Eigentlich kann Dan Conlon nicht mehr viel aus der Ruhe bringen. Seit mehr als 40 Jahren betreibt der Amerikaner seine kleine Imkerei im beschaulichen South Deerfield im US-Bundesstaat Massachusetts. In dieser Zeit hat der 56-Jährige schon viel gesehen: "Bienen zu züchten war schon immer ein schwieriges Geschäft", sagt Conlon.

Doch so ungern er auch an die große Milbenplage in den Achtzigern zurückdenkt oder die Sorgen beschreibt, die ihm die sensiblen Reaktionen seiner Bienenkolonien auf diverse Umwelteinflüsse seit Jahren bereiten: Was sich derzeit in den Bienenzuchten der USA – vor allem in den nordöstlichen Staaten – abspielt, das hat es so noch nicht gegeben. "Das ist neu, ein absolutes Rätsel", sagt der Imker.

Seit Ende vergangenen Jahres berichten immer mehr Bienenzüchter vom spurlosen Verschwinden unzähliger Insekten. Manche Imker verlieren urplötzlich vollständige Kolonien, auf einen Schlag lösen sich jeweils bis zu 60.000 Insekten in Luft auf. "Üblicherweise bleiben nur eine Königin und eine kleine Anzahl Arbeiterinnen zurück", beschreibt Caird Rexroad, Bienenexperte des US-Landwirtschaftsministeriums, das Phänomen. Aber warum verlassen die Tiere ihren Stock? Wieso kehren sie nicht zurück? Und: Wo bleiben sie? Die Experten sind ratlos, es gibt nicht den geringsten brauchbaren Anhaltspunkt. Die Tiere verschwinden scheinbar ohne Grund, und in der Regel werden noch nicht einmal die toten Bienen entdeckt.

Längst ist die amerikanische Wissenschaft alarmiert, aber auch Vertreter aus Politik und Wirtschaft zeigen sich inzwischen höchst beunruhigt. Colony Collapse Disorder (CCD) haben die Forscher das Rätsel getauft; das US-Repräsentantenhaus widmete dem Thema kürzlich sogar eine spezielle Anhörung. "Es geht um viel, viel mehr als nur ein paar Bienen und ein bisschen Honig", stellt Paul Jackson, Bienenexperte an der Texas A & M University, klar. Es geht um die wirtschaftliche Zukunft einer rund 16 Milliarden Dollar schweren Industrie.

Etwa ein Drittel aller frischen Nahrungsmittel, also ein großer Teil der gesamten Obst- und Gemüseproduktion in den USA, ist von den kleinen Insekten abhängig – denn die Pflanzen müssen bestäubt werden. Imker wie Dan Conlon nutzen ihre Bienen daher nur teilweise, um Honig zu gewinnen. Sehr häufig verleihen die Züchter ihre Stöcke an die Farmer: Sie fahren durchs ganze Land und setzen die Insekten für ein paar Tage unter Mandelbäumen, auf Blaubeerfeldern oder anderen Plantagen aus.

Für die diesjährige Mandelernte könnte die mysteriöse Bienenkrankheit sogar schon das Aus bedeuten: Allein in Kalifornien benötigen die Farmer, um eine durchschnittliche Ernte zu erzielen, rund 1,3 Millionen Bienenkolonien. "Wegen CCD kann diese Nachfrage nicht mehr gedeckt werden", hat Caird Rexroad vom US-Landwirtschaftsministerium beobachtet. Die unmittelbaren Folgen: Ernteausfälle, Knappheiten und steigende Preise. "Der Preis für einen Stock hat sich auf rund 150 Dollar verdreifacht", weiß Imker Dan Conlon.