EM 2012 Ganz tief im Osten

Die EM soll in Polen und der Ukraine für einen Boom sorgen. Vorerst sind aber bis 2012 noch zahlreiche Missstände zu beheben.

Ganz tief im Osten, in einer Stadt, bei der sich die Gelehrten streiten, ob sie überhaupt noch zu Europa gehört, sitzt einer der großen Gewinner: Für Rinat Achmetow aus Donezk, den mutmaßlich reichsten Mann der Ukraine, ist heute ein schöner Tag. Denn der Eigentümer und Präsident des Champions-League-erfahrenen Fußballclubs Schachtjor Donezk lässt im Leninsky Komsomol Park , am Stadtrand der Bergbaustadt, ein Stadion mit 50.000 Sitzplätzen bauen, das den höchsten Uefa-Richtlinien entspricht. Geplant hat den neuen ukrainischen Fußballtempel übrigens ein - global agierendes - Londoner Büro, das bereits die Allianz Arena in München entwarf und in diesen Tagen am neuen Nationalstadion in Peking werkelt, wo im kommenden Jahr die olympischen Sommerspiele eröffnet werden.

Donezk ist eines der acht Stadien, mit denen sich Polen und die Ukraine bei der Uefa beworben haben - erfolgreich. Hier wird ein Halbfinale stattfinden. Die Finanzierung über 250 Millionen Dollar steht, fertig soll die Arena im Mai 2008 sein. Aber während sich in Donezk die Baukräne munter drehen, ist vom Ort des Eröffnungsspiels in Warschau bislang nichts zu sehen, nur zu hören – kommunalpolitisches Gezeter nämlich. An der Weichsel soll ebenfalls ein neues Nationalstadion entstehen. An neureichen Oligarchen wie Achmetow mangelt es in Polen allerdings.

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Auch alle anderen Stadienpläne in Polen sind bislang nur virtueller Art. In Danzig ist etwa eine "baltische Arena" für die Euro 2012 geplant. In der Stadt spielt allerdings nur ein mäßiger Zweitligist (Lechia Gdansk), der noch dazu ein massives Hooliganproblem hat – und mit dem Erstligisten aus der Nachbarstadt (Arka Gdynia) ernsthaft verfeindet ist. Ein blauweiß-blaurotes Miteinander wie in München, wo die Bayern und 1860 in einem Stadion spielen, erscheint hier unmöglich. Überhaupt die Hooligans: Deren polnische Sorte gilt als die gefährlichste unter den europäischen. Bis zu 5000 von ihnen soll es geben, die man in Deutschland unter die Kategorie-C ("sucht Gewalt") einordnen würde.

Das sind jedoch lediglich Schätzungen, denn die polnische Polizei vermochte es bislang nicht, eine funktionierende Hooligan-Datei zu erstellen, wie sie viele andere europäischen Länder benutzen. Zwar versucht vor allem der junge Justizminister Zbigniew Ziobro gern, sich als Sheriff zu profilieren: Zuletzt legte er ein Konzept für sogenannte Schnellgerichte vor, mit denen Hooligans binnen 24 Stunden verurteilt werden könnten. Funktionierende Fanprojekte, die vorbeugend mit dem Problem umgehen oder gar ein nationales Sicherheitskonzept gibt es allerdings nicht. Noch nicht. Mit dem Zuschlag zur Euro 2012 soll sich nun einiges ändern: "Wir können mit der EM eine ganz neue Wirklichkeit gestalten", sagte etwa Jerzy Dudek, polnischer Volksheld und inzwischen degradierter Nationaltorhüter vom FC Liverpool. 

