Amoklauf "Demonstration der Macht"Seite 2/2
ZEIT online:
Wieso passieren solche Amokläufe so häufig an Schulen oder jetzt an einer Universität?
Heitmeyer:
Der Täter braucht eine Gruppe von Opfern. Die findet er leicht an öffentlich zugänglichen Ort wie einer Schule; er kennt, wie in Erfurt oder Emsdetten, zudem die zeitlichen Abläufe dort. In beiden Fällen waren die Schulen aber auch die Orte, wo die Täter seelisch tief verletzt wurden, wo ihnen Anerkennung versagt wurde. Ob das auch in Blacksburg so war, kann ich nicht sagen.
ZEIT online:
Wieso waren die Täter in all diesen Fällen Jugendliche?
Heitmeyer:
Das ist nicht generell so. Es gibt auch Amokläufe von Erwachsenen, die sich etwa nach Kündigungen rächen wollen. Der Täter in Blacksburg war ja offenbar auch schon erwachsen. Das muss also nichts damit zu tun haben, ob die Persönlichkeit schon herausgebildet ist.
ZEIT online:
Auf dem Campus in Blacksburg sind Waffen verboten, die Uni hat eine eigene bewaffnete Polizei, auch andere Kräfte, sogar vom FBI, waren nach der ersten Schießerei relativ schnell am Ort. Dennoch haben sie das Massaker nicht stoppen können. Sind Sicherheitsmaßnahmen überhaupt ein geeigneter Weg, um solche Gewalttaten zu verhindern?
Heitmeyer:
Jede Schule und Hochschule möchte natürlich solche Gewalttaten verhindern, auch weil es dem eigenen Ruf massiv schadet. Solche äußerlichen Sicherheitsmaßnahmen bringen aber häufig wenig. In Schulen beispielsweise ist es viel wichtiger, dass Informationen und Anzeichen, die auf die Vorbereitung zu solchen Taten hinweisen können, wie etwa die Vereinsamung von Schülern oder Andeutungen auch im Internet, weitergegeben werden. Das kann viel eher zur Verhinderung dieser Taten beitragen. Reine Sicherheitsmaßnahmen reichen nicht. Auch Waffengesetze allein helfen nicht weiter. Denn wer sich zu einem Amoklauf entschlossen hat, wird sich die Waffen schon besorgen.
ZEIT online:
Wichtiger ist also ein Klima des Vertrauens zu schaffen, um erste Anzeichen zu erkennen, damit es erst gar nicht zu solchen Entschlüssen kommt?
Heitmeyer:
Ja, an der Stelle sollte man viel mehr Aufwand treiben. Allerdings ist das an anonymen Masseneinrichtungen wie einer Universität schwer zu erreichen, im Gegensatz zu einer vergleichsweise kleinen Schule. Dort spielen die zwischenmenschlichen Beziehungen eine größere Rolle, dort ist das deshalb leichter zu erkennen.
ZEIT online:
Welche Rolle spielen die Medien? Sind sie zu einem einkalkulierten Teil der Gewalt-Inszenierung von Amokläufern geworden, mit deren Hilfe sich die Täter verewigen?
Heitmeyer:
Das kann ich mir bisher nicht vorstellen. Das würde ja voraussetzen, dass es Mittäter gibt, mit deren Hilfe die Morde und der Selbstmord dokumentiert werden. Das wäre in der Tat eine neue Qualität. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob wir nicht auch diese Variante demnächst erleben werden.
Das Gespräch führte Ludwig Greven
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- Datum 17.04.2007 - 06:36 Uhr
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Heitmeyer: 'Wichtig ist die Waffenkultur, also die Einstellung zum Besitz von Waffen und die
Waffengesetze. Die sind in den USA dermaßen aufgeweicht worden, dass beispielsweise die Frage der
Notwehr in einigen Bundesstaat nur noch davon abhängt, ob man sich angegriffen fühlt. Das reicht dann, um
schießen zu dürfen. Solche Aufweichungen von Normen tragen dazu bei, dass der Einsatz von Waffen
selbstverständlich wird.'
Hervorragend, intelligent und zutreffend!
Herrn Heitmeyer gebuehrt fuer diese praezise Analyse sehr grosses Lob!
vielen Dank
und beste Gruesse
Gerhard Stenkamp
interessiert mich sehr. Waffen sind da nicht vorgesehen und sollten es auch nicht. Da gibt es scheints in der amerikanischen Gesellschaft fließende Grenzen, aber fast scheint mir als hätte sich da eine legitimierte 'Waffenzone' überhaupt noch nicht herausgebildet. Staat stört doch eher den Normalbürger der USA. Nochmals Fischer scheint mir eine ganz wichtige Person - hoffentlich noch viele andere, auch Habermas etc. - für die USA werden zu können.
