitionen, aber wenigstens ein bisschen Ablenkung von der ätzenden Langeweile des Alltags. „Er gehört nicht zur Mannschaft von Sampdoria Genua“, präzisiert Pressesprecher Matteo Gamba. Er dürfe aber mittrainieren, solange er will. Ab und zu läuft er auch bei Trainingsspielen auf.

Bei zwei weiteren Klubs hatte Gaddafi mehr Glück. Zwei Jahre war er beim AC Perugia. Der damalige Klubpräsident Luciano Gaucci, der später an die 100 Millionen Euro aus der Klubkasse veruntreute und sich in die Karibik absetzte, sagte über die schillernde Neuverpflichtung: „Er ist ein vorzüglicher Mittelfeldspieler, der hinter den Spitzen agiert.“ Dennoch musste er lange auf den erhofften ersten Einsatz warten: Am 2. Mai 2004 wurde er 15 Minuten vor Schluss im Spiel gegen Juventus Turin, das Perugia mit 1:0 gewann, eingewechselt. „Obwohl er nur ein Mal eingesetzt wurde, trainierte er immer mit, und seine Anwesenheit war wichtig“, sagt der frühere Perugia-Kapitän Giovanni Tedesco über seinen illustren Mannschaftskollegen.

Im Stile eines ausgebufften Finanzjongleurs

Ein Jahr später wechselte Perugias Trainer Serse Cosmi zu Udinese und verhalf Gaddafi dort zum zweiten Engagement. Die Journaille stellte sich die Frage, warum der Lieblingssohn des libyschen Revolutionsführers so versessen auf eine Profikarriere in Italien sei. Niemand konnte sich einen Reim darauf machen. Nebenher investierte er etliche Millionen der Petrodollar seines Vaters in italienische Klubs.