Es gibt weitere Probleme: Neben viel zu kleinen und maroden Stadien leidet Polen unter einer korrumpierten Liga, der Ekstrakalsa , die aktuell einen Schiedsrichterskandal italienischen Ausmaßes erlebt. Darin verstrickt waren auch einzelne Mitglieder des nationalen Fußballverbands PZPN , wo alte postkommunistische Seilschaften eine undurchsichtige Vetternwirtschaft pflegen. Zwischen dem PZPN und der Regierung verläuft eine harte Front, weshalb sich Sportminister Tomasz Lipiec auf Geheiß seines Regierungschefs laufend in die Geschäfte des Verbands einmischt. Der wiederum hat einen starken Verbündeten: FIFA-Präsident Joseph S. Blatter; er hatte sich für Polen und die Ukraine als Gastgeber der Euro 2012 stark gemacht.

Die Partnerschaft mit der Ukraine sieht Polen als politisches Signal. Seit der sogenannten "orangenen Revolution" in Kiew tritt Warschau als Anwalt des ukrainischen Bestrebens auf, EU-Mitglied zu werden. Die Nachricht, die EM zugesprochen bekommen zu haben, entfachte in Polen riesigen Jubel: Nach der Uefa-Entscheidung tönte als erster der Europa-Abgeordnete Ryszard Czarnecki von der populistischen Regierungspartei Samoobrona (Selbstverteidigung): "Das ist ein großer Erfolg der Regierung und der gesamten polnischen Nation. Es ist gleichsam eine große Chance. Für diese Meisterschaft werden wir Autobahnen, Hotels und Stadien bauen."

Ein wenig anders ist die Situation in der Ukraine, wo es außer Achmetow noch andere Potentaten gibt, von denen die Entwicklung der Infrastruktur maßgeblich abhängt: Um das Endspielstadion in Kiew kümmert sich die Familienbande des Fußballoligarchen Grigorij Surkis, der just zu Beginn dieses Jahres in die Uefa-Exekutive gewählt wurde und als der östlichste Vertraute des neuen Präsidenten Michel Platini gilt. Allerdings gehören diese Potentaten zum "blauen" Lager in der Ukraine, also dem Russland-freundlichen, das sich gegen den „orangenen“ Präsidenten Viktor Juschtschenko stellt. Mit der Euro 2012 verbindet sich in der Ukraine nun die Hoffnung auf einen Prozess der Einigkeit in dem riesigen Land, das zwischen der EU und Russland, zwischen Modernisierern und Bewahrern, pendelt.

In beiden Ländern bleibt also die Hoffnung auf einen politischen wie wirtschaftlichen Ruck: Immerhin erlebte der wichtigste polnische Aktienindex WIG nach der Uefa-Entscheidung schon einen Sprung um 1,27 Prozent, weil die Wirtschaft auf den Bau neuer Stadien und Hotels setzt. Zusätzlich erwartet das Land zwei Millionen Besucher zu dem Turnier, deren Transport zwischen den Spielstätten bei jetzigem Stand allerdings ein Abenteuer mittleren Ausmaßes darstellt. Außerdem werden viele der EM-Touristen – die Deutschen übrigens nicht – ein Visum für die Reise nach Donezk benötigen, wo bald das erste Stadion der Euro 2012 stehen wird. Probleme über Probleme also; aber noch sind ja fünf Jahre Zeit.

 
Leser-Kommentare
    • Geno
    • 18.04.2007 um 20:13 Uhr

    Auch wenn es einem Journalisten nicht passen mag und er nur Abschätziges über diese Länder (eines davon ist übrigens einer unserer direkten Nachbarn!) zusammenzutragen vermag: inzwischen hat auch die UEFA erkannt, wo auf diesem Kontinent die Zukunft liegt.
    Die Penetranz, mit der in diesem Artikel Vorurteile gg. beide Länder zusammengetragen werden (Oligarchenherrschaft, Hooliganterror, Visaschikanen, politische instabilität, Korruption, etc.) deuten darauf hin, daß der Schreiber 2012 den Berichterstatter viel lieber in einem renommierten Reiseland (auf Firmenkosten versteht sich) gespielt hätte.
    Glückwunsch nach Polen und in die Ukraine und an diejenigen unter den Entscheidungsträgern, die den Mut hatten gegen soviel - in unserem Land insbesondere gegenüber Polen weit verbreitete - Borniertheit ihre Entscheidung zu treffen.

    • Molina
    • 18.04.2007 um 21:21 Uhr

    Seit wann ist es denn Borniertheit, wenn jemand die Lage so darstellt, wie sie eben ist. Es mag sich ja noch vieles ändern, aber noch ist über diese Länder leider nicht anders zu berichten.

    • Geno
    • 18.04.2007 um 21:55 Uhr

    Wie oft waren Sie denn bereits in der Ukraine?

    • BerndR
    • 19.04.2007 um 11:03 Uhr

    ... sind in manchen ZEIT-Artikeln wie diesem Tendenzen einer gewissen Arroganz wahrnehmbar, wenn es um den Osten Deutschlands oder wie hier um den Osten Europas geht. Was soll dieser Artikel eigentlich bezwecken? Zweifel daran verbreiten, dass Polen und die Ukraine zur Organisation einer EM in der Lage sind? Ich jedenfalls (und ich denke jeder vernünftig denkende Mensch) kann daran eigentlich keine ernsthaften Zweifel haben! Da ich den ZEIT-Autoren keine Unvernuft vorwerfen will, bleibt bei mir nur der Rückschluss, dass man offenbar in jeder positiven Entwicklung östlich der Elbe einen Grund sieht, diese zugleich anzugreifen.

    Wenn Dresden das wirtschaftliche Niveau westdeutscher Problemregionen erreicht, wird gleich der Aufbau Ost in Frage gestellt. Dresden müsse sich zukünftig mit Wolfsburg messen!?? (Siehe Online-Artikel 'Aufbau West' vom 10.04.2007.) Hat man Angst davor, dass Dresden bei weiterer Förderung das Niveau westdeutscher Großstädte erreicht?

    Wir die EM nach Polen und der Ukraine vergeben, woran sich nun nichts mehr ändern lässt, sieht man diesen offenbar als Anlass, diese Länder als rückständig darzustellen. Ich jedenfalls freue mich über die Entscheidung der UEFA! Eine EM in Italien wäre doch wirklich langweilig gewesen. Dorthin fährt der Westeuropäer auch ohne EM schon oft genug in den Urlaub!

  1. 5.

    gehts hier wirklich um den artikel oder gezanke von polen-liebhabern (einfach weil polen die underdogs europas sind und weil man ja so links und und anders sein will und einfach darum schonmal polen mag) und alle anderen?!
    ich kann euch aus meiner süddeutschen perspektive versichern, wir finden alles oberhalb der donau verarmt und furchtbar ;-)

  2. Einen Artikel, der mit "Tief im Osten" überschrieben ist, müsste man eigentlich gar nicht mehr lesen. Er suggeriert "Tief im Schlamassel" oder sonstige Metapher, die man getrost mit "sch" beginnen lassen könnte.
    Also, Osten ist für uns wohl a priori - nennen wir es einmal etwas humaner - "Unterkultur". Dort leben somit Unterkutivierte. Wenn aber Dinge beschrieben werden, die sehr schlimm sind, dann wird der Vergleich mit Italien hergestellt. Nur gut, dass wir - natürlich über Allem (...ach, das war ja die dritte Strophe...) - auch hier jeweils die saubere Weste vorweisen können. Schließlich reichen unsere Skandale im Sport und auch unsere kriminellen Akte diesbezüglich noch nicht aus, von "deutschen Verhältnissen" zu reden. Jetzt frage ich mich also trotzdem, was nun schlimmer ist, von unserem hohen Niveau aus betrachtet: Italien oder Polen und Ukraine? Aber bitte nicht gleich diejenigen aufs Tapet, die da gleich immer wieder die Leier von unserer gegenwärtigen Arroganz und unserem vergangenen Nazitum spielen wollen! Das ist hier wirklich sehr unangebracht, oder?

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