Lars Rademacher gehört zu den Menschen, mit denen eine Verabredung am leichtesten auf dem Frankfurter Flughafen gelingt. Das liegt nicht nur am Job des gelernten Theologen bei der „Wissensfabrik“ in Ludwigshafen ,  einer Bildungsinitiative 50 großer Unternehmen, sondern auch daran, dass seine Frau derzeit in Kopenhagen arbeitet. Gerade aus dem Wochenende gelandet, erzählt er von einem dänischen Manager, der, wie er, in Mannheim wohnt. Ihn zieht es aus einem ganz einfachen Grund wieder in den Norden. In seinem Kopenhagener Stadtteil Amager gibt es 45 Kinderkrippen. In ganz Mannheim gibt es drei. Auf Amager - der Stadtteil ist eine Insel - leben 160.000 Menschen, in Mannheim sind es 320.000. Nun muss man nicht lange darüber philosophieren, ob Lars Rademacher vielleicht schon Vater wäre, wenn er in Kopenhagen leben oder wenn Mannheim hinsichtlich der Krippen das europäische Zivilisationsniveau erreichen würde.

Der Theologe aus der „Wissensfabrik“ weiß so gut wie alle Eltern oder verhinderten Eltern, dass das Angebot von Krippenplätzen nur ein Kalkül in einer Sache ist, die nicht aus Kalkülen besteht und auch keine Sache ist. Aber er weiß auch, dass die Kleinen nicht nur die Kinder der Liebe sind, die mit ewiger Freude das ganz normale Chaos des Alltags überstrahlen. Es kommt halt auch darauf an, ob es Großeltern auf Abruf und Tanten in der Nähe gibt oder eben Krippen- und Kitaplätze. Die ganz reinen Ideen über Werte und Liebe können wohl nur Theologen hegen, die im Zölibat leben, eine Haushälterin haben und als Bischof von Augsburg Spezialisten für das Allgemeine sind. 

Mit dem Theologen Lars Rademacher über Kinder zu sprechen, wird interessant. Ein Schwerpunkt der „Wissensfabrik“ ist die frühkindliche Bildung. Dabei fällt auch ein Wort, das in Deutschland Wertkonservative wie Bischof Mixa aufbringt, und das auch vielen anderen die Haare zu Berge stehen lässt. Das hässliche Wort heißt Humankapital. Dabei denkt der Bischof an „Gebärmaschinen“. Andere sprechen vom „Rentenfutter“ oder wittern, es gehe nur um die Verwertung der Arbeitskraft als „Menschenmaterial“.

Langsam, langsam! Zu den Sonderwegen Deutschlands in der Bildung gehören auch die Schwierigkeiten mit diesem Wort. „Humankapital“ wurde 2005 zum „Unwort des Jahres“ erklärt, während „human capital“ in der skandinavischen und angelsächsischen Tradition nichts Anstößiges hat. Im Gegenteil. Das Wort steht dort für die Fähigkeiten und für den Erfindungsreichtum der Menschen. Es ist wohl kein Zufall, dass uns dafür ein griffiges Wort fehlt, außer der verschämte „subjektive Faktor“.

Debatten über das Humankapital haben die Reform der Bildung insbesondere in Finnland und auch in Schweden begleitet und deren enorme Expansion vorangetrieben. Der Unterschied wird deutlich, wenn man dieses optimistische Verständnis mit unseren Begriffen Qualifikationsbedarf und Bildung vergleicht. An Sonntagen wird feierlich von Bildung gesprochen. Werktags errechnet man den Bedarf, oder gar den „Ersatzbedarf“. Diese Denkweisen ändern sich. Aber bis Mitte der neunziger Jahre dominierte der Glaube, man könne genau wissen, wie viele Juristen, Chemiker oder Ingenieure künftig gebraucht würden. Dabei kam man häufig zu dem Ergebnis, dass eher zu viele nach Höherem strebten. „Wir brauchen nicht nur Häuptlinge, auch Indianer!“ Solche Sprüche lagen locker auf der Zunge. Während anderswo bereits nach dem human-capital- Konzept die jungen Leute aufgefordert wurden zu studieren, und zwar so viele wie möglich, grassierte hierzulande noch die Angst vor dem akademischen Proletariat.

