Lernen Werdet wie die Kinder

Der Mensch ist eine Frühgeburt. Jetzt scheint sich die Reifungszeit noch zu verlängern. Lernen wir von den Kindern, von Sokrates und Christus

Zeitweilig schienen die Demografen die meist gefragten Experten in Deutschland zu sein. Zu all den anderen Krisen kam die demografische Verfinsterung. Lauter letzte Menschen in einem Land ohne Zukunft?

Der Diagnose der Bevölkerungswissenschaftler folgte der Alarm der Rentenpolitiker: Wie sollen immer weniger Junge für die vielen, zudem immer älter werdenden Alten sorgen? Der Dritte im Bund war die Wirtschaft: „Die Fachkräfte sind heute schon knapp. Die Verfügbarkeit von Humankapital wird sich zusehends verschlechtern und zur Wachstumsbremse, “ warnte Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft.

Aber etwas kam in diesem Sorgendiskurs einfach nicht vor. Die Kinder. Wo war das Interesse an ihnen? Vor allem das an den bereits geborenen? Vielleicht wird Ursula von der Leyen einmal für die Unterbrechung dieses depressiven Zirkels stehen. Man begann sich nun endlich zu fragen, wie Kinder besser begrüßt und zum Leben eingeladen werden könnten.

Die Frühjahrsdebatte, ausgelöst von von der Leyens Vorschlag, 500 000 neue Krippenplätze zu schaffen, hat allerdings die Kinder zunächst wieder aus dem Blick verloren, ging es doch erst mal nur um Betreuung. Gewiss, die ist nötig, damit Eltern berufstätig sein können. Aber sie gehört zur Organisation des Überlebens. Kinderkrippen und Kindergärten gelten vielfach noch als Notlösung. Sie werden nicht als Orte gesehen, von denen man sagen möchte: „Hier ist gut sein.“ Sie gelten als Raum, der sich in seiner Funktion erschöpft, statt als einer, der schön ist, in dem die Kinder eine erste Öffentlichkeit mit den Peers finden und starken Erwachsenen begegnen. Schließlich hat das Leben der Eltern doch auch noch andere Zentren als Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad.

Dass Kinder gleich nach ihrer Geburt auf Dialog eingestellt sind, brachte die Säuglingsforschung an den Tag, und langsam erreicht sie damit den öffentlichen Diskurs. Die Allerjüngsten können viel mehr, als man ihnen bisher zutraute. Vor allem eines können sie sofort: Lernen.

Nicht nur das Rausstrecken der Zunge, das sie bald nachahmen, verbindet sie mit Albert Einstein. Noch vor einer Generation wären Wissenschaftler ausgelacht worden, wenn sie Babys als kleine Wissenschaftler, als „Forscher in Windeln“ oder als „kompetente Säuglinge“ beschrieben hätten, die durch Ausprobieren, Verwerfen und Imitieren ihre ganz eigenen Forschungsprogramme durchführen.

Ein Standardversuch in der Säuglingsforschung verlangt von der Mutter, den Blickkontakt mit ihrem Kind zu einem unbeweglichen Gesichtsausdruck einzufrieren. Der Säugling steigert daraufhin seine mimischen Aktivitäten. Er wirbt um die Mutter. Er will sie dazu bringen, den gerissenen Faden wieder aufzunehmen. Und erst, wenn ihm das nicht gelingt, wird er übellaunig.

Nun lernt die Gesellschaft an den Babys, dass die Kerngestalt gelungenen Lernens der Dialog ist. Lernen ist von Anfang an ein aktiver und konstruktiver Vorgang. Das alte Schisma zwischen Erwachsenen hier und Kindern dort wird aufgelöst: Die Kindheit wird nicht nur als eine Lebensphase eigener Würde entdeckt, sondern als etwas Bleibendes und zu Kultivierendes. Das Kind wird als Bedingung des biographischen Gelingens und des Erfolges gesehen.

Ein Beispiel für diesen neuen Denk- und Empfindungstyp ist Marco Wehr. Der Physiker und Philosoph ist zudem Berufstänzer. Er ist den Tugenden des Staunens und dem Anfängergeist auf der Spur. In seinem gerade erschienenen Buch „Welche Farbe hat die Zeit? – Wie Kinder uns zum Denken bringen“ hat er sich vom Lerngenie der Kinder, vor allem der eigenen, anstecken lassen. Er fragt: Wie hängen Intelligenz, Unvollkommenheit und Bewegung zusammen? Was verdanken wir unseren Fehlern? Welche Rolle spielt die Entwicklungsverzögerung unserer Gattung, also die lange Kindheit, für unsere besondere Lern- und Entwicklungsmöglichkeit? Warum machen zu viele Antworten dumm, zumal wenn niemand gefragt hat?

