NutztiereDer Milliardenkollaps

Ein mysteriöses Bienensterben erschüttert die USA – und neuerdings auch Europa: Täglich verschwinden Zehntausende Insekten. Mittlerweile ist eine Milliarden schwere Industrie in Gefahr. von Jennifer Lachman

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Eigentlich kann Dan Conlon nicht mehr viel aus der Ruhe bringen. Seit mehr als 40 Jahren betreibt der Amerikaner seine kleine Imkerei im beschaulichen South Deerfield im US-Bundesstaat Massachusetts. In dieser Zeit hat der 56-Jährige schon viel gesehen: "Bienen zu züchten war schon immer ein schwieriges Geschäft", sagt Conlon.

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Doch so ungern er auch an die große Milbenplage in den Achtzigern zurückdenkt oder die Sorgen beschreibt, die ihm die sensiblen Reaktionen seiner Bienenkolonien auf diverse Umwelteinflüsse seit Jahren bereiten: Was sich derzeit in den Bienenzuchten der USA – vor allem in den nordöstlichen Staaten – abspielt, das hat es so noch nicht gegeben. "Das ist neu, ein absolutes Rätsel", sagt der Imker.

Seit Ende vergangenen Jahres berichten immer mehr Bienenzüchter vom spurlosen Verschwinden unzähliger Insekten. Manche Imker verlieren urplötzlich vollständige Kolonien, auf einen Schlag lösen sich jeweils bis zu 60.000 Insekten in Luft auf. "Üblicherweise bleiben nur eine Königin und eine kleine Anzahl Arbeiterinnen zurück", beschreibt Caird Rexroad, Bienenexperte des US-Landwirtschaftsministeriums, das Phänomen. Aber warum verlassen die Tiere ihren Stock? Wieso kehren sie nicht zurück? Und: Wo bleiben sie? Die Experten sind ratlos, es gibt nicht den geringsten brauchbaren Anhaltspunkt. Die Tiere verschwinden scheinbar ohne Grund, und in der Regel werden noch nicht einmal die toten Bienen entdeckt.

Längst ist die amerikanische Wissenschaft alarmiert, aber auch Vertreter aus Politik und Wirtschaft zeigen sich inzwischen höchst beunruhigt. Colony Collapse Disorder (CCD) haben die Forscher das Rätsel getauft; das US-Repräsentantenhaus widmete dem Thema kürzlich sogar eine spezielle Anhörung. "Es geht um viel, viel mehr als nur ein paar Bienen und ein bisschen Honig", stellt Paul Jackson, Bienenexperte an der Texas A & M University, klar. Es geht um die wirtschaftliche Zukunft einer rund 16 Milliarden Dollar schweren Industrie.

Etwa ein Drittel aller frischen Nahrungsmittel, also ein großer Teil der gesamten Obst- und Gemüseproduktion in den USA, ist von den kleinen Insekten abhängig – denn die Pflanzen müssen bestäubt werden. Imker wie Dan Conlon nutzen ihre Bienen daher nur teilweise, um Honig zu gewinnen. Sehr häufig verleihen die Züchter ihre Stöcke an die Farmer: Sie fahren durchs ganze Land und setzen die Insekten für ein paar Tage unter Mandelbäumen, auf Blaubeerfeldern oder anderen Plantagen aus.

Für die diesjährige Mandelernte könnte die mysteriöse Bienenkrankheit sogar schon das Aus bedeuten: Allein in Kalifornien benötigen die Farmer, um eine durchschnittliche Ernte zu erzielen, rund 1,3 Millionen Bienenkolonien. "Wegen CCD kann diese Nachfrage nicht mehr gedeckt werden", hat Caird Rexroad vom US-Landwirtschaftsministerium beobachtet. Die unmittelbaren Folgen: Ernteausfälle, Knappheiten und steigende Preise. "Der Preis für einen Stock hat sich auf rund 150 Dollar verdreifacht", weiß Imker Dan Conlon.

Leserkommentare
  1. Das Umdenken, das hoffentlich bald einsetzt, nach diesem Schock, wird wohl auch das Phänomen der Monokulturen mit berücksichtigen müssen, sowohl bei den Bienen selber als auch bei deren Nahrung. Und auch bei unserer Nahrung.

    • BGrabe
    • 19. April 2007 15:16 Uhr
    2. Ratlos

    Auch wenn Umweltschützer sich bemüßigt fühlen könnten das Phänomen für sich zu reklamieren nach dem Motto: 'Wir haben es ja schon immer gesagt'.
    So ist das eher Audruck eines religiösen Erklärungsansatzes als auch nur der Hauch von Tatsache.

    Das die Welt und die Ökologie sich verändert wird wohl niemand bestreiten, aber das tut sie seit Jahrtausenden im gleichen Tempo.
    Das wir uns dessen bewußter werden bedeutet aber noch lange nicht, das wir auch nur die Einflussgrößen identifizieren können, geschweige denn überhaupt ernsthaft Einfluss nehmen können. Vielleicht haben wir das sogar im Guten wie im Schlechten noch nie gekonnt.

