Das Buch scheint das Buch des Jahrzehnts zu werden, in schwankend hohen Stapeln liegt es in allen Buchhandlungen, eine kleine Ewigkeit lang führt es jetzt schon die Bestsellerlisten an. Einen solchen Erfolg hat ein deutscher Roman seit Patrick Süskinds »Parfüm« nicht mehr gehabt.

Und wie Süskinds »Parfüm« ist auch Daniel Kehlmannns »Die Vermessung der Welt« ein historischer Roman – allerdings mehr Roman als historisch. Denn wer glaubt, hier etwas über Alexander von Humboldt, den berühmten Südamerika-Reisenden, und Carl Friedrich Gauß, den großen Mathematiker, zu erfahren, der sollte sich in Acht nehmen.

Sprechen wir nicht vom angenehm leichten Stil des Buches, nicht vom literarischen Gehalt, auch nicht von den »fabelhaften Dialogen«, die Marcel Reich-Ranicki so sehr begeistert haben. Sprechen wir von der Basis eines historischen Romans: Wie steht’s um die Fakten? Wie hat der Autor den Schauplatz »einer schon entrückten Vergangenheit« gestaltet? Ist das auch so fabelhaft? Kurz gesagt: leider ja.

Das beginnt mit ärgerlichen Winzigkeiten. Über Gauß‘ Kritik an der »neumodischen Lederfederung« der Kutschen wäre die preußische Postverwaltung äußerst erstaunt gewesen, war sie doch gerade bemüht, die Passagiere auf modernen englischen Stahlfedern dahinschweben zu lassen. Und hätte Gauß tatsächlich gegen alle Tatsachen behauptet, daß »reiche Leute für die Reise doppelt so lange brauchen wie arme«, hätte sie den Mathematiker kurzerhand für verrückt erklärt. Daniel Kehlmann ist als Autor der "Vermessung der Welt" fürs Fiktive zuständig© Sven Paustian / Agentur Focus BILD

Zu den kleineren Verstößen gegen die Geschichte mag man auch rechnen, dass der berühmte Pariser Lichtbildner Louis Jacques Daguerre weder in Berlin war noch Humboldt und Gauß fotografieren konnte: dazu hätte die Geschichte gut zehn Jahre später spielen müssen. Und natürlich ist auch die Episode mit dem Luftfahrtpionier Pilâtre de Rozier, einem Superstar seiner Zeit, und dem jungen Gauß nur der Fabulierfreude Kehlmanns entsprungen: Pilâtre de Rozier war 1785 bei dem Versuch, den Ärmelkanal zu überfliegen, ums Leben gekommen. Der nicht minder populäre Ballonfahrer François Jean Pierre Blanchard dagegen wäre für Kehlmanns Zwecke geeigneter gewesen, denn der ist wenigstens 1788 in Braunschweig aufgestiegen – Adolph Freiherr Knigge, der Autor des Klassikers “Vom Umgang mit Menschen«, hat einen herrlichen Roman darüber geschrieben.

Schweigen wir von der fiktiven Reise des Mathematikers nach Königsberg, um den alten Immanuel Kant zu besuchen, schweigen wir auch von der Charakterisierung des Philosophen, die nur die bekannten Klischees ins Groteske steigert, schweigen wir ebenso von der merkwürdigen Idee im Roman, mal eben von Bremen nach Weimar ins Theater zu fahren, aber streifen wir wenigstens kurz die berühmte Reise Humboldts auf den amerikanischen Kontinent. Im Roman folgt sie nur oberflächlich und mit eigentümlichen Entstellungen der tatsächlichen Reiseroute, unbekümmert um Fakten und Fabeln.

Der heroische Selbstversuch Humboldts im Roman etwa, das Pfeilgift Curare zu schlucken, liest sich in der alten Beschreibung wie eine Gegengeschichte: die Indios wussten ebenso wie der Forscher, dass Curare, als Medizin getrunken, ohne weitere Nachwirkungen gegen Magen- und Darmbeschwerden half. Bei der Herstellung musste überdies mehrmals mit der Zunge die Konsistenz und Güte des Giftes geprüft werden. Warum also das dumme Selbstexperiment im Roman?