Das alles verdankt sich dem besonderen Handicap der menschlichen Gattung. „Neotenie“ heißt dafür der Schlüsselbegriff. Der Mensch wird zu früh geboren. Eigentlich bräuchte er 21 Monate intrauteriner Reifungszeit. Zeitlebens behält dieses merkwürdige, zudem mit Instinkten schlecht ausgestattete, wenig festgelegte Tier etwas von seiner Jugend – oder kann mehr oder weniger davon behalten. Auch die Fähigkeit zu lernen und die Lust am Spiel wird mit der Jugend gedehnt.

Es sieht so aus, als würde der biologischen Neotenie, die Kultur überhaupt erst ermöglicht hat, eine zweite kulturelle Neotenie folgen. Zu beobachten ist ein regelrechter Verjüngungsschub bei den Erwachsenen. Wenn man sich zum Beispiel Bilder der Fußballweltmeisterschaft 1954 ansieht, dann sahen die Spieler damals zumindest eine Generation älter aus als die heutigen.

Offenbar leistet sich die Kultur den Luxus, die Reifezeit noch weiter zu verlängern und zu verstärken. Einen Hinweis darauf ist der „Flynn-Effekt.“ Der neuseeländische Wissenschaftler James Flynn hat beobachtet, dass der IQ bei Jugendlichen seit Jahrzehnten steigt. Zugleich gibt es aber gute Gründe für den Verdacht, dass – zumindest in Deutschland – die Schulleistungen in den vergangenen Jahrzehnten schwächer geworden sind.

Wenn sich diese Schere aus sinkenden Schulleistungen und steigender Intelligenz bestätigt, dann kann die Ursache für den Flynn-Effekt wohl kaum in vermehrter formaler Bildung zu finden sein, also in mehr Instruktion durch Unterricht. Liegt also die Ursache für die Zunahme von Intelligenz unter anderem in der Dehnung von Kindheit und Jugend selbst? Und welche Rolle spielen dabei die Veränderung der Stimmung in Familien, Kindergärten und Schulen, deren Bilanz alles in allem doch positiv ist? Hat man die Bedeutung der Atmosphäre in diesen kulturellen Inkubatoren bisher zu gering geschätzt – zumal in Deutschland?

Der amerikanische Kulturwissenschaftler Robert P. Harrison sieht den Ursprung Europas in einer „neotenischen Revolution“ vor zweieinhalb tausend Jahren und meint, daran knüpften wir nun wieder an. Mit Sokrates lehnte sich damals der Lernende, der fragt, und der nur weiß, dass er nichts weiß, gegen die Weisheitstradition auf. Diese Position von Frage und Kritik nennt Harrison „Intelligenz“. Auch Christus sei ein neotenischer Rebell: „Werdet wie die Kinder!“ Das Christentum habe dann in das Neue Testament wieder das alte eingemeindet. Stehen heute eine Auferstehung der ursprünglichen Impulse von Sokrates und Christus auf der Tagesordnung?

 
Leser-Kommentare
  1. Das (wohl) Gemeinte kann man mit allen anderen lern-positiven Ausdrücken genauso oder besser erklären.

    Arno Holz kennzeichnete seine epochale Zu-früh-Geborenheit so:

    'Mein Blut rollt schwarz, mein Herz schlägt matt,
    Mein Hirn hat noch nicht ausgegoren,
    Denn meine gute Mutter hat
    Mich hundert Jahr zu früh geboren!'

    *
    Aber genützt als Poet und Selber-Denker hat es ihm nix. Er geriet in die Vergessenheit des Bürgentums.
    *
    Und die Männer-Kirchen? Alle?
    Sie führen die Machtkämpfe der Dogmatiker, insbesondere im Auftrag ihres Lieblingsgottes, der seinen Sohn umbringen lassen musste, angeblich um sein Kinder zu lieben.
    Das ist neurotischer Infantizid - und zeigt, dass Priesterlein noch nie wussten, was sie selber bedinigte und ihre Gerede vom Kindsein (s. Lk 1,66) motivierte: sich als Göttlichkeiten spreizen.

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