Filbinger-Rede Einsicht fehlt

Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger begreift nicht, warum seine Verständnisrede für Hans Filbinger verhängnisvoll war. Deshalb hätte er sich seine Entschuldigung sparen können. Ein Kommentar

Manchmal kommt es einem so vor, als ob 60 Jahre Beschäftigung mit der Nazi-Zeit doch keine nachhaltigen Lehren hinterlassen haben. Generation für Generation müssen offenbar die immer gleichen Debatten ausgetragen werden, wenn auch immer abgehobener, je weiter die dunkelsten Jahre der deutschen Geschichte zurückliegen. Kann ein früherer Marinerichter, der Mitglied der SA und der NSDAP war und der unbestreitbar an Todesurteilen beteiligt war, ein "NS-Gegner" gewesen sein? Wohl kaum jemand hätte das vor 30 Jahren, nach der Affäre um den unbelehrbaren "furchtbaren Juristen" Filbinger und dessen unehrenhaftem Rücktritt als baden-württembergischer Ministerpräsident, laut zu sagen gewagt. Schon gar nicht ein verantwortlicher deutscher Politiker.

Warum aber hält Baden-Württembergs Ministerpräsident Günter Oettinger im Kern an dieser Aussage in seiner Trauerrede auf Filbinger fest, obwohl sie so unverkennbar falsch und geschichtsklitternd ist, und obwohl ihn seit Tagen auch Wohlmeinende auf seinen verhängnisvollen Fehler aufmerksam gemacht haben und ihn seine Bundesvorsitzende öffentlich dafür gerügt hat ? Sicher, Oettinger ist kein Rechter; keiner, der absichtsvoll am rechten Rand nach Stimmen fischt. Er wollte auch nicht die Opfer des NS-Regimes verletzen; das ist ihm abzunehmen. Es ging ihm, der in der eigenen Landes-CDU unter Druck steht, offenkundig nur darum, im Namen der Partei Frieden mit dem Verstorbenen zu machen. Ein möglicherweise ja christliches Motiv.

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Aber Oettinger will nicht einsehen, dass er dabei einen gefährlichen, weil opportunistischen Missgriff getan hat. Er hat nämlich Filbinger bei der Gelegenheit quasi rehabilitiert. Es mag ja durchaus sein, dass Filbinger, wie Oettinger sagt und wie viele Christen damals, kein innerlich überzeugter Nazi war. Aber er ist, auf Drängen hin, in NS-Organisationen eingetreten, um im Nazi-Reich Karriere zu machen. Er hat Todesurteile beantragt, verhängt und in einem Fall persönlich vollstrecken lassen, obwohl das Kriegsende schon absehbar war und ihm - wie Historiker erklären - nichts passiert wäre, wenn er sich diesem Mordwerk verweigert hätte. Kurzum: Filbinger war ein williger Mitläufer, wie Millionen damals; er hat sich die Hände sogar blutig gemacht.

Darüber hat er, wie die meisten Deutschen, nach dem Ende des Dritten Reichs geschwiegen. Das Schlimmste jedoch war, dass er später, als die Sache hochkam, keinerlei Einsicht gezeigt hat. "Was damals Recht war, kann heute nicht Unrecht sein“ - dieser furchtbare Satz gellt bis heute nach. Einen solchen Menschen darf man, auch in einer Trauerrede, nicht exkulpieren, indem man ihn nachträglich zum "NS-Gegner" erhebt und damit dessen eigene Verblendung übernimmt.

Günther Oettinger ist, anders als er jetzt insinuiert , nicht falsch interpretiert oder missverstanden worden. Er hat wissentlich etwas Falsches gesagt. Das sollte er öffentlich einräumen. Schlimm sind nicht Politiker, die einen Fehler machen. Schlimm sind nur solche, die ihn nicht einsehen. Und nicht wenige sind darüber - nicht über den eigentlichen Fehler! - am Ende gestolpert. Zu Recht.

