Amoklauf Wer hat Schuld?
Nach dem Massaker von Blacksburg stellt sich die alte Frage: War es die unerklärliche Tat eines psychisch Gestörten? Oder hat die amerikanische Gesellschaft dazu beigetragen? Eine Erwiderung
Im Bundesstaat Virginia sind Waffen leicht legal zu beschaffen. Hat das das Massaker von Blacksburg befördert?
Der Amoklauf an der Hochschule in Virginia hat weltweit Entsetzen und Hilflosigkeit hervorgerufen. Das zeigte sich, verständlicherweise, auch in den ersten Reaktionen und Erklärungsversuchen. Es konnte, angesichts des verstörenden Ausmaßes dieses Massenmordes, wohl auch gar nicht anders sein. Wer vorschnell glaubt, nach einem solchen Gewaltexzess Ursachen benennen zu können, wie etwa die amerikanischen Waffengesetze, macht es sich in der Tat zu leicht.
Dennoch enthebt uns das nicht der Notwendigkeit, in Ruhe darüber nachzudenken, was junge, weiße, zornige Männer dazu treibt, ohne erkennbaren Anlass in Schulen oder Universitäten zu marschieren und dort wahllos auf Menschen zu schießen - sei es in Littleton, Erfurt, Emsdetten oder jetzt Blacksburg. Und das nicht nur, weil der Mensch grundsätzlich danach trachtet, auch das eigentlich Unerklärliche erklären zu wollen, wie Adrian Kreye in der
Süddeutschen Zeitung
schrieb. Sondern weil wir uns als Gesellschaft verständlicherweise vor Wiederholungen, soweit es geht, schützen wollen.
Thomas Kleine-Brokhoff
wirft nun dem Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer vor, dieser habe in einem
Interview bei
ZEIT online
am Tag nach der Tat voreilig und fälschlicherweise behauptet, eine "Kultur der Gewalt" in den USA habe den Massenmord von Virginia "gezeugt". Dabei hat Heitmeyer, der sich seit vielen Jahren mit verschiedenen Formen der Gewalt und auch mit Amokläufen beschäftigt, zu dem Massaker von Blacksburg im Detail gar nichts gesagt, weil ihm - wie uns allen - zu diesem Zeitpunkt Einzelheiten zu den Hintergründen der Tat und vor allem zu dem Täter noch gar nicht bekannt waren. Vielmehr hat er,
wie auch in einem kürzlichen längeren Gespräch mit
ZEIT online
, darauf verwiesen, dass Amokläufe generell häufig das Ergebnis vielfältiger Kränkungen sind, die sich bei bestimmten Menschen nach einer längeren Phase des sich allmählich aufstauenden Hasses in einer Orgie der - auch selbstzerstörerischen - Gewalt entladen.
Für alle, die sich mit solchen Amokläufen beschäftigen (und weitere verhindern möchten), stellt sich jedoch die Frage: Gibt es Faktoren, die es erleichtern oder befördern, dass ein Mensch jede moralische innere Hemmung verliert und seine Gewaltphantasien durchaus planvoll und scheinbar grenzenlos in die Tat umsetzt? Denn grundsätzlich trägt ja jeder Mensch Wut-, Hass- und Rachegefühle in sich. Normalerweise aber leben wir diese Gewaltwünsche nicht aus, weil wir gelernt haben, innere und äußere Konflikte, wozu auch tiefe Kränkungen gehören, anders zu bewältigen. Und weil wir Normen verinnerlicht haben und im günstigen Fall in einem sozialen Umfeld leben, das uns daran hindert, zum Gewalttäter zu werden.
Nun kann man es sich leicht machen wie Thomas Kleine-Brockhoff und erleichtert darauf verweisen, dass es sich bei dem jungen Massenmörder von Blacksburg ganz offensichtlich um einen "psychisch schwer gestörten Täter handelte". Ist damit schon alles gesagt und alles erklärt? Wohl kaum. Denn auch psychisch gestörte Menschen fallen ja nicht vom Himmel. Deshalb lohnt es sich schon, weiter der Frage nachzugehen, weshalb gerade dieser 23-jährige Cho Seung-Hui ausgerastet ist und keiner der 25.999 Kommilitonen an der VirginiaTech. Weshalb er zum einsamen Rächer wurde - während sein Bruder und seine Schwester in Princeton studierten und Karriere machten. Wie wurde er zum Psychopathen und Massenmörder?