Gewiss, Humankapital klingt nach kruder Ökonomie. Tatsächlich steht das Wort eher für das Vertrauen in junge Menschen, dass sie aus ihren Fähigkeiten schon etwas machen werden. Wer weiß denn, was in 20 Jahren gebraucht wird? Die Fähigkeiten und Neigungen der nächsten Generation sind ihr Werkzeugkasten, mit dem sie eine Welt bauen, die noch niemand kennen kann. Es ist also gut, wenn sie mehr können, als von ihnen verlangt wird.

Ganz konkret: Hätten die Finnen vor 25 Jahren, als der Mischkonzern Nokia vor allem noch Stiefel und andere Gummiwaren herstellte, gefragt, für welchen Bedarf ausgebildet werden sollte, wer würde heute Nokia kennen? Schon in den siebziger Jahren wurde in Finnland die „Informationsgesellschaft“ als politisches Ziel diskutiert. Anfang der neunziger Jahre wurde „Kommunikationsgesellschaft“ sogar als Staatsziel in die Verfassung aufgenommen. Definiert wurde sie damit, dass zumindest 70% der jungen Leute studieren. Inzwischen beginnen dort 71% ein Studium. Wohin führt das, wenn jeder studiert, fragen sich immer noch viele Deutsche. Ja, wohin führt das?

Die OECD-Statistik gibt eine klare Antwort: Arbeitslosenquoten sinken in den Ländern, deren Anteil an Studierenden seit 1995 um mehr als fünf Prozent gestiegen ist. Jedes zusätzliche Jahr an Bildung, das eine Bevölkerung im Durchschnitt genießt, steigert das Bruttoinlandsprodukt um drei bis sechs Prozent.

In einer dynamischen Welt muss für eine unbekannte Zukunft ausgebildet werden. Daraus ergibt sich, dass Bildungssystem und Beschäftigungssystem voneinander entkoppelt werden. Dabei entstehen Freiräume für Bildung. Man kann nicht sagen, dass sich unsere Schulen und Hochschulen nach diesem Kompass richten. Eher geht es in die entgegengesetzte Richtung. Ängstlich werden im Studium „Credit Points“ gesammelt. Wenn man Schüler fragt, was sie gerade machen, hört man, dass sie sich im Unterricht auf „Vergleichsarbeiten“ vorbereiten. Häufig werden dabei nicht die tatsächlichen Kompetenzen der Schüler verglichen, sondern die Kunst der Lehrer, sie auf Vergleicharbeiten vorzubereiten. Da kommt so etwas wie eine Pfeiftonrückkopplung auf, die entsteht, wenn Lautsprecher und Mikrofon zu nahe beieinander stehen.

„Wir bieten unseren jungen Menschen zu wenig Freiräume, zu wenig Muße – Muße zum Nachdenken, zum Probieren, zum sich Irren.“ Das sagt Berthold Leibinger . Einer der erfolgreichsten deutschen Unternehmer, Eigentümer der Firma Trumpf und einer der Gründer der „Wissensfabrik“. Den Ausschlag für die Gründung der „Wissensfabrik“ gab eine Studie der Boston Consulting Group. Danach werden in den nächsten Jahren in Deutschland weitere zwei Millionen Arbeitsplätze in der Industrieproduktion verschwinden. Diese Arbeitsplätze haben eines gemeinsam. An ihnen werden „replizierende Tätigkeiten“ ausgeübt. Arbeiten, die einmal definiert worden sind und dann wiederholt werden, können von Maschinen übernommen werden. Nur die Arbeiten haben Zukunft, die mit Neuem und Unvorhersehbarem zu tun haben. Wissenschaftler und Handwerker, die Probleme lösen und Dinge erfinden können, werden gebraucht.

