ZEIT online: Wieso geschehen solche Amokläufe wie jetzt in Blacksburg vor allem in den USA? Gibt es dort eine bestimmte Gewaltkultur, die solche Massaker befördern? Oder kann das im Prinzip auch bei uns oder in anderen Ländern passieren?

Heitmeyer: Wir haben so etwas ja auch bei uns in Erfurt erlebt, in Emsdetten ist es mit Glück verhindert worden. Aber in Europa ist das nicht Alltag. Demgegenüber ist die Zahl der Amokläufe in den USA in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Daher kann man schon von einer Kultur der Gewalt in Amerika sprechen. Gewalt und der Einsatz von Waffen sind dort selbstverständlich. Dazu gehört auch, dass die amerikanische Gesellschaft über solche Ereignisse immer wieder zur Tagesordnung übergeht.

ZEIT online: In den USA wird jetzt gleich wieder über die Waffengesetze diskutiert. Erleichtern sie solche Amokläufe?

Heitmeyer: Wichtig ist die Waffenkultur, also die Einstellung zum Besitz von Waffen und die Waffengesetze. Die sind in den USA dermaßen aufgeweicht worden, dass beispielsweise die Frage der Notwehr in einigen Bundesstaat nur noch davon abhängt, ob man sich angegriffen fühlt. Das reicht dann, um schießen zu dürfen. Solche Aufweichungen von Normen tragen dazu bei, dass der Einsatz von Waffen selbstverständlich wird.

ZEIT online: Was unterscheidet solche Amokläufe von normalen Morden und anderen Gewalttaten?

Heitmeyer: Das Entscheidende ist, dass die Opfer meist anonym sind, wie in diesem Fall an einer Massenuniversität. Es gibt Fälle, wie auch in Erfurt, wo Täter Urheber der von ihnen erlebten Kränkungen, also Lehrer, angreifen. Aber in der Regel sind die Opfer eher zufällig ausgewählt.

ZEIT online: Was geht in einem Menschen vor sich, dass er jede Hemmung verliert, massenhaft und derart wahllos Menschen zu töten?

Heitmeyer: Bei Amok bricht jedes Normengebäude, das normalerweise die Gewalt einhegt, zusammen. Im Grundsatz steht ja jedem Menschen Gewalt zu jeder Zeit als Mittel zur Verfügung. Sie wird aber normalerweise durch Normen und Gesetze eingedämmt. Deshalb sind auch nicht die Waffen an sich und die Verfügung über sie das Problem, sondern die Frage, inwieweit sie in Normen eingebunden sind. In einer Armee beispielsweise ist der Einsatz von Waffen genau geregelt - in der Zivilgesellschaft in der Regel nicht. Dort sind sie ja eigentlich nicht vorgesehen, und da brechen dann unter bestimmten Umständen alle Normen ein, die den Einsatz von Waffen normalerweise verhindern. Was es besonders dramatisch und gefährlich macht: Es gibt bei Amokläufen in aller Regel keine Vorwarnung, man weiß nicht, was sie wann auslöst. Die Gesellschaft hat deshalb keine Kontrolle über sie.

ZEIT online: Es gibt in diesem Fall Berichte, wonach der Ausgangspunkt des Amoklaufs womöglich eine Beziehungstat war. Angeblich erschoss der junge Täter erst seine Freundin, bevor er dann Stunden später in Hörsäle und Seminarräume eindrang und Dozenten und Mitstudenten erschoss. Können solche Massenmorde spontan geschehen?

Heitmeyer: Ich kenne die genauen Einzelheiten noch nicht. Aber generell ist Gewalt immer auch eine Machtdemonstration, beim Amoklauf eine endgültige. Dafür braucht es eine wenigstens minimale Vorbereitung. Der Täter muss Waffen haben, wenn er schon keinen Plan hat. Und bei Beziehungsdramen ist es bekannt, dass die Ohnmacht, einen Konflikt auf anderem Wege zu lösen, umschlagen kann in eine solche gewaltsame Machtdemonstration.

ZEIT online: Am Ende hat sich der Täter, wie auch in Erfurt und Emsdetten, erschossen. Sind Amokläufe eine Form von Selbstmord, in den der Täter möglichst viele andere mitnehmen möchte?

Heitmeyer: Ja, es ist in gewisser Weise auch ein Weg in die Unsterblichkeit. Der Name des Amokläufers wird sich einbrennen in die Geschichte. So tritt der Täter aus dem Gefühl der Ohnmacht heraus. Nach dem Amoklauf an der Columbine Highschool vor acht Jahren wurde beschrieben, dass die beiden jugendlichen Täter während der Schießerei gekichert haben. Sie haben die Opfer erniedrigt, um sich selbst zu erheben.