Schule Cho, Robert und zwei Helden

Die Geschichten von Amokläufen in Schulen ähneln sich in ihrem Grauen. Es gibt aber auch positive Figuren: zwei Lehrer.

Columbine, Erfurt, Emsdetten, Blacksburg. Mit jedem dieser Amokläufe in Schulen oder Hochschulen wird eine zivilisatorische Wand dünner. Die große Hemmung zwischen der Realität und den Fantasien. Ein kostbares Tabu. In der Fantasie werden ja ständig Lehrer und Mitschüler umgebracht. Aber seit dem ersten Schulmassaker 1999 in der Columbine Highschool in Littleton scheint etwas möglich geworden zu sein, das es zuvor nicht gab.

Columbine ist eine Art Urszene, auf die sich im vergangenen November auch Sebastian B. in Emsdetten bezog. Er ging schwer bewaffnet in seine ehemalige Schule, schoss um sich, verletzte elf Schüler und Lehrer und töte sich dann selbst. Ob Sebastian B., der damals 17-jährige Eric Davis und sein 18-jähriger Mittäter Dylan Klebold in Littleton, ob Robert Steinhäuser in Erfurt oder jetzt Cho Seung Hui, es sind jedes Mal einsame Jungs, voller Hass und Selbsthass.

Ihre Bekenntnisse lesen sich wie austauschbare Textbausteine. "Ich hasse es, ich hasse es, immer der Doofmann für alle zu sein. Ich hasse es, immer als Depp hingestellt zu werden. Ich hasse es, immer das Individuum zu sein, welches als überflüssig erscheint", schrieb der bis dahin unauffällige Sebastian B. aus Emsdetten in seinem Abschiedbrief. "Das einzige, was ich intensiv in der Schule beigebracht bekommen habe, war, dass ich ein Verlierer bin", schrieb er weiter. Er hatte im Internet zuvor eigentlich alles gesagt. "Alles, wirklich alles, was ich mache, hat meist irgendetwas mit dem Anschlag auf die Columbia Highschool am 20. 4. 1999 zu tun... Ich würde fast sagen, dass diese Geschichte nicht nur mein Leben verändert hat, sie IST mein Leben geworden."

Sebastian B. nannte sich im Internet "ResistantX". Das erklärte er so: "Den Namen `ResistantX´ habe ich mir 2003 oder 2004 zugelegt. `ResistantX´ ist gleichzusetzen mit Vergänglichkeit, da alles bis zu einem gewissen Punkt standhaft ist, aber irgendwann zusammenbricht. Vergänglichkeit ist meiner Meinung nach das Beste, was es auf dieser Welt gibt!" Ein "Livejournal-Freund" von "ResistantX" notierte auf dessen Seite: "Ich langweilige mich den ganzen Tag und gehe ab und an gern auf Party. Sonst sitze ich meist vorm PC, weil ich auf niemanden so recht Lust habe. Ja, das ist eigentlich alles, was man über mich wissen sollte."

Einsam und wie aus der Welt gefallen war auch Cho Seung Hui in Blacksburg, der beleidigte, moralisierende Manifeste gegen "hinterlistige Scharlatane" und "reiche Kids" verfasste. "Ihr habt mein Herz verwüstet, meine Seele vergewaltigt. Ihr habt gedacht, es sei nur das Leben eines erbärmlichen Jungen, das ihr auslöscht." Gewiss, dieses "Manifest" des mordenden Selbstmörders ist das Dokument eines Paranoikers.

Vielleicht hätte ein Psychologe rechtzeitig helfen können. Vielleicht. Aber das Neue und Beängstigende ist ja nicht, dass es Verrückte gibt, die frei rumlaufen. Das Unheimliche ist, dass aus der imaginären Welt des Einzelnen mit jedem dieser Schulamoks nun ein Übergang in die Welt realer Handlungsmöglichkeiten verbreitert wird. Schon wurden in zwei kalifornischen Städten 22.000 Schüler nach Hause geschickt, weil ein mit einem Sturmgewehr bewaffneter Mann mit dem Angriff drohte.

Was kann man gegen diesen fatalen Übergang tun? Was kann man dafür tun, diese Schwelle wieder zu erhöhen? Vielleicht erst mal nicht viel mehr als genau hinzugucken. Wenn sich nun die Medienberichte und die öffentliche Debatte an das nachträgliche Verrückterklären von Cho machen, ist das nur eine der vielen Strategien wegzugucken, um das Irritierende an der Tat schnell zum Verschwinden zu bringen. Die erste Interpretationswelle nach den 32 Toten in Blacksburg hatte den freien Zugang zu Waffen in den USA zu ihrem Themenschild gemacht.