Was heißt das für die Bildung? Vor allem eine andere Haltung. In Schulen, Vorschulen und Hochschulen weniger aufs Anwenden und Wiederholen und mehr aufs Problemlösen und auf Kreativität setzen! Schüler und Studenten sollten sich fragen, wie sie ihr Potenzial stärken. Sie sollten sich nicht darin üben, vorauseilend zu erfüllen, was verlangt und später angeblich gebraucht wird. Sie müssen herausfinden, was sie wollen, und nicht ein Leben lang fragen: „Mutti, welches Bild soll ich jetzt malen?“

Es ist kein Zufall, dass mit diesem Mentalitätswandel die Entdeckung der frühen Jahre als Bildungszeit einhergeht, wenn auch die derzeitige Krippen- und Kitadebatte häufig über Betreuung und Verwahrung nicht hinaus kommt.

Die „Wissensfabrik“ wollte die Vermutung, dass die frühe Förderung nicht nur der Bildung des Einzelnen dient, sondern sich auch ökonomisch auszahlt, überprüfen. Mit dem Institut der deutschen Wirtschaft wurde analysiert, was Investitionen in die Bildung von Vorschulkindern bringen. Das Ergebnis: Jeder Euro, den der Staat in die frühen Jahre investiert, verzinst sich für die öffentliche Hand mit acht Prozent . „Früh investieren ist besser als spät reparieren", wird Axel Plünnecke, Bildungsexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft, nicht müde zu wiederholen. Wenn man untersucht, wie sich das so angelegte Geld für die Volkswirtschaft rechnet, dann kommt das Institut sogar auf eine Verzinsung von dreizehn Prozent. McKinsey hat in einer Metastudie den Stand der Forschung auf diesem Gebiet ausgewertet und kommt auf eine Rendite von zwölf Prozent. Man fand auch heraus, dass jeder Euro, der in die Hochschulausbildung geht, nur vier Prozent bringt.

Diese Ergebnisse stellen die Wertordnung unserer Bildung in Frage. Eltern zahlen für Kindergarten- und Krippenplätze ein Vielfaches dessen, was Studenten neuerdings an Studiengebühren berappen müssen. In den Kindergärten arbeiten die am schlechtesten ausgebildeten und am geringsten bezahlten Pädagogen. Viele sehen sie nicht einmal als solche an.

Und noch etwas legen die bildungsökonomischen Studien über die frühen Jahre nahe. Die nicht spezialisierte Bildung hat einen größeren Wirkungsgrad als die spezialisierte. Damit wären wir in der Nähe klassischer Bildungsideen, diesmal nicht als Sonntagsrede, sondern in der Welt des Humankapitals. In der Bildung ist das Absichtlose wirksamer als das Zielgerichtete. Und was wäre Bildung am Schluss anderes als Kants „zwecksloser Zweck“, eine Paradoxie, mit der er Schönheit definierte? Es ist wie in der Mathematik, in der Schönheit und Eleganz über der Nützlichkeit stehen, die sie gewissermaßen als Nebeneffekt hervorbringen.

Vielleicht muss man die Superrendite von 13 Prozent für Investitionen in vorschulische Bildung auch als so einen Nebeneffekt begreifen. Die Ausschüttung dieses hohen Ertrages bemisst sich ja weder nach Geschäftsjahren noch nach Legislaturperioden. Kein Mensch macht aus einer Kita oder Schule einen schönen, anregenden und herausfordernden Ort, weil dabei 13 Prozent rausspringen. Über lange Fristen versagt das Denken im ökonomischen Kalkül. Dann hängt doch alles daran, ob man die Kinder und die Welt mag, ja ob man sie liebt. Augustinus definiert Liebe so: „Ich will, dass Du seiest!“

Das wäre ein schöner Schluss. Aber ein Nachsatz muss noch sein. Gerade gab das Statistische Bundesamt bekannt, dass im vergangenen Jahr die Bildungsausgaben in Deutschland gesunken sind.

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