Amoklauf Wer hat Schuld?Seite 2/2
Was also befördert das Umsetzen von Gewaltphantasien in einen Massenmord? Trägt etwa - neben den psychischen Faktoren - die Einstellung einer Gesellschaft zur Gewalt dazu bei, diesen Schritt zu erleichtern? Auf diese Frage hat Heitmeyer - fern jeder Amerikafeindlichkeit - zunächst ganz nüchtern darauf verwiesen, dass es Amokläufe auch in Europa und Deutschland gegeben hat, dass es sie aber wesentlich häufiger in den USA gibt und sie dort in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen haben. Was die Frage nahe legt, ob das etwas mit dem spezifischen Umgang mit Gewalt und deren "Normalität" in der amerikanischen Gesellschaft zu tun hat. Unbestreitbar ist ja, dass die Gewalt- und Mordrate in den USA wesentlich höher ist als in Europa. Jugendliche erleben dort, wie der Soziologe Douglas Massey von der Universität Princeton vergangene Woche auf einem Kongress in Bielefeld berichtete, in ihrem unmittelbaren Umfeld um ein Vielfaches häufiger Mord- und Gewalttaten als ihre europäischen Altersgenossen. Bleibt dies ohne Wirkung?
Sicherlich ist es viel zu kurz gegriffen, jetzt wieder nur auf die amerikanischen Waffengesetze zu verweisen. Denn wie Heitmeyer zu Recht sagte: "Wer sich zu einem Amoklauf entschlossen hat, wird sich die Waffen schon besorgen" - egal wie lasch oder streng die Bestimmungen sind. Dennoch sind Waffengesetze auch ein Ausdruck dafür, wie eine Gesellschaft zur Gewalt steht. Wenn jetzt in den USA ernsthaft darüber nachgedacht wird, Lehrer und Dozenten zu bewaffnen, damit sie potenzielle Amokläufer künftig gleich erlegen können, und der Präsident nach einem solchen Massenmord nichts Eiligeres zu tun hat, als das Recht jedes Amerikaners auf Waffen zu bekräftigen, sagt das einiges darüber aus, wie in diesem Land über Gewalt als Lösungsmittel gedacht wird.
Nein, die Antwort auf Gewalt (und auf Demütigungen) kann aus europäischer Sicht in einer Zivilgesellschaft niemals Gewalt sein. Sie kann nur in Abrüstung im Denken und Fühlen und im Wortsinne bestehen. Und in Hilfe für und Achten auf Menschen, die ihren inneren und äußeren Halt verlieren - damit sie nicht irgendwann zu lebenden Zeitbomben und Killermonstern werden.
Zum Thema
Ein allzu bekanntes Argument
-
Die Professoren Wilhelm Heitmeyer und Elisabeth Bronfen behaupten, Amerikas "Kultur der Gewalt" habe den Massenmord von Virginia gezeugt. Wirklich? Von Thomas Kleine-Brockhoff »
"Demonstration der Macht"
-
Erleichtert die Gewaltkultur in den USA Massaker wie in Blacksburg? Ein Gespräch mit dem Bielefelder Gewaltforscher Wilhelm Heitmeyer »
Einzelkritik an der Gesellschaft
-
Warum ein Amoklauf wie der in Virginia nicht durch allgemeine und höchst voreilige Theorien erklärt werden kann. Von Josef Joffe »
Nicht nichts sein
-
Wer in seinen Tod etliche Unbeteiligte grausam mitreißt, kämpft ein letztes Mal um Aufmerksamkeit. Das ist nicht neu. Doch das Ausmaß der Bluttat ist es. Von Wenke Husmann »
Gewalt
-
Wie entsteht sie? Was sind ihre Ursachen? Ein Schwerpunkt zum Thema »
- Datum 20.04.2007 - 10:54 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle ZEIT online
- Kommentare 22
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:





Es ist bezeichnend, das verheerede Amokläufe dieser Grossenordnung meist in den westlichen Industrieländern stattfinden. Das sind genau die Staaten, die wirtschaftlichen und/oder militärischen Druck nach aussen richten. Die einfache Physik sagt aber, dass wenn Druck nach aussen gerichtet wird, auch Druck nach innen herrscht. Diese Staaten haben üben auch strukturelle Gewalt aus und ihre Bürger müssen sich den Sachzwängen anpassen. Bisher habe ich solche Amokläufen nur in USA/Europa vernommen, allenfalls noch in Russland und Japan, also die typischen G8-Länder.
Der grosse Rest der Menschen auf der Erde haben keine Lust auf einen allmächtig-bürokratischen, durchrationalisierten und -ökonomisierten Staat. Das könnte auch erklären, warum es ausserhalb des Westens soviele repressive Regimes gibt. Die Menschen dort sind keine treuen Staatsbürger, die brav ihre Bürgerpflichten erfüllen und ihre Stimme am Wahltag abgeben, sondern frei geborene Menschen, die ohne Verfassungen und Gesetze eigentlich nach den Urregeln der Menschheit zivilisiert miteinander leben könnten, ohne Zwangsapparat und Kapitalismus. Die Idee des Staates kam später aus dem Westen zu ihnen oder wurden ihnen von den Kolonialmächten vorgegeben. Aber darauf reagieren manche Völker immer noch allergisch. Am besten kann man das beim afghanischen oder irakischen Volk sehen, gerade zwei Nationbuildingprojekte.
Die Menschen im Westen haben aber noch in ihrer Gesamtheit noch ein gesundes, etwas diffuses, aber aufmerksames Empfinden, dass sie von ihren Regierungen exzessiv gegängelt und kontrolliert, also beherrscht werden. Siehe den kommenden Überwachungsstaat von Schäuble, der in den USA und GB schon Realität ist.