    So besteht durchaus die Gefahr, das der moderne Umweltschutz letztlich das Grab schaufelt, aus dem er uns so gerne retten möchte.
    Fanatismus, Glaube und Vermutung waren halt noch nie gute Ratgeber und mehr hat der Umweltschutz bis heute meist nicht zu bieten.
    Mehr Sachlichkeit, weniger Medienhyp und Auflösung der widersprüche würde uns vermutlich weiter bringen als die aktuelle auf Vermutungen und Verdächtigungen aufgebaute öffentliche Hysterie.

  2. Über das Bienensterben habe ich mir Gedanken gemacht. In einigen Kommentaren gelesen, dass die Genmanipulationen und der Einsatz von chemischen Mitteln in der Agrarindustrie Gründe für das Bienensterben sein könnten. – Dazu habe ich eine etwas weiter zurückgelegene Recherche in Erwägung gezogen: Die Nutzpflanze Hanf. Jahrhunderte lang wurde Hanf weltweit angebaut. Daraus wurde Zellstoff gewonnen, Hanföl erzeugt, fossile Brennstoffe und Textilen gewonnen sowie zur Herstellung von Kunststoffen und Medikamenten gebraucht. Schnell stellten die großen Chemiekonzerne fest, dass dort eine natürliche Konkurrenz angebaut wurde, die vom Markt verschwinden sollte. Die Lobby der chemischen Industrie erreichte es mit Hilfe der Politik (Vorreiter USA), dass Cannabis nicht mehr angebaut wurde (siehe Jack Herer – Die Wiederentdeckung der Nutzpflanze Hanf, ISBN 3-86150-059-0). Nun drängt sich mir der Verdacht auf: Die chemische Industrie hat wieder einmal zugeschlagen. Man sorgt für genmanipulierte Pflanzen, verkauft den Landwirten ein Schutzmittel gegen Krankheiten und überflüssigen Schädlingen der eigenen Anbauprodukte. Wohl wissend, dass es Milliarden von natürlichen Helfer der Landwirtschaft schadet: den Bienen. Diese mehr oder weniger kostenlosen, natürlichen Arbeiter sollen ersetzt werden. Sie schaden dem Umsatz eines Chemiekonzerns. Es könnte auch mit Hilfe der chemischen Industrie genug Blütenbefruchtung geben. Also warten wir ab, bis die Chemiekonzerne die Lösung des Problems aus der Schublade ziehen und uns das Allheilmittel gegen das Bienensterben anbieten

    • wuddel
    • 30. Juni 2007 10:56 Uhr

    Betr.: Mögliche mehrkausale Ursachen des aktuellen mysteriösen Bienensterbens

    Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,

    Nach Internetrecherchen sind die Ursachen des Bienensterbens bisher ungeklärt, jedoch werden mehrere Faktoren im Zusammenspiel vermutete. Dabei wurde bereits eine deutlich verminderte Krankheitsanfälligkeit gegenüber Milben festgestellt. Die Ursache Mobilfunk wurde diskutiert, jedoch aufgrund von beobachteten Bienensterben in Gebieten ohne Mobilfunkmasten wieder aus der Diskussion heraus genommen.
    Mit angehängten eingescannten Buchseiten aus dem Buch „Earthquakes and Animals“ von Motoji Ikeya, World Scientific 2004 möchte ich die Diskussion aufwerfen, ob nicht doch Elektromagnetische Wellen, woher sie auch kommen, zumindest als Ursache für deutlich verstärkte Krankheitsanfälligkeit angenomen werden kann.
    Vielleicht gibt es über die Mobilfunkbelastung hinaus auch noch weitere Belastungen von EM-Wellen, die in Betracht gezogen werden könnten, wie z.B. aus dem militärischen Bereich oder von Fernerkundungssatelliten.
    Wie Sie den Buchseiten entnehmen können, reagieren Bienen und Insekten allgemein schon 10 Tage vorher vor Erdbeben, und die größeren Tiere erst Tage später. Es wird ein direkter Zusammenhang von Körpergröße und Form gegenüber der daraus resultierenden Resonanz gegenüber den EM-Wellen angenommen und genaue Messwerte für das beobachtete anormale Verhalten von Bienen gegenüber EM-Wellen aufgezeigt.
    Deswegen vermute ich, dass Insekten, speziell Bienen vielleicht wirklich mit langfristiger Immungschwäche auf eine veränderte und verstärkte Belastung mittels spezieller EM-Wellen reagieren bzw. reagiert haben.
    Ich bitte hier drüber nachzudenken und weitere Überlegungen oder/und Forschungen anzustellen.
    Zitate für obige Überlegungen aus dem Buch von M.Ikeya finden Sie auf meiner Webseite:
    www.earthquake-prediction...

  3. Aufgrund eines Doppelpostings entfernt. Danke, die Redaktion/fk.

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  • Schlagworte Biene | Immunsystem | Pestizid | Pflanze | Rätsel | Tier
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