Das Mailänder Meazza Stadio gilt als Scala des Fußballs. Die Bezeichnung gerät in Bezug auf das Champions League-Viertelfinalspiel zwischen dem AC Mailand und dem FC Bayern zur Ironie. Dieses Spiel war wahrlich kein Kunstgenuss. Es endete mit einem turbulenten 2:2-Remis, das beiden Vereinen schmeichelt. Die Tore lassen manche spielerische Malaise vergessen. Zu deutlich offenbarte die Partie, dass beide Traditionsklubs gegenwärtig eine Identitätskrise durchmachen. Die Mailänder beherrschen offenbar die italienische Urtugend der Verteidigung nicht mehr. Und die Bayern-Stürmer können keine Tore mehr schießen. Bei den Bayern stach der überragende Abwehrspieler Daniel van Buyten hervor, der mit seinen zwei Treffern viel für das eigene Image tat, und zudem Milans eklatante Abwehrschwächen offenlegte.

Fast hätte der russische Schiedsrichter Juri Baskarow doch noch Milan mit krassen Fehlentscheidungen zum Sieg verholfen. Schon im Vorfeld hatte Vorstand Karl-Heinz Rummenigge lauthals die Wahl des Schiedsrichters kritisiert: Er sei zu unerfahren für ein solch wichtiges Spiel. Der Bayern-Chef sollte recht behalten. Zunächst erkannte der Schiedsrichter ein klares Abseitstor von Andrea Pirlo (40. Minute) an, nachdem er zuvor einen Elfmeter an den brasilianischen Jungstar Kaka' übersehen hatte. In der 82. Minute zeigte er nach einer Attacke auf Kaka' auf den Elfmeterpunkt, obwohl der Bayern-Verteidiger eindeutig den Ball gespielt hatte. Milans klare und reguläre Chancen vereitelte ein überragender Michael Rensing im Bayern-Tor. Mit Weltklasse-Reflexen verhinderte er mehrmals die Führung durch Gilardino. Von einem Kahn-Ersatz konnte keine Rede sein.

Nach dem Spiel, in der Pressekonferenz, wurde vieles schön geredet. Es war indes das Duell zweier mittelmäßiger Mannschaften, die beide von sich behaupten, zur europäischen Elite zu gehören. Den Vorwurf der Mittelmäßigkeit wollte Hitzfeld nicht auf sich sitzen lassen. "Das sehe ich nicht so. Meine Mannschaft hat eine Stunde lang sehr guten Fußball gespielt", sagte er. Und zwar mit spielerischen Akzenten. Von einer europäischen Spitzenmannschaft ist der deutsche Rekordmeister allerdings derzeit noch weit entfernt. Auch der AC Mailand schwächelte in der Abwehr so sehr, dass sie phasenweise die Orientierung verlor.

Auf der Gegenseite verlor Carlo Ancelotti nach der Partie seinen unerschütterlichen Gleichmut. Zuvor hatte der Milan-Trainer die Order seines herrischen Präsidenten Silvio Berlusconi abgelehnt, in der Partie mindestens mit zwei Spitzen anzutreten. Er dagegen bestand mit Alberto Gilardino als einzige Spitze auf sein favorisiertes Spielsystem. Ancelotti hoffte darauf, dass seine Kreativleute im Mittelfeld, Kaka' und Andrea Pirlo, alles überstrahlen und den kleinen Unterschied ausmachen würden. Doch zwei eklatante Fehler in der Milan-Abwehr, die zu den Ausgleichstreffern führten, vereitelten alles. Zunächst war der wieder genesene Abwehrspieler Alessandro Nesta zu weit weg von van Buyten, als er in der 77. Minute in der Manier eines Stürmers den 1:1-Treffer erzielte. Bei dem Ausgleichstreffer in der letzten Minute profitierte er davon, dass ihm Massimo Ambrosini unfreiwillig den Ball zurechtlegte. Was hilft die beste Offensive, wenn die Defensive unfähig ist?

"Ich kann nicht verhehlen, dass wir über das Resultat ein bisschen niedergeschlagen sind", sagte der 47-jährige Carlo Ancelotti und flüchtete dann in verbale Binsenweisheiten. Beim Rückspiel werde es daher schwer sein, sich für das Halbfinale zu qualifizieren. Aber ein Auswärtssieg muss her, damit er weiter sein Traineramt behalten kann. In der Mannschaft fehlt indes die nötige Abstimmung. Ein Beleg dafür war, dass sich Kapitän Paolo Maldini demonstrativ weigerte, sich auf den Zusammenhalt mit seinen Kameraden einzuschwören.

Die Ausgangsposition für das Rückspiel könnte für Bayern München nicht besser sein. "Wir wollen beim Rückspiel nicht auf null zu null spielen", sagte Ottmar Hitzfeld. Reichen würde es ja, um weiterzukommen. Doch ohne Willy Sagnol, der sich am Miniskus verletzte und bis Saisonende ausfällt, dürfte es dennoch nicht einfach sein. Andererseits ist wieder Mark van Bommel spielberechtigt. "In den letzten Monaten hat er sich besonders im Defensivverhalten gesteigert", lobte ihn der Bayern-Trainer, ehe er seinen Gastgebern ein bisschen schmeichelte und deren "spritziges Offensivspiel" lobte. Eine schöne Geste, die bei den Gegnern immer gut ankommt. Lob lullt ein - und ein schläfriger Gegner kann den Bayern im Rückspiel nur recht sein.

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