Dieser Amokläufer (ein Asiate!) konnte wohl einfach den für sich unerträglichen Druck nicht aushalten. Manche Leute zerbrechen daran oder passen sich an. Leute, die sich anpassen, werden zu Musterstaatsbürgern. Das heisst bei ihnen ist das Bestreben des Staates, ihnen subtile Angst und Unterordnungs- bzw. Anpassungsmechanismen in ihren Köpfen einzupflanzen, erfolgreich gewesen. Diese Leute überwachen sich selbst. In früheren Imperien waren solche Leute die Lieblingssklaven der herrschenden Kaste. Wir sehen immer mehr, wie die republikanischen Elemente in unserem Staat und in den USA abnehmen.
Dieser Amokläufer hat in einer finalen Inszenierung den auf ihn ausgebübten Druck explosionsartig wieder an die Gesellschaft zurückgegeben. Man darf vor gewissen Fakten einfach die Augen nicht verschliessen und sie wertfrei zur Debatte stellen. Es hilft nichts, wenn man nicht auch mal in nihilistischer Weise das Geschehen von aussen betrachtet. Das soll jetzt keine Entlastung des Amokläufers sein. 33-facher Mord bleibt 33-facher Mord. Aber irgendwie haben auch Geistesgestörte ein in sich koherent-stimmiges Weltbild und ihre plausiblen Gründe.
Es wird kein Gesetz helfen, Amokläufe werden immer mal wieder vorkommen. Die Gründe für die Amokläufer werden ja nicht abgeschafft - eher verstärkt.
[s.o./ Redaktion]
Ach ja, nur in den USA gibt es Massaker.
Kann mich, nachdem ich einige Jahre in den usOFa gelebt habe, Ihrer Meinung nur anschliessen.
während Sie versuchen in das Gehirn eines Amokläufers einzutauchen (ich bewundere Ihre intellektuelle Tätigkeit) bereiten sich zig weitere Schüler und Studenten auf ihren Amoklauf vor. Vorbilder gibt es genug.
'Sie kann nur in Abrüstung im Denken und Fühlen und im Wortsinne bestehen. Und in Hilfe für und Achten auf Menschen, die ihren inneren und äußeren Halt verlieren - damit sie nicht irgendwann zu lebenden Zeitbomben und Killermonstern werden.'
Das möchte ich sehen...Dafür müssen Sie nur unsere Gesellschaft komplett umkrempeln und das Innererste des Menschen ändern. Bewundernswert, Ihr Vorhaben, aber vielleicht sind Sie ein grosses Genie.
Bis Sie soweit sind, wäre es vielleicht doch hilfreich, den Zugang zu Waffen zu erschweren.
Ich verweise noch einmal auf den Berliner Messerstecher, der 33 Menschen nur verletzt hat. Hätte er Pistolen gehabt, so hätte er diese nicht nur veletzt, sondern noch mehr getötet. Amokläufer gibt es überall.
Es wird immer wieder behauptet, es wäre leicht hier an Waffen zu kommen. Mir ist nicht bekannt, daß ich hier scharfe Munition im Geschäft kaufen kann, aber anscheinend kenn hier jeder einen Weg sich solche zu beschaffen, 'falls er sich zu einem Amoklauf entschlossen hat'.
Ich danke Ihnen für diesen nachdenklich machenden Artikel. Was macht einen Menschen zu einem Amokläufer? Die Möglichkeit eine Waffe zu besitzen, erleichtert natürlich eine so schreckliche Tat wie in Blacksburg, aber sie kann kaum die Ursache dafür sein.
Auffällig ist in der Tat, dass Amokläufe gehäuft an Schulen und Universitäten auftreten, in Institutionen der sozialen Auslese. Diese Auslese erfolgt zum einen durch die Bewertung des Individuums durch das Lehrpersonal, zum anderen durch die Mitsschüler und Komilitionen.
Leistungsdruck und verwehrte Anerkennung bewirken bei vielen Schülern/Studenten psychische Probleme, die sich zur Aggressionen gegenüber den Mitmenschen entwickeln können. Gleichzeitig begegnet man sog. Außenseitern mit Intoleranz. Diese fühlen sich noch mehr ausgeschlossen.
Nach einem Amoklauf wird zuerst immer seitens der Politik versucht einen Schuldigen für die Gewaltbereitschaft von Jugendlichen gesucht. Da komplexe Zusammenhänge der Öffentlichkeit immer schwer zu vermitteln sind und man nicht bereit ist, mehr finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen um beispielsweise Schulpsychlogen einzustellen, werden pauschal die Medien als Urheber identifiziert. Obwohl diese ja nur ein Spiegel der Gesellschaft darstellen.
Ganz neben bei wäre es äußerst bedenklich die Kunstfreiheit deswegen abzuschaffen, denn Kunst ist immer auch die Wiedergabe der gesellschaftlichen Realität, ganz egal ob man Kunst als gut oder schlecht wahrnimmt.
Ich kann die Amis inzwischen gut verstehen, wenn sie auf die Besserwisserei der europäischen Journaille beleidigt reagieren. Vielleicht mal daran denken, dass der Student koreanischer Abstammung war und die Asiaten sind allgemein für ihre Selbstdisziplin bekannt. Solchen Leuten traut man im allgemeinen Amokläufe nicht zu.
Es gibt nur wenig Möglichkeiten solche Taten zu verhindern: wann bei irgend jemanden die Sicherungen herausfliegen kann niemand sagen, auch der schlaue Prof. Heitmeyer nicht.
ist bei diesen Vorfaellen immer wieder, wie der Mensch damit umgeht:
die 33 Toten in Virginia sind eine Tragoedie. Die 200 Toten in Bagdad zur gleichen Zeit sind Statistik.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren