ZEIT online : Bundeswirtschaftsminister Michael Glos möchte den Zuzug für Arbeitnehmer aus den neuen EU-Staaten früher als bisher geplant ermöglichen. Wie eklatant ist der Fachkräftemangel in der IT- und Telekommunikationsindustrie in Deutschland zur Zeit?

Bernhard Rohleder : In unserer Branche ist der Fachkräftemangel ein traditionelles Problem, mal mehr, mal weniger scharf ausgeprägt. Das Problem war nie ganz abgestellt, selbst in den Zeiten, in denen es der Branche, relativ gesehen, schlecht ging. Aktuell stehen wir am Beginn einer sich verschärfenden Entwicklung. In drei, vier Jahren wird die Situation noch einmal dramatisch schlechter sein.

ZEIT online : Der wirtschaftspolitische Sprecher der Unions-Fraktion, Laurenz Meyer, möchte es deutschen Unternehmen erlauben, Fachkräfte aus Nicht-EU-Staaten einzustellen, wenn sie die gleiche Anzahl deutscher Arbeitsloser einstellen. Ist das ein Milchmädchenrechnung?

Rohleder : Der Branche wäre mit solch einer Maßnahme nur mittelbar geholfen. Sie müssen ja erst einmal einen deutschen Arbeitslosen finden, der in der Lage ist, ein Stellenangebot eines deutschen Unternehmens auch entsprechend auszufüllen. Wir haben durch die Greencard-Initiative festgestellt, dass jeder Greencard-Besitzer im Schnitt 2,5 neue Stellen in seinem Unternehmen schafft. Von dieser Seite muss man das Problem angehen.

ZEIT online : Hat der Fachkräftemangel in Deutschland nur eine quantitative Ursache oder gibt es auch Probleme mit der Qualität der Ausbildung?

Rohleder : Die Informatiker, die von Deutschlands Universitäten kommen, sind Top-Informatiker, an der Qualität der Ausbildung liegt es nicht. Wir haben aber ein quantitatives Problem an der qualitativen Spitze. Bei den IT-Ausbildungsberufen haben wir eine ausreichende Bewerberzahl, aber nicht an der Qualifikationsspitze. Nötig sind 20.000 und nicht nur 14.000 Informatik-Absolventen von Hochschulen und Fachhochschulen. Diese 14.000 sind zudem ein historischer Spitzenwert, der in den nächsten vier Jahren nicht mehr erreicht werden wird.

ZEIT online : Was müsste sich ändern am deutschen Bildungs- und Ausbildungssystem - oder wird der IT-Bereich ohnehin immer auf Arbeitsmigration angewiesen sein?

Rohleder : Der Bedarf trifft nie genau das Angebot an Qualifikation, das aus dem Bildungssystem kommt. Dafür entwickelt sich die Technologie und damit auch der Qualifikationsbedarf viel zu schnell. Wir brauchen daher eine dauerhafte Lösung aus bildungspolitischen und zuwanderungspolitischen Maßnahmen. Natürlich soll möglichst viel des Bedarfs aus Deutschland gedeckt werden. Aber es muss sichergestellt sein, dass der Restbedarf kurzfristig und effizient mit Fachkräften aus dem Ausland gedeckt werden kann.