Gewaltforschung Spaltung drohtSeite 4/4

ZEIT online: Man müsste also mehr über allgemein anerkannte Normen sprechen, um sie zu entwickeln?

Heitmeyer: Ja. Da hilft auch kein Gerede über eine Leitkultur. Das sind verzweifelte Versuche, die etwas vorgaukeln, was es nicht mehr gibt.

ZEIT online: Haben Sie das Gefühl, dass die Politik glaubt, diese Probleme würden sich schon von selbst lösen?

Heitmeyer: Hinrütteln wird sich das nicht. Der Politik bleibt dann nur noch, mit Verboten zu kommen. Aber die werden in aller Regel unterlaufen und durchbrochen, weil man sie an vielen Stellen nicht sanktionieren kann. Oder man muss den Sicherheitsapparat dermaßen ausbauen, dass es der liberalen Gesellschaft nicht bekommt.

ZEIT online: Nach den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Hoyerswerda gab es noch einen großen Aufschrei. Inzwischen, so scheint es, haben wir uns an solche Vorfälle gewöhnt, sie werden als fast normal hingenommen. Woran liegt das?

Heitmeyer: Das hat auch mit der Medienkonjunktur zu tun. Es muss immer etwas Härteres her, sonst lässt die Aufmerksamkeit nach. Als Wissenschaftler sind wir ebenfalls in einer schwierigen Lage. Liefern wir, indem wir unsere Forschungsergebnisse präsentieren, den Menschenfeinden und den Rechtsextremisten nicht noch zusätzliche Legitimation? Wenn die Überfälle auf Ausländer zugenommen haben, warum soll ich mich dann daran nicht beteiligen? Ich sehe aber keine Alternative dazu, auf die Probleme hinzuweisen. Denn das Schweigen führt in noch viel schwierigeres Gelände. Das sehen wir häufig bei Vorträgen in Ostdeutschland. Wenn in Westdeutschland Rechtsextremisten mit im Saal sind, kommt erst eine Überraschungssekunde, dann gibt es Gegenwehr. Im Osten wird häufiger geschwiegen.

ZEIT online: Welche Möglichkeiten haben Sozialforscher wie Sie überhaupt, auf gesellschaftliche Entwicklungen und die Politik einzuwirken?

Heitmeyer: Es gibt durchaus Politiker, die uns zuhören. Aber es sind nicht viele. Die jetzige Regierung ist da nicht sehr hellhörig.

ZEIT online: Was würden Sie denn als politisch Verantwortlicher tun?

Heitmeyer: Mein Eindruck ist, dass bei den Verantwortlichen die oberste Priorität ist, dass sie Ruhe haben wollen. In den Behörden und Landesjugendämtern kommen sie offenbar immer dann unter Legitimationsdruck, wenn es Unruhe gibt. Das ist genau falsch. Wo es um Menschen geht und ihre Verletzung oder Diskriminierung, da muss man Unruhe reinbringen. Das Erste, was ich tun würde, ist eine unruhige Debatte in Gang bringen, um zu verhindern dass die Schweigespirale greift und immer mehr Menschen denken, dass sie mit ausländerfeindlichen, abwertenden, diskriminierenden Einstellungen zur Mehrheit gehören.

ZEIT online: Eine letzte, persönliche Frage: Sie beschäftigen sich tagaus, tagein mit schwierigen, manchmal sicher auch deprimierenden gesellschaftlichen Entwicklungen. Hätten Sie sich nicht manchmal gewünscht, Sie hätten sich ein anderes Forschungsgebiet gesucht?

Heitmeyer: Darüber habe ich eigentlich nie nachgedacht. Ich weiß an manchen Stellen sicher keine Antwort und ich werde, solange ich mich damit beschäftige, auch keine Antwort finden. Und es kommen immer wieder neue Fragestellungen dazu. Das Dritte ist aber das Entscheidende: Wir haben als Wissenschaftler eine gesellschaftliche Verantwortung. Da kann ich mich nicht einfach rausziehen, indem ich sage, jetzt habe ich genug. Gerade nicht beim Thema Gewalt. Wenn die Sozialwissenschaft nicht den Kontakt mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit und ihren Akteuren sucht, dann schafft sie sich selber ab.

