Er ist umstritten - nicht nur im Ausland, sondern auch im Irak selbst. Belächelt von den einen wegen seines vergleichsweise niedrigen klerikalen Ranges, gefürchtet von den anderen für seine Radikalität und Brutalität. Der Aufruf des untergetauchten Schiiten-Führers Muqtada al-Sadr gegen die US-Invasion Bagdads vor vier Jahren und die anhaltende Präsenz der Besatzungstruppen scheint dabei ins Bild zu passen. Schließlich war er einer derjenigen, die sich stets lautstark gegen die amerikanische Kriegsführung gewandt haben - obwohl viele seiner schiitischen Glaubensbrüder die „Befreiung von der Hussein-Diktatur“ zunächst begrüßt hatten. Bis heute brüstet er sich damit, während der Baath-Herrschaft nicht, wie viele andere schiitische Geistliche und Politiker, das Land verlassen zu haben. Sein Kurs ist vor allem ein nationalistischer. Letzteres erklärt auch, warum neben seinen schiitischen Anhängern auch Sunniten an den Demonstrationen vom Wochenende teilnahmen. Der junge Kleriker Muqtada al-Sadr hat sich zu einer der führenden politischen Figuren im Irak entwickelt

Unmittelbar nach dem Sturz des Hussein-Regimes machte sich al-Sadr vor allem als Querulant und Unruhestifter einen Namen. Oft unter Einsatz von Gewalt mobilisierte er seine Anhänger gegen das traditionelle geistige schiitische Establishment, gegen ehemalige Regimemitglieder, gegen die aus dem Exil zurückgekehrten Politiker und gegen die Besatzungstruppen. 2004 führte das zu blutigen Auseinandersetzung mit den Amerikanern.

Knapp drei Jahre später scheint der junge Imam sein radikales Image abschütteln und in eine komplett neue Rolle schlüpfen zu wollen. Politisch hat er sich zu einer Schlüsselfigur entwickelt. Er verfügt über eine De-facto-Vetomacht über bestimmte politische Vereinbarungen, und seine Bewegung konnte in den letzten Wahlen 32 der insgesamt 275 Parlamentssitze für sich gewinnen. Dabei unterscheidet sich die sogenannte Sadr-Bewegung, auch bekannt als Sadriyyun, wesentlich von den anderen politischen Strömungen im Irak. Sie vermag es, eine authentische soziale Bewegung zu reflektieren und vor allem politische Frustration, Sehnsüchte und Forderungen eines vergleichbar großen Bevölkerungsteils zu kanalisieren. Vor allem unter der sozial schwachen schiitischen Stadtbevölkerung genießt al-Sadr ein hohes Ansehen.

Als Nachfahren des Propheten gelten die al-Sadrs als eine der großen, einflussreichen Familien, die über Generationen die unerlässlichen Eigenschaften für Macht und Legitimität in der schiitischen Welt weiter vererben. Sicher wäre Muqtadas politische Karriere ohne seine beiden berühmten Vorfahren, Ajatollah Muhammad Baqir al-Sadr, ein entfernter Cousin seines Vaters, und Letzterer selbst, Ajatollah Muhammad Sadiq al-Sadr, undenkbar gewesen. Beide haben zeitlebens daran gearbeitet, die quietistische schiitische Tradition zu untergraben, um der passiven Geistlichkeit eine politischere Rolle zuzuweisen. Muqtadas Vater wurde im Februar 1999 gemeinsam mit seinen beiden ältesten Söhnen von Mitgliedern des Hussein-Regimes ermordet.

Wie beinahe jede politische Bewegung verfügt auch die Sadr-Bewegung über eine Miliz, die Jaysh al-Mahdi, die Mahdi-Armee. Nicht nur die überall präsenten bewaffneten Milizen und die Durchsetzung sämtlicher Ministerien mit ihren Kämpfern gibt Anlass zur Sorge, sondern auch die Absicht, diese zu entwaffnen. Zum Teil auf Druck der Amerikaner hat Ministerpräsident Nuri al-Maliki angekündigt, die Mechanismen zur Auflösung und Reformierung der Milizen durchzusetzen. Sollte er seine Ankündigung wahr machen, so ist es wahrscheinlich, dass er in Bagdad beginnt. Dort ist die Mahdi-Armee sichtbarste, aktivste und vor allem stärkste Miliz. Eine ausschließliche Konzentration auf Muqtadas Mahdi-Armee birgt jedoch einige Gefahren. Sollten sich die Sadr-Anhänger unfair behandelt fühlen und der Druck auf sie weiter steigen, so ist es durchaus denkbar, dass sie auf ortsgebundene Gewalt zurückgreifen und sich die Sicherheitssituation weiter verschlechtert.

Die größten Sorgen bereiten weiterhin die ethnischen und religiösen Konflikte im Irak. Trotz Muqtadas Aufrufen zur nationalen Einheit, hat auch die Sadr-Bewegung einen religiösen Charakter angenommen. Mit der Zunahme der Auseinandersetzungen nimmt auch die Verwicklung der Sadristen in den Krieg zwischen Schiiten und Sunniten konstant zu. Muqtada al-Sadr hat im vergangenen Jahr immer wieder zur Mäßigung aufgerufen und eine Krisensitzung im Parlament gefordert. Wenn er eine konstruktive Rolle im gewaltbereiten und unberechenbaren Irak spielen will, müssen seinen Worten Taten folgen. Ob der Aufruf zu Demonstrationen gegen die US-Besatzer der richtige Weg ist, bleibt offen.