Zum Thema
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Leser-Kommentare
    • iceman
    • 16.04.2007 um 23:22 Uhr

    Dies hier ist KEINE Wiederholung meines letzten (zensierten) Kommentars, der sich, da haben Sie Recht, auch unter Ihrem Oettinger-Artikel 'Späte Einsichten' findet.

    Aber, um noch einmal klar zu machen, worum es geht:
    Ich halte es für einen Mangel an redaktioneller Hygiene und Glaubwürdigkeit, wenn:

    1. es bei ZEIT-online so ist, dass sich oft immer nur der selbe Redakteur mit einem Einzelthema beschäftigt, ohne dass es eine zweite (kontroverse) Meinung dazu gibt.

    2. die selben Artikelschreiber (in dem Fall also Sie, Herr Greven) dann die Aufsicht über die eingegangenen Kommentare führt.
    Dadurch besteht nicht nur der Eindruck einer einseitigen Meinungsvertretung (s.o.), sondern ich fühle mich als Leser auch getäuscht, weil ich bislang davon ausging, dass die Autoren der Artikel und der Rezipient der Leserbriefe nicht identisch sind.
    Scheinbar ist dem nicht so, und man merkt, hier ist ein neuer Trainer am Werk (some kind of Magath).
    Ausser bei einigen ästhetisch besorgten Seelchen und den notorischen Denunzianten werden Sie für die Schnippelschere aber nicht viel Beifall finden, weil die meisten Menschen einen offenen Stil zu schätzen wissen.

    Und Sie sollten sich diesbezüglich nicht auf Ihr Hausrecht berufen, denn hier geht es nicht um Juristerei, sondern um den TIEFEREN SINN eines blogs oder threads.
    Und der liegt darin, ein halbwegs repräsentatives und ungekünsteltes Meinungsbild - zumindest aus dem Kreis der Leser heraus - zu erhalten, und wenn ich damit nicht mehr rechnen kann, dann wird eine weitere Beteiligung sinnlos.

    Im übrigen habe ich auf dem sehr tolerant geführten blog von Herrn Lau die positive - und für mich überraschende - Erfahrung gemacht, dass sich die Kommentatoren weitestgehend GEGENSEITIG kontrollieren, sozusagen im freien Spiel der Kräfte.
    Dass dabei immer wieder einer über die Stränge schlägt muss man in Kauf nehmen, das reguliert sich von alleine.
    Adam Smiths 'unsichtbare Hand' - hier scheint sie zu funktionieren, und als Ergebnis erhält man oft Informationen und Kommentare auf beachtlichem Niveau, sehr fruchtbare Diskussionen.
    Auf einem blog mit fester umrissenen Themenschwerpunkt ist das sicher leichter, aber auch bei wechselnden Themen pendelt sich das ein.
    ZEIT-online hat im Vergleich zu anderen Medien immer von einer höheren Authentizität gelebt, in der Spontaneität mancher Beiträge liegt oft auch viel Lebendigkeit und Substanz.
    Ich hoffe, dass geht auch unter Ihrer Ägide nicht verloren, Herr Greven, sonst haben Sie bald nur noch 40- bis 60jährige Feministinnen und Philanthropen in der Hütte, und das wäre echt arm.

    [Bevor Sie Ihre Vorwürfe weiterhin wiederholen, versuchen Sie mal, unsere gestrigen Antworten zu lesen und zu verstehen/ Redaktion]

    • Tom030
    • 16.04.2007 um 15:04 Uhr

    Sehr geehrter Herr/Frau LipsTullian ! Bitte lesen Sie den folgenden Rat, er ist aufrichtig gemeint:

    Ich kann Ihre Wut verstehen und ich spüre sie auch. Mittlerweile gesellt sich noch eine gute Portion Angst dazu, da ich nun langsam begreife wie es wohl in einer Diktatur zugehen muss, wenn der Chor der Meinungsführerschaft unerträglich wird. Wenn Rache sogar über den Tod der Feinde hinaus gefordert wird und sogar die Kirche einknickt. Das alles sind untrügliche Zeichen, daß eine erklärte Moral beginnt totalitär zu werden.