Solche Beschwichtigungsstrategien sind schnell zur Hand. Erinnern wir uns an die Debatten nach dem Massaker von Erfurt, das sich am 26. April zum fünften Mal jährt und an die Schüsse von Emsdetten im vergangenen November. Als wäre ein pawlowscher Reflex ausgelöst worden, ging es sofort um Gewaltvideos, um das Computerspiel Counterstrike, um Verbote und überhaupt um das Verheerende der Medien. Um die Einsamkeit und Sprachlosigkeit vieler Kinder und Jugendlicher ging es nicht.

Nehmen wir noch Mal die Spur von Sebastian B. aus der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten auf, an die wir uns kaum noch recht erinnern. Jetzt wirken die Reaktionen in der Schule wie hektische Aktivitäten im Spurenverwischen. So beschloss wenige Tage nach der Tat ein "Runder Tisch" von Lehrern, Eltern und Vertretern der Stadt die Renovierung der Schule. Sie sei "mit Farbe zu verändern", damit möglichst bald nur noch wenig an den grauenhaften 20. November erinnere.

Während die Öffentlichkeit über Verbote von Computerspielen, wie sie auch Sebastian B. gespielt hatte, debattierte, wurde sein Abschiedsbrief von der Polizei aus dem Internet und damit einfach nicht mehr zur Kenntnis genommen. In dem sprach nichts dafür, dass er ein Opfer des Gewaltkults in Computerspielen oder anderen Medien war. Der Brief erzählt von der Verzweiflung eines jungen Menschen, der glaubt ein Niemand zu sein, der das Leben als einen Krieg interpretiert, in dem er immer nur verloren hat. Ein Leben, von dem er nicht glaubt, dass es für ihn jemals noch lebenswert werden könnte.

Natürlich werden dann Medien im ursprünglichen Wortsinn zu Medien für Eigenwelten dieser aus einer gemeinsamen Welt Geflüchteten. Der Abschiedsbrief von Sebastian B. war zum Teil wirr, wie vermutlich Unmengen ähnlicher Briefe, die von Jugendlichen in der Pubertät geschrieben, dann aber zerknüllt werden.

Wovon also hängt es ab, ob zwischen Fantasie und Handlung unterschieden werden kann? Eine Debatte über Gewalt in Computerspielen hat da bisher nicht weiter geholfen, wenn sie so tat, als würde mit den dort exzessiv durchgespielten Fantasien der Geist die Spieler gewissermaßen programmiert, um im Alltag entsprechend zu handeln. Wenn das so wäre, müsste man nur die Programme auswechseln oder die schlimmsten verbieten. Nein, es kommt auf etwas anderes an. Erinnern wir uns an die Geschichte von Robert Steinhäuser. Vielleicht ist die letzte Szene seiner Raserei am 26. April im Gutenberg-Gymnasium Erfurt die aufschlussreichste.

"Robert!" - Mit diesem einen Wort hat sein Lehrer Rainer Heise den Rasenden nach dessen 16. Mord aufgehalten. Die dann folgende Frage, "was denkst du dir eigentlich dabei", war buchstäblich entwaffnend. Der Schüler war plötzlich sogar zum Gespräch bereit. Der couragierte Geschichts- und Kunstlehrer öffnete die Tür zu Raum 110 im Erfurter Gutenberg-Gymnasium, lässt Robert Steinhäuser vorgehen, stößt ihn hinein und schließt die Tür. Für ein Gespräch war es jetzt wirklich zu spät. Dann folgte der 17. Mord. Robert ermordet Robert.

Der mutige Auftritt dieses Lehrers darf nicht vergessen werden. Er gehört eigentlich in die Lesebücher. Nicht wegen der Story, sondern wegen der Macht des Wortes. Aber auch an die Geschichte des Schülers müssen wir uns erinnern! Nicht nur wegen des Gewaltexzesses, seiner realen Ohnmacht und der von seinem Leben abgespaltenen Fantasien, sondern vor allem wegen der vielen, in seinem kurzen Leben unterbliebenen Worte.