Hier kommt die Gesellschaft ins Spiel. Denn Amokläufe, so viel ist aus wissenschaftlichen Untersuchungen bisher klar, sind fast immer das Ergebnis vielfacher psychischer und sozialer Faktoren. Weniger als zehn Prozent der Amokläufer waren im strengen Sinne als psychisch krank einzustufen. Eine alleinige Erklärung solcher Gewalttaten aus individuellen psychischen Störungen gilt deshalb unter Fachleuten als widerlegt.
- Datum 20.04.2007 - 10:54 Uhr
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Es ist bezeichnend, das verheerede Amokläufe dieser Grossenordnung meist in den westlichen Industrieländern stattfinden. Das sind genau die Staaten, die wirtschaftlichen und/oder militärischen Druck nach aussen richten. Die einfache Physik sagt aber, dass wenn Druck nach aussen gerichtet wird, auch Druck nach innen herrscht. Diese Staaten haben üben auch strukturelle Gewalt aus und ihre Bürger müssen sich den Sachzwängen anpassen. Bisher habe ich solche Amokläufen nur in USA/Europa vernommen, allenfalls noch in Russland und Japan, also die typischen G8-Länder.
Der grosse Rest der Menschen auf der Erde haben keine Lust auf einen allmächtig-bürokratischen, durchrationalisierten und -ökonomisierten Staat. Das könnte auch erklären, warum es ausserhalb des Westens soviele repressive Regimes gibt. Die Menschen dort sind keine treuen Staatsbürger, die brav ihre Bürgerpflichten erfüllen und ihre Stimme am Wahltag abgeben, sondern frei geborene Menschen, die ohne Verfassungen und Gesetze eigentlich nach den Urregeln der Menschheit zivilisiert miteinander leben könnten, ohne Zwangsapparat und Kapitalismus. Die Idee des Staates kam später aus dem Westen zu ihnen oder wurden ihnen von den Kolonialmächten vorgegeben. Aber darauf reagieren manche Völker immer noch allergisch. Am besten kann man das beim afghanischen oder irakischen Volk sehen, gerade zwei Nationbuildingprojekte.
Die Menschen im Westen haben aber noch in ihrer Gesamtheit noch ein gesundes, etwas diffuses, aber aufmerksames Empfinden, dass sie von ihren Regierungen exzessiv gegängelt und kontrolliert, also beherrscht werden. Siehe den kommenden Überwachungsstaat von Schäuble, der in den USA und GB schon Realität ist.
Dieser Amokläufer (ein Asiate!) konnte wohl einfach den für sich unerträglichen Druck nicht aushalten. Manche Leute zerbrechen daran oder passen sich an. Leute, die sich anpassen, werden zu Musterstaatsbürgern. Das heisst bei ihnen ist das Bestreben des Staates, ihnen subtile Angst und Unterordnungs- bzw. Anpassungsmechanismen in ihren Köpfen einzupflanzen, erfolgreich gewesen. Diese Leute überwachen sich selbst. In früheren Imperien waren solche Leute die Lieblingssklaven der herrschenden Kaste. Wir sehen immer mehr, wie die republikanischen Elemente in unserem Staat und in den USA abnehmen.
Dieser Amokläufer hat in einer finalen Inszenierung den auf ihn ausgebübten Druck explosionsartig wieder an die Gesellschaft zurückgegeben. Man darf vor gewissen Fakten einfach die Augen nicht verschliessen und sie wertfrei zur Debatte stellen. Es hilft nichts, wenn man nicht auch mal in nihilistischer Weise das Geschehen von aussen betrachtet. Das soll jetzt keine Entlastung des Amokläufers sein. 33-facher Mord bleibt 33-facher Mord. Aber irgendwie haben auch Geistesgestörte ein in sich koherent-stimmiges Weltbild und ihre plausiblen Gründe.
Es wird kein Gesetz helfen, Amokläufe werden immer mal wieder vorkommen. Die Gründe für die Amokläufer werden ja nicht abgeschafft - eher verstärkt.