    Trotzdem (oder gerade deshalb) MÜSSEN Sie Ihren Ton mäßigen. Im Gegensatz zu anderen Onlineforen (wie zB SPIEGEL) hält die ZEIT die Fahne der Meinungsfreiheit noch immer hoch, was man auch daran erkennt, daß die Beiträge SOFORT veröffentlicht werden. Ein hauptberuflicher Zensor existiert also nicht.

    Sie erreichen mit Wutausbrüchen genau das Gegegenteil und werden damit erst zu dem Bild, was Ihnen die Meinungssoldaten anhängen wollen. Beherrschen Sie sich und gönnen Sie ihnen diesen Triumph nicht.

    • Madoc
    • 16.04.2007 um 16:24 Uhr

    Ein echter NS-Widerständler war der Herr F. Er hat sogar nach Ende des Krieges in britischer Kriegsgefangenschaft noch einen Fahnenflüchtigen erschießen lassen. Dafür musste er sich die Gewehre bei den Briten leihen, denn dummerweise war der Krieg ja schon vorbei. An dieses herausragende Dokument christlicher Nächstenliebe konnte er sich nach dem Krieg seltsamerweise nicht mehr erinnern, immerhin hatte er ja lediglich jemanden töten lassen. Die einzige Erkenntnis an die er sich erinnern konnte war, „dass heute nicht Unrecht sein kann was damals Recht war“. Sehr gut erinnern konnte er sich aber an seine Kumpels aus der verwirrenden Zeit. Die halfen ihm dann auch wieder in den Sattel und umgekehrt. Ein kleiner Nachfolger dieser Seilschaften attestiert ihm nun posthum eine Gegnerschaft zu NS-Regime und christliche Überzeugung. (Schließlich hat Christus geboten den Führer im Kampf gegen die bösen Bolschewiken nicht im Stich zu lassen oder bringe ich da etwas durcheinander?). Ja ne schon klar, der Herr Ö. wird es mit seinen grenzenlosen intellektuellen Fähigkeiten schon so hinbasteln dass es in das Weltbild seiner Anhängerschaft passt.

  1. [Wäre nett, wenn Sie künftig auf diese Fäkalsprache verzichten könnten/ Redaktion]

    Meine sehr geehrten Damen und Herren der Redaktion, was wollen sie eigentlich für Kommentare lesen?
    Wenn die Wirklichkeit nun mal so ist, dann ist sie so; so banal das auch klingt. Ihr selbstgerechten Demokraten hättet nun mal keinen Furz usw, wenn ihr damals dabei gewesen wäret. Wie soll man denn das umschreiben? Können sie mir mal ein Beispiel geben, wie man die Heuchelei heutiger 'Demokraten' geschmeidig umschreiben kann, damit die Wahrheit nicht so 'pöse' klingt?

    PS: Ihr Vorwurf des Antisemitismus bestätigt alles was ich schrieb!

  2. Jetzt reicht's aber!

    Ich bin für die Abspaltung Baden-Württembergs und Bayerns vom Bund. Soll doch der Rest seinen Mist alleine machen und wir bekommen dank unseres Fleißes, unserer Kreativität, unserer Solidität, unserer Ehrlichkeit und unsere Intelligenz Verhältnisse wie in der Schweiz.

    Zugegeben, Herr Oettinger hat sich blöd angestellt. Aber muss man so über unseren Landesvater herfallen?

  3. 'Im Gegensatz zu anderen Onlineforen (wie zB SPIEGEL) hält die ZEIT die Fahne der Meinungsfreiheit noch immer hoch, was man auch daran erkennt, daß die Beiträge SOFORT veröffentlicht werden. Ein hauptberuflicher Zensor existiert also nicht.'

    Da gebe ich Ihnen recht! Vielleicht ist man ber der Zeit-Redaktion doch etwas schlauer, als es mitunter scheint.
    Ein gewisser St. Kramer, genau der vom Zentralrat der Juden, hat vor einigen Monaten folgendes gesagt, sinngemäß, da ich den Link nicht zur Hand habe: 'Es gibt zu viele Verbote in Bezug auf den Nationalsozialismus, so daß wir garnicht mehr wissen was unter der Oberfläche wirklich vor sich geht.'