Das Gespräch führte Ludwig Greven

Multimedia:
Ein Interview-Auszug über die Ursachen der Gewalt zum Anhören

Ein Interview-Auszug über Killerspiele zum Anhören

 
Leser-Kommentare
    • hawat
    • 11.04.2007 um 16:55 Uhr

    Marx hin oder her - starker Staat oder nicht...
    wo sieht denn nun >rijukan< die Lösung?
    Da sind wir mal aber alle gespannt!!

  1. dam hast es aber gegeben, Alta.
    Noch´n joint?

  2. der Westen zahlt, der Osten konsumiert??

    • QUOTE
    • 11.04.2007 um 10:53 Uhr

    Herr Heitmeyer geht mir leider etwas zu wenig auf das Thema der strukturellen Gewalt in der Gesellschaft ein, dabei finde ich, daß dies ein Schlüsselpunkt zum Verständnis der Gesamtentwicklung ist.

    Tatsache ist: der Mensch ist von der NATUR darauf SELEKTIERT, auf Gewalt mit Gewalt zu reagieren...wenn ein Stamm in das Revier eines fremden Stammes einbrach, um ihm seine Lebensgrundlagen zu nehmen - Jagdrevier, Behausung - dann war die erste Option, um das Überleben zu sichern, diesen Versuch mit Gewalt abzuwehren.

    Heute entlassen Konzerne hunderttausende Menschen - entziehen ihnen die Lebensgrundlage, das 'Jagdrevier'; nehmen ihnen dadurch möglicherweise indirekt den Lebensraum (Wohnungswechsel) und die Familie (Ehe-/Beziehungsprobleme, Scheidung infolge Arbeitsplatzverlust)...eine Situation, in der die Gene quasi danach SCHREIEN, Gewalt ausüben zu können, um sich dagegen zu wehren.

    Derzeit sind die Menschen noch KULTURELL halbwegs KONDITIONIERT, diesen Wunsch nach Aktion, Abwehr, Gewaltanwendung in bestimmte Bahnen zu lenken...man schaue sich die spontanen Demonstrationen an in Fällen wie BenQ, Airbus usw. Die restliche Gewalt wird dann halt im privaten Bereich 'entsorgt', sprich: dann wird halt die Familie verprügelt, zum Fußball gegangen, oder auf Ausländer geschimpft.

    Aber das wird nicht mehr lange funktionieren, denke ich...früher oder später wird der Gewaltdruck von Oben, die Rücksichtslosigkeit der Hedgefonds, die Gewinnerwartungen der Heuschrecken so maßlos, daß das nicht mehr kulturell absorbiert werden kann. Dann knallts in der Mittelschicht.

    So, wie es schon bei der ausgeschlossenen männlichen Jugend im Osten knallt...denn die Gewaltanwendung zur Erlangung eines Reviers, einer Lebensgrundlage, ist EBENFALLS etwas, worauf die Menschen von der NATUR SELEKTIERT worden sind. 'Anerkennung'...gehts noch, Herr Heitmeyer? Schon mal was von der Maslowschen Bedürfnispyramide gehört?

    Erst kommen die körperlichen Grundbedürfnisse - Nahrung, Wohnung, Sexualität - , danach Sicherheit, dann erst soziale Beziehungen und danach erst Anerkennung.

    Die Glatzen, die im Osten 'Neger klatschen' kämpfen nicht um Anerkennung...das würde ja implizieren, daß sie eigentlich mit ihrer Lebensgrundlage (Wohnung, Nahrung=Geld, Partnerschaft) ZUFRIEDEN sind...die kämpfen schlicht und einfach um ihr Leben, ihre Lebensgrundlage, die Möglichkeit, sich fortzupflanzen, deren sie sich von der ausländischen Konkurrenz beraubt sehen, so, wie ihre Gene es ihnen diktieren. Klar, die Gewaltanwendung, zu der ihre Gene sie zwingen, NÜTZT ihnen in diesem Bestreben nichts, aber das können sie nicht erkennen weil sie zu dumm/ungebildet sind, ebensowenig wie eine Fliege, die immer wieder gegen die Scheibe fliegt dazu gezwungen ist, es trotzdem immer wieder auf diesem Weg zu versuchen.

    Ich finde, zum Verständis des Themas die Ausführungen des Demographen Gunnar Heinsohn

    http://www.zeit.de/feuill...

    mit seinem pragmatischen Ansatz weitaus erhellender, als die des Soziologen Heitmeyer. Heinsohn beschreibt die 'demografisch überzähligen'...aber ob nun demographisch überzählig (Menschen, die keine Lebensgrundlage ERLANGEN können) oder wirtschaftlich überzählig (Menschen, denen die Lebensgrundlage ENTZOGEN wurde) ist im Endeffekt das Gleiche: ÜBERZÄHLIGE Menschen, die vermehrt Druck aufbauen und um Teilhabe kämpfen (werden).

  3. Zitiert aus Wikipedia:

    'Gerechtigkeit bei Aristoteles

    Laut Aristoteles ist Gerechtigkeit ein Maßstab für die Angemessenheit eines Verhaltens. Er unterschied in seinem ethischen Hauptwerk der Nikomachischen Ethik abstrakt zwischen ausgleichender (kompensatorischer) und austeilender (distributiver) Gerechtigkeit. Seit Aristoteles wird Gerechtigkeit häufig mit Proportionalität gleichgesetzt.

    Gerechtigkeit bei Platon

    Platon umschrieb die Gerechtigkeit mit der Formel: Jeder soll das Seine (für die Gemeinschaft, den Staat) tun. Letzteres lässt sich mit 'Jeder das Seine' (also das, was seinem Wesen und den individuellen Umständen entspricht) zusammenfassen.

    Gerechtigkeit bei Augustinus

    Die mittelalterliche Theologie bzw. Philosophie des Augustinus betrachtete Gerechtigkeit eher als persönliche Tugend denn als politische Systemeigenschaft.

    Gerechtigkeit bei Thomas von Aquin

    Für Thomas von Aquin bedeutet gerecht einen Zustand, in dem man in Übereinstimmung mit der kosmischen Ordnung lebt. Gerechtigkeit nach Thomas ist im Wesentlichen gleichbedeutend mit dieser Ordnung des Seienden (Ordogedanke). Dabei übernahm er weitgehend die Platonische Auffassung des suum cuique (Jedem das Seine), wonach jedem Menschen innerhalb der göttlichen Ordnung ein Platz zugewiesen worden sei.

    Gerechtigkeit im Utilitarismus

    Für den Utilitarismus ist all das gerecht, was den Nutzen vermehrt und den Schaden vermindert. Quantitative Utilitaristen wie Jeremy Bentham setzen Nutzen mit der Summe von so genannten Glücksgütern gleich. Sie behaupteten, dass eine Gesellschaft dann gerecht sei, wenn die Summe dieser Glücksgüter für alle Betroffenen maximiert werde (Summenutilitarismus). Eine subjektive, hedonistische Interpretation von Nutzen liefert John Stuart Mill, der Nutzen damit gleichsetzte, was einem einzelnen Freude und Lust bereitet. Dabei unterscheidet er unterschiedliche Qualitäten von Lust und Unlust: 'Es ist besser ein unzufriedener Mensch als ein zufriedenes Schwein zu sein; lieber ein unzufriedener Sokrates als ein zufriedener Dummkopf sein.' (qualitativer Utilitarismus). Später wurde dieses Konzept durch den Durchschnittsnutzenutilitarismus korrigiert, der behauptete gerecht sei nur mehr das, was den durchschnittlichen Nutzen einer Gesellschaft maximiere. Grundsätzlich kann ein Utilitarist nicht sagen, ob ein bestimmter gesellschaftlicher Zustand gerecht ist oder nicht, sondern nur ob dieser Zustand es gegenüber einem anderen ist (Vergleichsabhängigkeit).

