Amoklauf"Demonstration der Macht"

Erleichtert die Gewaltkultur in den USA Massaker wie in Blacksburg? Ein Gespräch mit dem Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer

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ZEIT online: Wieso geschehen solche Amokläufe wie jetzt in Blacksburg vor allem in den USA? Gibt es dort eine bestimmte Gewaltkultur, die solche Massaker befördern? Oder kann das im Prinzip auch bei uns oder in anderen Ländern passieren?

Heitmeyer: Wir haben so etwas ja auch bei uns in Erfurt erlebt, in Emsdetten ist es mit Glück verhindert worden. Aber in Europa ist das nicht Alltag. Demgegenüber ist die Zahl der Amokläufe in den USA in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Daher kann man schon von einer Kultur der Gewalt in Amerika sprechen. Gewalt und der Einsatz von Waffen sind dort selbstverständlich. Dazu gehört auch, dass die amerikanische Gesellschaft über solche Ereignisse immer wieder zur Tagesordnung übergeht.

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ZEIT online: In den USA wird jetzt gleich wieder über die Waffengesetze diskutiert. Erleichtern sie solche Amokläufe?

Heitmeyer: Wichtig ist die Waffenkultur, also die Einstellung zum Besitz von Waffen und die Waffengesetze. Die sind in den USA dermaßen aufgeweicht worden, dass beispielsweise die Frage der Notwehr in einigen Bundesstaat nur noch davon abhängt, ob man sich angegriffen fühlt. Das reicht dann, um schießen zu dürfen. Solche Aufweichungen von Normen tragen dazu bei, dass der Einsatz von Waffen selbstverständlich wird.

ZEIT online: Was unterscheidet solche Amokläufe von normalen Morden und anderen Gewalttaten?

Heitmeyer: Das Entscheidende ist, dass die Opfer meist anonym sind, wie in diesem Fall an einer Massenuniversität. Es gibt Fälle, wie auch in Erfurt, wo Täter Urheber der von ihnen erlebten Kränkungen, also Lehrer, angreifen. Aber in der Regel sind die Opfer eher zufällig ausgewählt.

ZEIT online: Was geht in einem Menschen vor sich, dass er jede Hemmung verliert, massenhaft und derart wahllos Menschen zu töten?

Heitmeyer: Bei Amok bricht jedes Normengebäude, das normalerweise die Gewalt einhegt, zusammen. Im Grundsatz steht ja jedem Menschen Gewalt zu jeder Zeit als Mittel zur Verfügung. Sie wird aber normalerweise durch Normen und Gesetze eingedämmt. Deshalb sind auch nicht die Waffen an sich und die Verfügung über sie das Problem, sondern die Frage, inwieweit sie in Normen eingebunden sind. In einer Armee beispielsweise ist der Einsatz von Waffen genau geregelt - in der Zivilgesellschaft in der Regel nicht. Dort sind sie ja eigentlich nicht vorgesehen, und da brechen dann unter bestimmten Umständen alle Normen ein, die den Einsatz von Waffen normalerweise verhindern. Was es besonders dramatisch und gefährlich macht: Es gibt bei Amokläufen in aller Regel keine Vorwarnung, man weiß nicht, was sie wann auslöst. Die Gesellschaft hat deshalb keine Kontrolle über sie.

ZEIT online: Es gibt in diesem Fall Berichte, wonach der Ausgangspunkt des Amoklaufs womöglich eine Beziehungstat war. Angeblich erschoss der junge Täter erst seine Freundin, bevor er dann Stunden später in Hörsäle und Seminarräume eindrang und Dozenten und Mitstudenten erschoss. Können solche Massenmorde spontan geschehen?

Heitmeyer: Ich kenne die genauen Einzelheiten noch nicht. Aber generell ist Gewalt immer auch eine Machtdemonstration, beim Amoklauf eine endgültige. Dafür braucht es eine wenigstens minimale Vorbereitung. Der Täter muss Waffen haben, wenn er schon keinen Plan hat. Und bei Beziehungsdramen ist es bekannt, dass die Ohnmacht, einen Konflikt auf anderem Wege zu lösen, umschlagen kann in eine solche gewaltsame Machtdemonstration.

ZEIT online: Am Ende hat sich der Täter, wie auch in Erfurt und Emsdetten, erschossen. Sind Amokläufe eine Form von Selbstmord, in den der Täter möglichst viele andere mitnehmen möchte?

Heitmeyer: Ja, es ist in gewisser Weise auch ein Weg in die Unsterblichkeit. Der Name des Amokläufers wird sich einbrennen in die Geschichte. So tritt der Täter aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus. Nach dem Amoklauf an der Columbine Highschool vor acht Jahren wurde beschrieben, dass die beiden jugendlichen Täter während der Schießerei gekichert haben. Sie haben die Opfer erniedrigt, um sich selbst zu erheben.

Leserkommentare
  1. Heitmeyer: 'Wichtig ist die Waffenkultur, also die Einstellung zum Besitz von Waffen und die
    Waffengesetze. Die sind in den USA dermaßen aufgeweicht worden, dass beispielsweise die Frage der
    Notwehr in einigen Bundesstaat nur noch davon abhängt, ob man sich angegriffen fühlt. Das reicht dann, um
    schießen zu dürfen. Solche Aufweichungen von Normen tragen dazu bei, dass der Einsatz von Waffen
    selbstverständlich wird.'

    Hervorragend, intelligent und zutreffend!

