Suchmaschinen Im Himmel der Information

Früher haben Menschen das Firmament mit Göttern und Fabelwesen bevölkert. Im dritten Jahrtausend nach Christus dachte sich Jonathan Harris, dass die Sterne einen neuen Job bräuchten: Im Web.

Zu welchen Figuren würden wir die Sterne heute verbinden? Welche Personen erscheinen uns heute wichtig genug, um ihnen ein eigenes Sternbild zu widmen? Welche Geschichten verbergen sich hinter den Bildern? Und wie hängen diese mit allen anderen zusammen? Konkret möchte Netzkünstler Jonathan Harris darauf nicht antworten. Stattdessen überlässt er die Beantwortung dieser Fragen dem globalen Nachrichtenfluss. Er unterstützt ihn nur dabei - mit einem neuen Werkzeug namens "Universe".

Universe ist ein Java-Applet zur Informationsvisualisierung. Das hört sich nüchtern an, aber die Darstellung von Informationen als funkelnde Sternenhaufen mit polarlichtähnlichen Mustern im Hintergrund ist das Gegenteil. Die Art der Illsutration erinnert ein wenig an Simon Pattersons Liniennetzplan der Londoner U-Bahn , auf dem er die Namen der Haltestellen mit denen von Politikern, Schauspielern oder anderen Stars ersetzt hat. Nicht zufällig gab Patterson seiner Karte den Namen eines Sternbilds: "The Great Bear".

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Universe wiederum ist interaktiv und funktoniert so: Am Anfang ist das Wort. Tippt man das gewünschte Suchwort in Universe ein, erstellt es zunächst ein „Universum“ aus Personen, Nachrichten, Bildern, oder Zitaten, die alle durch Sterne und Sternenhaufen repräsentiert werden. Diese Sterne kann man entweder auf gut Glück anklicken und sich von den dazugehörigen Begriffen überraschen lassen - oder andere mehr oder weniger übersichtliche Darstellungen aufrufen.

"Stories" etwa listet Nachrichten-Artikel zum Suchwort auf, während "Snapshots" Bilder anzeigt, "Secrets" die häufigsten zum Suchwort passenden Stichwörter sucht, "Superstars" passende Personen präsentiert oder "Statements" Zitate liefert. Nach einem Klick auf "Settings" wird eine Weltkarte angezeigt, auf der für den Suchbegriff vermeintlich wichtige Orte markiert sind. Wählt man ein Objekt aus, gruppieren sich die anderen relevanten Begriffe kreisförmig um das ausgewählte Objekt. Ein weiterer Klick zeigt Bilder an, ruft Artikel auf oder erstellt ein neues Universum aufgrund des gewählten Stichworts. Das klingt kompliziert? Ist es nicht. Nach kurzer Zeit hat man die Navigation intuitiv verstanden.

Wie schon frühere Projekte von Jonathan Harris , so bildet auch Universe im Web erhältliche Informationen auf sehr ungewöhnliche Weise ab. Harris möchte Statistiken und Zusammenhänge optisch so präsentieren, dass sie neugierig machen auf das, was unter ihrer Oberfläche und hinter ihrem sichtbaren Horizont liegt, da nichts im Internet für sich isoliert steht. Sein elegant-schlichtes Lovelines aus dem Jahr 2006 beispielsweise durchsucht Tausende Blogs nach Schlüsselphrasen wie "I love", "I want" oder "I hate", sammelt die dazugehörigen Textzeilen oder Bilder und berechnet ein tägliches Emotionsbarometer. Das ist weder repräsentativ noch besonders aussagekräftig, aber sehr hübsch. Und es mag dem ein oder anderen Betrachter tröstlich erscheinen, dass die Hitliste der meistgeliebten Objekte vom einfachen "you" angeführt wird - mit großem Abstand. Da sei eine möglicherweise ungenaue Quellenverwertung verziehen.

Bei Universe stellt die Informationsquelle leider ein Manko dar: Harris bezieht sämtliche Daten ausschließlich vom News-Aggregator Daylife . Und der Himmel von Daylife spricht bisher nur englisch - oder vielmehr amerikanisch. Themen aus dem deutschsprachigen Raum haben es schwer, sich gegen die Sterne aus dem Land des Star Spangled Banners zu behaupten. Im Universum von Angela Merkel zum Beispiel funkeln einige außenpolitische Sterne am Firmament, innenpolitische oder gar privat-triviale findet man kaum. Seine Weltsicht konstruiert sich Daylife vor allem aus US-amerikanischen Medien. Und damit auch Universe.

Zudem erscheinen viele von Daylife vorgeschlagene Verknüpfungen recht willkürlich, und die Bildergalerien würfeln aktuelle, ältere, wichtige und nichtige Agenturfotos zusammen, die eine freie Sicht auf den virtuellen Nacht- und Nachrichtenhimmel trüben. Im Universum "Putin" zum Beispiel finden sich Fotos des russischen Präsidenten direkt neben Fotos russischer Globalisierungsgegner und eines Flugzeugabsturzes. Das eignet sich kaum für zielgenaue seriöse Recherchen. Für eine verspielte Infosurferei in bewölkten Nächten hingegen eignet sich Universe allemal.



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Universe - - Ein Weltall aus Information »

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The Work of Jonathan Harris - - DIe Projekte des Netzkünstler Jonathan Harris »

Simon Patterson, The Great Bear, 1992 - - Simon Pattersons Liniennetzplan der Londoner U-Bahn mit Personennamen »

Lovelines - - berechnet ein tägliches Emotionsbarometer aus Blogs »

 
Leser-Kommentare
  1. Hoffentlich haben sich die Muehen von Jonathan gelohnt und jemand interessiert sich fuer diesen Unsinn.

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