    Gerechtigkeit bei John Rawls

    Großen Einfluss auf die jüngere philosophische Diskussion hatte u. a. John Rawls, der sich vor allem in Abgrenzung zum Utilitarismus mit der Gerechtigkeit politischer Systeme befasste. Für Rawls ist nur das gerecht, was fair ist. Als Fairness sieht er hingegen Zustände, die unter gleichen Bedingungen getroffen worden sind. In seinem Werk A Theory of Justice kommt er zu einer Gerechtigskeitskonzeption, die zwei Prinzipien enthält:

    Prinzip der Chancengleichheit:

    Alle Menschen müssen einen gleichen Katalog von Rechten besitzen
    Differenzprinzip: Ungleichheiten innerhalb einer Gesellschaft müssen sich zum Nutzen der am meisten Benachteiligten (der Ärmsten) auswirken.

    Gerechtigkeit bei Nozick

    Auf John Rawls A Theory of Justice, die 1971 veröffentlicht wurde, gab Robert Nozick 1974 mit seinem Buch Anarchy, State, and Utopia die libertäre Antwort. Für Nozick ist zunächst das gerecht, was sich gerecht angeeignet und unter gerechten Bedingungen erworben wurde. So ist jeder Mensch zunächst einmal der Eigentümer der Früchte seiner Arbeit. Eine Umverteilung wie Rawls (Differenzprinzip) lehnt er ab.

    Kommunitaristische Auffassung

    von Gerechtigkeit bei Walzer Für Walzer ist in einem seiner Hauptwerke Spheres of Justice die Gesellschaft in 11 verschiedene Teilbereiche aufgeteilt. Jeder gesellschaftliche Teilbereich (auch Sphäre genannt) ist durch ihm spezifische Dominanzen und Monopole gekennzeichnet, aus denen jeweils sehr spezifische Gerechtigkeitsarrangements hervorgehen. Jener Sphären immanente Gerechtigkeitsarrangements sind nicht verallgemeinerungsfähig, woraus umgekehrt folgt: universelle Gerechtigkeit ist auf Erden nicht zu haben.

    Neben zehn anderen Sphären ist für ihn eine wichtige Sphäre durch Mitgliedschaft und Zugehörigkeit konstituiert, wie es bei Nachbarschaften, Familien und Vereinen in ausgezeichneter Weise der Fall ist. In dieser Sphäre kommt besonders klar zum Vorschein, dass erst die Art der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft festlegt, ob und wie viel Güter man zugeteilt bekommt.'

  4. Die würde mich interessieren... Polemik gegen die Globalisierung und die bösen Heuschrecken ist das eine, aber auf Ihre Lösungsvorschläge bin ich gespannt.

  5. Auffällig bleibt bei Herrn Heitmeyer weiterhin die Tendenz, rechte Gewaltaten einer moralischen Wertung zu unterziehen, während man bei Migrantengewalt die Täter als soziale Opfer präsentiert. Herr Heitmeyer übersieht auch geflissentlich, dass es sehr wohl erfolgreiche Migranten gruppen gibt. Aber die Migranten gibt es immer nur als Gesamtpaket; keiner will hier 'differenzieren', obwohl 'Differenzieren' sonst ein Lieblingsschlagwort aus der linken Ecke ist.
    Herr Heitmeyer hat ja schon in einigen Studien mit sehr zweifelhaften methodologischen Ansätzen nachgewiesen, dass die deutsche Gesellschaft einn leichten Hang nach Rechts hat. Allerdings hätte er mit seiner Art zu fragen auch genauso umgekehrt beweisen können, dass die deutsche Gesellschaft einen Drall nach links hat.
    Totale Beliebigkeit eben, dafür wird seine 'Forschung' finanziell bestimmt gut ausgestattet sein.

  6. Euklid007 ist ein alter Bekannter und noch an keiner Stelle durch logisches Denken aufgefallen. Erstaunlich für jemanden, der Euklid im Namen führt.

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