    Herrn Heitmeyer gebuehrt fuer diese praezise Analyse sehr grosses Lob!

    vielen Dank

    und beste Gruesse

    Gerhard Stenkamp

    • uff
    • 17. April 2007 18:57 Uhr

    interessiert mich sehr. Waffen sind da nicht vorgesehen und sollten es auch nicht. Da gibt es scheints in der amerikanischen Gesellschaft fließende Grenzen, aber fast scheint mir als hätte sich da eine legitimierte 'Waffenzone' überhaupt noch nicht herausgebildet. Staat stört doch eher den Normalbürger der USA. Nochmals Fischer scheint mir eine ganz wichtige Person - hoffentlich noch viele andere, auch Habermas etc. - für die USA werden zu können.
    Ich denke, man muß da leben um wirklich helfen zu können.
    Es tut mir so leid

  2. auch mal die Geschichte der USA ansehen. Da geht es immer nur um 'power', also Macht und Staerke und ruecksichtsloses sich durchsetzen. Das hat die USA seit ueber 250 Jahren gepraegt, angefangen mit der Massenvernichtung der Indianer, den Buergerkrieg, die brutale Expansion seit Mitte -Ende des 19. Jahrhunderts mit der Anexierung der mexikanischen Gebiete, der Philipinen oder Puerto Rico, die Ausbreitung in anderen Zonen der Welt nach den 2 Weltkriegen, die Atombomben auf Japan, den Golfkrieg und eben heute Irak und Afghanistan.

    Diese Entwicklung hat dazu beigetragen, dass sich USA als Herrscher ueber Leben und Tod empfanden und auch heute noch empfinden. Der Ueberfall auf den Irak und die Tausende von Irakern, die dafuer mit mit ihrem Leben bezahlen, ohne ein Schuldgefuehl der Amerikaner hervorzurufen, ist das beste Beispiel. Da ist Virginia Tech kein grosses Thema, sowas passiert eben, auch wird man deshalb nun nicht die Lebensgewohnheiten oder die Waffengestzgebung aendern.

  3. unglaublich...

    die Aufweichung der Notwehrgesetze hat doch nichts mit einem Amoklauf zu tun.

    Die Normen über die Herr Heitmeyer spricht, gibt es in den USA sehr wohl, nicht nur im Gesetz. Daß jemand diese Normen auf einmal radikal brechen möchte, ist nicht zu verhindern und passiert jeden Tag, überall.

    Der Wunsch in die Geschichte einzugehen, mag manchmal ein Grund sein, ist aber bei einem Amoklauf nicht immer vorhanden. Der Hass auf die Mitmenschen reicht doch vollkommen aus.

    'Der Täter in Blacksburg war ja offenbar auch schon erwachsen. Das muss also nichts damit zu tun haben, ob die Persönlichkeit schon herausgebildet ist.'
    Völlig falscher Schluss. Mit 23 ist man nicht unbedigt erwachsen und hat seine Persönlichkeit vielleicht nicht vollkommen entwickelt. Herr Hartmeyer mag wahrscheinlich Zahlen sehr gern: ab dem 18-ten Geburtstag ist einer erwachsen.

    'Auch Waffengesetze allein helfen nicht weiter. Denn wer sich zu einem Amoklauf entschlossen hat, wird sich die Waffen schon besorgen.'
    Auch falsch. Ich überlege gerade, wie ich ich mir hier ein paar halbautomatische Waffen besorgen könnte. Mir fällt nichts ein.

  4. 'wir gestatten uns nicht die USA zu moegen und haben wieder einmal eine Stelle zum draufhauen gefunden'. Vor zwei Jahren war Deutschland Weltmeister in Schulamoklauf. Wer im Glashaus sitzt soll nicht mit Steinen werfen.

  5. Also um dieselben Medienhyp (weltweit), zu erreichen wie mit einem Amoklauf muß man wohl schon sämtliche Nobelpreise gewinnen, zum Papst, zur Königin von England und zum Kaiser von China ernannt werden und eine Pille erfinden die alle Krankheiten heilt, das Konto füllt und unsterblich macht. Das alles sollte aber tunlichst an einem Tag passieren, dann könnte man evtl. 50% der Aufmerksamkeit erreichen die einem Amokläufer zu Teil wird. Daraus jetzt aber eine Mitschuld der Medien abzuleiten ist nun wirklich der totale Schwachsinn - da hat der Autor schon recht.

  6. die USA und Deutschland in Sachen Gewaltausübung voneinander trennen - die laxere Waffengesetzgebung gehört sicher dazu. ABER: Auch hier in Deutschland laufen genug Menschen durch die Gegend, die in Ermangelung von Schusswaffen Messer bei sich tragen und davon auch Gebrauch machen. Das ist bei bestimmten Kulturkreisen hierzulande auffällig.
    Insofern ist es ziemlich scheinheilig von Herrn Heitmeier, mit dem Finger auf die USA zu zeigen- passt aber gut in den Zeitgeist.

  7. Das 'westliche' Land mit der relativ höchsten Waffendichte, und zwar mit militärischen vollautomatischen Gewehren, sind nicht die USA. Es ist die Schweiz.
    Der mörderische Gebrauch von Schußwaffen ist dort nicht verbreitet. Interessant ist auch ein Vergleich mit Kanada, wo signifikant weniger Waffendelikte geschehen.

    Es handelt sich in der Breite in der Tat um ein kulturelles Phänomen.

    Amoklauf ist nie auszuschleßen. Er kann auch geschehen durch Militär- oder Polizeiangehörige (im 'normalen' Umfeld), die Wahrscheinlichkeit ist jedoch geringer.

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  • Schlagworte FBI | USA | Amoklauf | Blog | Elisabeth Bronfen | Mord
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