Der Klimawandel bedroht die Lebensgrundlagen von Milliarden von Menschen - so heißt es in der bislang dramatischsten Warnung der Vereinten Nationen vor den Folgen der Erderwärmung, die sich weitestgehend auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) stützt. Fachleute aus 130 Ländern verabschiedeten den alarmierenden zweiten Teil des UN-Klimaberichts am Freitag in Brüssel.

Die Regierungsvertreter und Wissenschaftler hatten fünf Tage lang in Brüssel darum gestritten, wie die auf rund 1500 Seiten dargelegten wissenschaftlichen Klima-Erkenntnisse auf eine etwa 20-seitige "Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger" verkürzt werden können . Der Report soll die Auswirkungen des Klimawandels auf die einzelnen Regionen der Erde zeigen. Dabei schwächten die großen Luftverschmutzer USA und China den Bericht nach Angaben von Verhandlungsteilnehmern ab . Auch Russland und Saudi-Arabien sollen auf weniger schonungslose Darstellungen gedrängt haben. Der Vorsitzende des IPCC, Rajendra K. Pachauri, sprach dennoch von einem "guten Ergebnis".

Der stellvertretende Versammlungsleiter in Brüssel, Martin Parry, sagte, "die Folgen werden alle Kontinente zu spüren bekommen". Allein in den Mündungsdeltas asiatischer Flüsse - wie in Bangladesch - werde der Anstieg des Meeresspiegels eine Milliarden-Bevölkerung treffen. Kleine Inseln und ganze Landstriche könnten von der Landkarte verschwinden. Mindestens ein Fünftel aller Tier- und Pflanzenarten sind den Forschern zufolge vom Aussterben bedroht. Besonders gefährdet seien die Mittelmeerregion, die Pole und Gebiete südlich der Sahara.

Pachauri warnte vor Ernteeinbrüchen, Überschwemmungen und Artensterben. Auch für Deutschland und Europa werden große Schäden erwartet. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte schnelles und entschiedenes Handeln der internationalen Gemeinschaft, um den Temperaturanstieg zu begrenzen.

In Deutschland erwartet Wolfgang Cramer vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), dass Krankheiten wie von Zecken ausgelöste Hirnhautentzündungen zunehmen. Ostdeutschland müsse sich auf trockenere Sommer und mehr Niederschläge im Winter einstellen. "Das heißt, Dürre und Hochwasserrisiko am selben Ort im selben Jahr", sagte Cramer, der an den Beratungen teilnahm und am Report mitgearbeitet hatte. Dies werde sich auch negativ auf Land- und Forstwirtschaft auswirken. Der Anstieg des Meeresspiegels gefährde Menschen an den Küsten.

"Fluten, Wirbelstürme, Dürre- und Hitzeperioden werden immer mehr Menschen gefährden", sagte Parry. Ohnehin schon wasserarme Regionen in Afrika könnten vollends verdorren. "Auch Unterernährung wird zu einem immer größeren Problem." Letztlich müssten sich Milliarden von Menschen neue Lebensräume suchen. Arme Länder seien vom Klimawandel besonders betroffen, da sich die Menschen dort gegen die Folgen nicht schützen könnten. Die reicheren Staaten müssten diesen Menschen helfen, sagte Parry. Zudem müsse der Ausstoß klimaschädlicher Emissionen drastisch reduziert werden.