Gideon Levy wurde 1953 in Tel Aviv als Sohn von Flüchtlingen geboren; sein Vater stammte aus dem Sudetenland. Levy war von 1978 bis 1982 Sprecher von Shimon Peres. 1982 schrieb er erstmals für die israelische Tageszeitung " Ha´aretz" . Seit 1986 berichtet er Woche für Woche in der Kolumne "Zwielicht-Zone" über das palästinensische Leben unter israelischer Besatzung. Eine Sammlung der Beiträge des Journalisten ist unter dem Titel "Schrei´, geliebtes Land" im Melzer Verlag erschienen. Gideon Levy wurde 1996 der "Emil Grunzweig Menschenrechtspreis" verliehen.

ZEIT online: Seit mehr als 20 Jahren fahren Sie Woche für Woche in die besetzten palästinensischen Gebiete und bringen haarsträubende Geschichten mit. Werden diese überhaupt gelesen?

Levy : Mein Ziel war und ist, die israelische Besatzung zu dokumentieren – mit all ihrer Brutalität und Unmenschlichkeit, mit allem Töten und aller Demütigung und mit der Dämonisierung und Entmenschlichung der Palästinenser. Es ist etwas, worüber die meisten Leser in Israel nichts lesen wollen und was die meisten Verleger nicht verlegen möchten. Die Regierung, das Militär, die Armee sind ganz sicher nicht daran interessiert. Ich weiß: Letztlich schreibe ich fürs Archiv. Von einem seelischen Standpunkt aus ist es nicht leicht zu verdauen, dass in deinem Namen als Israeli, der du glaubst, du seiest Teil der freien Welt, eine halbe Stunde von deinem Zuhause diese schrecklichen Gräueltaten geschehen und diese schreckliche Ungerechtigkeit.

ZEIT online: Im Juni dieses Jahres wird diese Besatzung palästinensischen Landes 40 Jahre alt.

Levy : Vor zwei Jahren bestand die israelische Besatzung der palästinensischen Gebiete 38 Jahre. Das bedeutet, dass vor zwei Jahren der Staat Israel zweimal länger mit Besatzung existierte als ohne. 19 Jahre zwischen 1948 und 1967 und 38 Jahre von 1967 bis 2005. Warum erwähne ich das? Es gibt immer noch eine Tendenz in der Welt und unter Israelis, die Besatzung als etwas Vorübergehendes zu betrachten nach dem Motto: In ein, zwei Jahren wird sie vorbei sein. Niemand kann diese Behauptung länger ernst nehmen, denn wenn der Staat doppelt so viele Jahre mit der Besatzung existiert als ohne, dann wird die Besatzung Normalität und jene Jahre ohne die Besatzung waren die Ausnahme. Niemand kann außerdem behaupten, dass diese Besatzung vor ihrem Ende stehe.

ZEIT online: Immer wieder haben Sie, aber auch Friedensaktivisten gewarnt, die israelische Besatzung töte beide Völker – physisch, aber auch seelisch. Der israelische Aufschrei gegen die Kontrolle eines ganzen Volkes scheint sich sehr in Grenzen zu halten.

Levy: Die israelische Gesellschaft liegt seit Camp David II im Jahr 2000 im Koma. Nach dem Scheitern der Gespräche und nachdem Premier Ehud Barak nach Israel zurückkehrte und erfolgreich die Lüge verbreitete, es gebe keinen palästinensischen Partner, und nachdem die Busse in den Straßen von Tel Aviv, Haifa und Jerusalem explodierten, lösten sich die Israelis ganz und gar von allem, was mit der Besatzung zu tun hatte. Sie lösten sich selbst von jeglicher Verantwortung und Sorge, von Interesse und Neugierde an dem, was in den "Gebieten" geschieht. Seitdem ist die israelische Gesellschaft überzeugt – zu Unrecht, wie ich meine –, dass es keinen palästinensischen Partner gibt. Seitdem hat sie Interesse und Hoffnung verloren und ist sehr gleichgültig geworden. Das ist sehr traurig.

ZEIT online: Was weiß der Durchschnittsisraeli vom palästinensischen Alltag in Bethlehem, Hebron oder Gaza?

Levy: Die Menschen wissen so wenig und sie wollen so wenig wissen von dem, was meiner Meinung nach der wichtigste Bestandteil der israelischen Politik ist. Die Besatzung ist heutzutage das Problem Nummer eins, nicht nur für die Palästinenser, sondern auch für die Israelis. Und dieses Problem wird nicht mehr diskutiert, es ist unter den Teppich gekehrt worden. Das ist eine sehr schlechte Nachricht für die Zukunft. Es gibt noch andere schlechte Nachrichten.

ZEIT online: Welche meinen Sie?

Levy: Bis vor zehn Jahren haben sich Israelis und Palästinenser getroffen, aber nicht auf gleicher Augenhöhe. Die Palästinenser kamen nach Israel, um die Straßen zu kehren, um als Bauarbeiter Häuser zu bauen, um auf den Feldern zu arbeiten oder in den Restaurants Geschirr zu spülen. Sie kamen herüber und etwas geschah zwischen den beiden Völkern. Sie trafen sich und es gab so etwas wie soziale Beziehungen und Freundschaft. Es war normal, oder sagen wir halbnormal. In den vergangenen zehn Jahren wurden die beiden Völker jedoch vollkommen getrennt.