    Ein Moment weiser Einsicht, aber anstatt nun den zweiten Schritt zu machen, ist Kramer inzwischen wieder drei Schritte zurückgegangen.

    '... und werden damit erst zu dem Bild, was Ihnen die Meinungssoldaten anhängen wollen.'

    Hier muß ich Ihnen widersprechen. Dieser Verein (in Gedanken Antifamob) hängt jedem der sich nicht dem Bewältigungskanon unterwirft sowieso alles mögliche und unmögliche an. Der Rufmord gehört bei den antifaschistischen Demokraten zum Standardrepertoire. Das kümmert mich nicht, ich sag mir da einfach: 'Viel Feind, viel Ehr!'.

  4. Frank Schirrmacher (siehe FAZ vom heutigen Tag) hat m.E. recht: Filbinger zum 'Gegner des NS-Regimes' zu erklären, geht schlicht und ergreifend zu weit. Nein, man muß kein Anhänger der politishcen Korrektheit sein, um sich zu wundern, was Oetinger damit bezweckt.

    Filbinger war bestenfalls ein Mitläufer, der sich eingeredet hat, doch nach Recht und Gesetz zu handeln. Gewiß: die Aufregung über ihn steht in keinem Verhältnis zu dem Schweigen, das sich heute über so manchen EX-SED/Stasi-Funktionär breitet. Dennoch und gerade drum: ein EX-DDR-Richter war nicht deshalb Gegner des Regimes, weil er den Straftatbestand der Republikflucht für abschaffungswürdig hielt. Er hat ihn angewendet! Für Filbinger gilt dasselbe.

  5. ... werden Sie nun nicht los. Sie sind selbst schuld an dem, worüber Sie sich aufregen.

    Oettinger wird zu Recht kritisiert. Aber Leute Ihres Schlages haben jahrzehntelang ziemlich wahllos auf alles eingschlagen, was sich mit den eigenen politischen Überzeugungen nicht vertrug. Und stets hieß die Keule 'Nazi.' Der inflationäre Gebrauch des Nazi-Vorwurfes hat diesen inzwischen so weit abgestumpft, und die Ankläger sind dermaßen unsympathisch, daß vernünftige Menschen mit jedem, den diese Keule trifft, erst einmal eine gewisse Solidarität empfinden.

    Und wenn aus genau diesem Gefühl heraus hier im Forum Kommentare wie der von iceman auftauchen, der - bildlich gesprochen - die AUgen verdreht und 'nicht schon wieder!' stöhnt, dann verfällt ilaberdauernd gleich wieder in die sattsam bekannten Reflexe. Dabei könnten Sie es besser wissen. Sie kennen den Mann aus dem Forum - er mag nicht Ihre Ansichten vertreten, aber er ist natürlich KEIN Rechtsextremist, und sollten Sie, ilabernet, dies gleichwohl glauben, dann sollten Sie Schreiner werden - das Brett vor Ihren Augen hätte dann wenigstens einen bescheidenen Zweck.

    Aber vielleicht mute ich Ihnen zu viel zu: es gibt eine bestimmte politische Denkrichtung, für die JEDER Andersdenkende ein Nazi ist, einfach, weil er ein Andersdenkender ist. Das kommt davon, wenn man in der Tiefe seines Herzens zuerst für den Rechten Glauben und erst dann für die Wahrheit streitet.

    Sie kennen das Sprichwort: wer einmal lügt...? Es läßt sich auch auf Sie anwenden. Wer immer wieder diffamiert, ständig polemisiert, der wird nicht plötzlich glaubwürdig, nur weil er diesmal zufällig recht hat. Wenn Rechtsextreme wirklich wieder salonfähig werden, dann haben auch Sie Ihren Anteil daran, indem sie die Waffe der gesellschaftlichen Ächtung durch inflationären und meist völlig unangebrachten Gebrauch nachhaltig entwertet haben und weiter entwerten.

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