[s.o./ Redaktion]
Ach ja, nur in den USA gibt es Massaker.
Kann mich, nachdem ich einige Jahre in den usOFa gelebt habe, Ihrer Meinung nur anschliessen.
während Sie versuchen in das Gehirn eines Amokläufers einzutauchen (ich bewundere Ihre intellektuelle Tätigkeit) bereiten sich zig weitere Schüler und Studenten auf ihren Amoklauf vor. Vorbilder gibt es genug.
'Sie kann nur in Abrüstung im Denken und Fühlen und im Wortsinne bestehen. Und in Hilfe für und Achten auf Menschen, die ihren inneren und äußeren Halt verlieren - damit sie nicht irgendwann zu lebenden Zeitbomben und Killermonstern werden.'
Das möchte ich sehen...Dafür müssen Sie nur unsere Gesellschaft komplett umkrempeln und das Innererste des Menschen ändern. Bewundernswert, Ihr Vorhaben, aber vielleicht sind Sie ein grosses Genie.
Bis Sie soweit sind, wäre es vielleicht doch hilfreich, den Zugang zu Waffen zu erschweren.
Ich verweise noch einmal auf den Berliner Messerstecher, der 33 Menschen nur verletzt hat. Hätte er Pistolen gehabt, so hätte er diese nicht nur veletzt, sondern noch mehr getötet. Amokläufer gibt es überall.
Es wird immer wieder behauptet, es wäre leicht hier an Waffen zu kommen. Mir ist nicht bekannt, daß ich hier scharfe Munition im Geschäft kaufen kann, aber anscheinend kenn hier jeder einen Weg sich solche zu beschaffen, 'falls er sich zu einem Amoklauf entschlossen hat'.
Ich danke Ihnen für diesen nachdenklich machenden Artikel. Was macht einen Menschen zu einem Amokläufer? Die Möglichkeit eine Waffe zu besitzen, erleichtert natürlich eine so schreckliche Tat wie in Blacksburg, aber sie kann kaum die Ursache dafür sein.
Auffällig ist in der Tat, dass Amokläufe gehäuft an Schulen und Universitäten auftreten, in Institutionen der sozialen Auslese. Diese Auslese erfolgt zum einen durch die Bewertung des Individuums durch das Lehrpersonal, zum anderen durch die Mitsschüler und Komilitionen.
Leistungsdruck und verwehrte Anerkennung bewirken bei vielen Schülern/Studenten psychische Probleme, die sich zur Aggressionen gegenüber den Mitmenschen entwickeln können. Gleichzeitig begegnet man sog. Außenseitern mit Intoleranz. Diese fühlen sich noch mehr ausgeschlossen.
Nach einem Amoklauf wird zuerst immer seitens der Politik versucht einen Schuldigen für die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen gesucht. Da komplexe Zusammenhänge der Öffentlichkeit immer schwer zu vermitteln sind und man nicht bereit ist, mehr finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen um beispielsweise Schulpsychlogen einzustellen, werden pauschal die Medien als Urheber identifiziert. Obwohl diese ja nur ein Spiegel der Gesellschaft darstellen.
Ganz neben bei wäre es äußerst bedenklich die Kunstfreiheit deswegen abzuschaffen, denn Kunst ist immer auch die Wiedergabe der gesellschaftlichen Realität, ganz egal ob man Kunst als gut oder schlecht wahrnimmt.
Ich kann die Amis inzwischen gut verstehen, wenn sie auf die Besserwisserei der europäischen Journaille beleidigt reagieren. Vielleicht mal daran denken, dass der Student koreanischer Abstammung war und die Asiaten sind allgemein für ihre Selbstdisziplin bekannt. Solchen Leuten traut man im allgemeinen Amokläufe nicht zu.
Es gibt nur wenig Möglichkeiten solche Taten zu verhindern: wann bei irgend jemanden die Sicherungen herausfliegen kann niemand sagen, auch der schlaue Prof. Heitmeyer nicht.
ist bei diesen Vorfaellen immer wieder, wie der Mensch damit umgeht:
die 33 Toten in Virginia sind eine Tragoedie. Die 200 Toten in Bagdad zur gleichen Zeit sind Statistik.
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