Politiker der Opposition, Offiziere und Hinterbliebene von im Irak getöteten Soldaten kritisierten die Honorarverträge für Interviews als „würdelose“ Geschäftemacherei. Die Regierung hingegen verteidigte die Genehmigung dafür mit „besonderen Umständen“.

Die einzige Frau unter den Gefangenen schilderte der Boulevardzeitung The Sun , dass sie zwischenzeitlich fürchtete, die Iraner zimmerten für sie einen Sarg. Unweit ihrer Zelle habe sie Geräusche vernommen, die sich wie das Sägen von Holz und das Hämmern von Nägeln
anhörten, erzählte die 26-jährige Faye Turney. Zugleich habe eine Frau ihren Körper vermessen. „Ich war überzeugt, dass sie meinen Sarg bauen.“ Die bezahlten Erlebnisberichte der britischen Soldaten über ihre Gefangenschaft in Iran haben in Großbritannien einen heftigen Streit ausgelöst

Geständnisse vor iranischen Fernsehkameras sowie von Teheran veröffentlichte Briefe von ihr, die iranische Behauptungen bestätigten, dass die 15 Briten am 23. März illegal in iranische Hoheitsgewässer eingedrungen waren, seien durch Androhung von Gefängnisstrafen zu Stande gekommen. Danach sei sie sich jedoch „wie eine Verräterin“ vorgekommen, sagte sie dem privaten Fernsehsender ITV. Aber sie habe geglaubt, dass nur so die Chance bestünde, ihre dreijährige Tochter wiederzusehen.

Für Interviews mit der Sun und ITV soll Turney eine sechsstellige Summe erhalten haben. Unbestätigten Berichten zufolge handelte es sich um 150.000 Pfund, umgerechnet 225.000 Euro. „Ich wollte vor allem, dass alle meine Geschichte kennenlernen und erfahren, was ich durchgemacht habe“, erzählte Turney im ITV-Interview. Später hieß es, sie wolle einen Teil des Honorars für Familien von Marineangehörigen spenden.

Turneys Vorgesetzter Leutnant Felix Carman, der ebenso unter den Gefangenen war,
jedoch selbst Geld für Interviews ablehnte, bezeichnete die Honorarzahlungen als „anstößig“. Zugleich nahm er die Matrosin in Schutz: „Sie hat das Geld genommen, um die Zukunft ihrer Tochter zu sichern.“

Der mit 20 Jahren Jüngste unter den Gefangenen sagte der Zeitung The Mirror gegen Bezahlung, er habe in seiner Zelle vor Angst „geschrien wie ein Baby“. Die Haft sei ein „Albtraum“ gewesen, erzählte der Navigator Arthur Batchelor. Weil er so klein sei, hätten
die Iraner ihn höhnisch „Mr. Bean“ gerufen - nach dem gleichnamigen und ebenfalls kleinen britischen Komiker.

Das staatliche iranische Fernsehen reagierte auf die Vorhaltungen mit der Ausstrahlung bislang unveröffentlichter Videoaufnahmen der Briten, die am 23. März im Mündungsbereich des Schatt el Arab festgenommen und 13 Tage später freigelassen worden waren. Darauf
sind die Gefangenen zu sehen, wie sie Tischtennis und Schach spielen, im Fernsehen ein Fußballspiel verfolgen und ein Abendessen einnehmen.

Die Opposition in London forderte eine Untersuchung der am Ostersamstag bekannt gegebenen Entscheidung des Verteidigungsministeriums, bezahlte Interviews zu erlauben. „Wenn Soldaten Storys verkaufen dürften, werde der Respekt für sie verloren gehen“, sagte der außenpolitische Sprecher der Konservativen Partei William Hague.

Der Ex-Kommandeur der britischen Friedenstruppen in Bosnien, Oberst Bob Stewart, äußerte sich ähnlich. „Ich bin entsetzt, dass das Verteidigungsministerium die Soldaten unterstützt, aus einem militärischen Desaster noch Profit zu schlagen.“

Demgegenüber erklärte der stellvertretende Chef der Marine, Vizeadmiral Adrian Johns, es „sehr wichtig, die Leute ihre Geschichten in ihren eigenen Worten und über die Medien erzählen zu lassen“. Noch wichtiger sei, dies „frühzeitig zu tun, während sie die volle Beratung durch unsere Medienexperten haben“.

Auch auf Seiten der Bevölkerung stieß das Verhalten der Soldaten auf Unverständnis. Sally Veck, die Mutter einer im Irak getöteten britischen Soldatin, sagte: „Als Mitglied der Streitkräfte sollte man seine Pflicht erfüllen und nicht erwarten, Geld zu verdienen, indem man Geschichten darüber verkauft.“

Der frühere US-Botschafter bei den Vereinten Nationen, John Bolton, warf der britischen Regierung unterdessen vor, in dem Konflikt zu passiv, zögerlich und fast demütig gewesen zu sein. Der Iran habe einen politischen Sieg errungen und gehe gestärkt aus dem Streit hervor, schrieb Bolton in der Financial Times . Damit sei eine Verhandlungslösung im Streit über Irans Atomprogramm in weite Ferne gerückt.

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