Ich denke, man muß da leben um wirklich helfen zu können.
Es tut mir so leid
auch mal die Geschichte der USA ansehen. Da geht es immer nur um 'power', also Macht und Staerke und ruecksichtsloses sich durchsetzen. Das hat die USA seit ueber 250 Jahren gepraegt, angefangen mit der Massenvernichtung der Indianer, den Buergerkrieg, die brutale Expansion seit Mitte -Ende des 19. Jahrhunderts mit der Anexierung der mexikanischen Gebiete, der Philipinen oder Puerto Rico, die Ausbreitung in anderen Zonen der Welt nach den 2 Weltkriegen, die Atombomben auf Japan, den Golfkrieg und eben heute Irak und Afghanistan.
Diese Entwicklung hat dazu beigetragen, dass sich USA als Herrscher ueber Leben und Tod empfanden und auch heute noch empfinden. Der Ueberfall auf den Irak und die Tausende von Irakern, die dafuer mit mit ihrem Leben bezahlen, ohne ein Schuldgefuehl der Amerikaner hervorzurufen, ist das beste Beispiel. Da ist Virginia Tech kein grosses Thema, sowas passiert eben, auch wird man deshalb nun nicht die Lebensgewohnheiten oder die Waffengestzgebung aendern.
unglaublich...
die Aufweichung der Notwehrgesetze hat doch nichts mit einem Amoklauf zu tun.
Die Normen über die Herr Heitmeyer spricht, gibt es in den USA sehr wohl, nicht nur im Gesetz. Daß jemand diese Normen auf einmal radikal brechen möchte, ist nicht zu verhindern und passiert jeden Tag, überall.
Der Wunsch in die Geschichte einzugehen, mag manchmal ein Grund sein, ist aber bei einem Amoklauf nicht immer vorhanden. Der Hass auf die Mitmenschen reicht doch vollkommen aus.
'Der Täter in Blacksburg war ja offenbar auch schon erwachsen. Das muss also nichts damit zu tun haben, ob die Persönlichkeit schon herausgebildet ist.'
Völlig falscher Schluss. Mit 23 ist man nicht unbedigt erwachsen und hat seine Persönlichkeit vielleicht nicht vollkommen entwickelt. Herr Hartmeyer mag wahrscheinlich Zahlen sehr gern: ab dem 18-ten Geburtstag ist einer erwachsen.
'Auch Waffengesetze allein helfen nicht weiter. Denn wer sich zu einem Amoklauf entschlossen hat, wird sich die Waffen schon besorgen.'
Auch falsch. Ich überlege gerade, wie ich ich mir hier ein paar halbautomatische Waffen besorgen könnte. Mir fällt nichts ein.
'wir gestatten uns nicht die USA zu moegen und haben wieder einmal eine Stelle zum draufhauen gefunden'. Vor zwei Jahren war Deutschland Weltmeister in Schulamoklauf. Wer im Glashaus sitzt soll nicht mit Steinen werfen.
Also um dieselben Medienhyp (weltweit), zu erreichen wie mit einem Amoklauf muß man wohl schon sämtliche Nobelpreise gewinnen, zum Papst, zur Königin von England und zum Kaiser von China ernannt werden und eine Pille erfinden die alle Krankheiten heilt, das Konto füllt und unsterblich macht. Das alles sollte aber tunlichst an einem Tag passieren, dann könnte man evtl. 50% der Aufmerksamkeit erreichen die einem Amokläufer zu Teil wird. Daraus jetzt aber eine Mitschuld der Medien abzuleiten ist nun wirklich der totale Schwachsinn - da hat der Autor schon recht.
die USA und Deutschland in Sachen Gewaltausübung voneinander trennen - die laxere Waffengesetzgebung gehört sicher dazu. ABER: Auch hier in Deutschland laufen genug Menschen durch die Gegend, die in Ermangelung von Schusswaffen Messer bei sich tragen und davon auch Gebrauch machen. Das ist bei bestimmten Kulturkreisen hierzulande auffällig.
Insofern ist es ziemlich scheinheilig von Herrn Heitmeier, mit dem Finger auf die USA zu zeigen- passt aber gut in den Zeitgeist.
Das 'westliche' Land mit der relativ höchsten Waffendichte, und zwar mit militärischen vollautomatischen Gewehren, sind nicht die USA. Es ist die Schweiz.
Der mörderische Gebrauch von Schußwaffen ist dort nicht verbreitet. Interessant ist auch ein Vergleich mit Kanada, wo signifikant weniger Waffendelikte geschehen.
Es handelt sich in der Breite in der Tat um ein kulturelles Phänomen.
Amoklauf ist nie auszuschleßen. Er kann auch geschehen durch Militär- oder Polizeiangehörige (im 'normalen' Umfeld), die Wahrscheinlichkeit ist jedoch geringer.
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