Zeitweilig schienen die Demografen die meist gefragten Experten in Deutschland zu sein. Zu all den anderen Krisen kam die demografische Verfinsterung. Lauter letzte Menschen in einem Land ohne Zukunft?

Der Diagnose der Bevölkerungswissenschaftler folgte der Alarm der Rentenpolitiker: Wie sollen immer weniger Junge für die vielen, zudem immer älter werdenden Alten sorgen? Der Dritte im Bund war die Wirtschaft: „Die Fachkräfte sind heute schon knapp. Die Verfügbarkeit von Humankapital wird sich zusehends verschlechtern und zur Wachstumsbremse, “ warnte Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft.

Aber etwas kam in diesem Sorgendiskurs einfach nicht vor. Die Kinder. Wo war das Interesse an ihnen? Vor allem das an den bereits geborenen? Vielleicht wird Ursula von der Leyen einmal für die Unterbrechung dieses depressiven Zirkels stehen. Man begann sich nun endlich zu fragen, wie Kinder besser begrüßt und zum Leben eingeladen werden könnten.

Die Frühjahrsdebatte, ausgelöst von von der Leyens Vorschlag, 500 000 neue Krippenplätze zu schaffen, hat allerdings die Kinder zunächst wieder aus dem Blick verloren, ging es doch erst mal nur um Betreuung. Gewiss, die ist nötig, damit Eltern berufstätig sein können. Aber sie gehört zur Organisation des Überlebens. Kinderkrippen und Kindergärten gelten vielfach noch als Notlösung. Sie werden nicht als Orte gesehen, von denen man sagen möchte: „Hier ist gut sein.“ Sie gelten als Raum, der sich in seiner Funktion erschöpft, statt als einer, der schön ist, in dem die Kinder eine erste Öffentlichkeit mit den Peers finden und starken Erwachsenen begegnen. Schließlich hat das Leben der Eltern doch auch noch andere Zentren als Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küche, Bad.

Dass Kinder gleich nach ihrer Geburt auf Dialog eingestellt sind, brachte die Säuglingsforschung an den Tag, und langsam erreicht sie damit den öffentlichen Diskurs. Die Allerjüngsten können viel mehr, als man ihnen bisher zutraute. Vor allem eines können sie sofort: Lernen.

Nicht nur das Rausstrecken der Zunge, das sie bald nachahmen, verbindet sie mit Albert Einstein. Noch vor einer Generation wären Wissenschaftler ausgelacht worden, wenn sie Babys als kleine Wissenschaftler, als „Forscher in Windeln“ oder als „kompetente Säuglinge“ beschrieben hätten, die durch Ausprobieren, Verwerfen und Imitieren ihre ganz eigenen Forschungsprogramme durchführen.