Robert wollte am liebsten Politiker werden, jedenfalls was ganz Großes, er wusste aber nicht, wie er dorthin kommen könnte. So sieht ihn sein Lehrer Rainer Heise. Robert habe nie gelernt, dass man zum Erreichen von Zielen etwas einsetzen muss. Er geht nur noch unregelmäßig zur Schule, fälscht Atteste, fliegt von der Schule, kann das alles vor seinen Eltern verheimlichen und tut monatelang jeden Morgen so, als ginge er zum Unterricht. Am Morgen des 26. April 2002 wünscht ihm die Mutter noch viel Glück zur Abiturprüfung, von der er doch schon längst ausgeschlossen ist. Er hat nicht mal den Hauptschulabschluss. Wir werden nie erfahren, wie sich dieser Junge seine Welt zusammenfantasierte.

Zeugen können sich nur an seine Unauffälligkeit erinnern. Er sprach wenig. Der Stumme ballerte am Computer und im Schützenverein. Nur kein Niemand sein! Mit den Gewaltsimulationen konnte er wohl seine Eigenwelt aufrecht halten. Wie die Verbindung zu den anderen, war auch die zu seiner Zukunft gerissen. Nur der Gedanke an diesen einen, letzten Fluchtpunkt trug den aus der Welt Gefallenen über seine letzten Monate: Wenn er sein Spiel abbrechen muss, dann sollen viele mitgehen. Ein letzter Triumph. Er bereitete das Massaker in der Schule exakt vor. Ein Finale wie im Kino soll seinen Suizid umhüllen. Es war kein depressiver Selbstmord, wie er an der Tagesordnung ist und unauffällig bleibt. Robert Steinhäuser inszenierte seinen Suizid als so machtvollen wie rücksichtslosen Schlussakt eines ungelebten Lebens. Energie kannte er nur noch als Hass. Das ist die Ultima Irratio eines Menschen, der sich zu nichts mehr zugehörig fühlt und an gar nichts mehr glaubt. Das ist der gefährlichste Mensch, der Vernichter.

Man fragte sich nach dem 26. April 2002, wie war das möglich? Aber ist uns denn wirklich gar nichts von dem Gift, dem sich dieser Neunzehnjährige überließ, bekannt? Der New Yorker Psychohistoriker Lloyd deMause sagte einmal, einen Hitler könne nur begreifen, wer zumindest einen Funken Hitler schon in sich kennen gelernt habe. Welches Gift wurde in Robert Steinhäuser angereichert? Der Schulschwänzer Robert hat mit niemandem über sich gesprochen und wurde offenbar auch von niemandem angesprochen. Jeder zweite der 500.000 Schulschwänzer in Deutschland übrigens fällt in seiner Schule als solcher nicht auf.

Eine Woche nach den Schüssen veröffentlichen die Eltern und der Bruder von Robert Steinhäuser einen Offenen Brief, in dem sie Trauer und Verzweiflung bekunden. Sie schließen mit dem Satz: “Bis jetzt haben wir noch nicht die Zeit gefunden, um unseren Sohn und Bruder zu trauern, wir denken nur an die Opfer und sind mit unseren Gedanken bei ihren Familien.” Es ist ein Satz, der unfreiwillig Auskunft gibt. Sie haben noch nicht die Zeit gefunden zu trauern. Wahrscheinlich war auch vorher immer anderes vordringlich. Keine Zeit. Da erinnert man sich wieder an den kurzen, starken Augenblick zwischen dem Massaker und dem Suizid, die kurze Unterbrechung des Wahns durch das mutige Wort des Lehrers Rainer Heise.

Auch in Blacksburg gab es einen Menschen wie Lehrer Heise aus Erfurt, Professor Liviu Librescu. „Wir sind seinetwegen am Leben“, sagte eine seiner Studentinnen. Im Seminarraum 204 von Norris Hall hielt er ein Seminar über Festkörperphysik ab, als im Nebenraum Schüsse fielen. Der Professor rief seinen Studenten zu, "schnell, raus!" Er winkte sie zu den Fenstern und ging selbst zur Tür, die er zuhielt, bis er von dem Rasenden erschossen wurde.

Als Kind überlebte Librescu den Holocaust. In Rumänien überstand er den Terror von Ceausescu. Man sagt von ihm, er wollte nie mehr in seinem Leben flüchten, er wollte nie mehr hilflos daneben stehen, wenn Unrecht geschah. Seine Geschichte muss aufgeschrieben werden. Auch sie gehört wie die des Erfurter Lehrers in die Lesebücher. Und vielleicht ist das Weitererzählen der Geschichten von diesen Lehrern ebenso wie der Geschichten der gescheiterten Roberts, Sebastians und Chos das Beste, was man tun kann, um die dünner gewordenen Wände zwischen den exzessiven Fantasien und den destruktiven Handlungen wieder zu verstärken.

Im älteren Sprachgebrauch wurden Menschen selbst als starke oder schwächere Medien angesehen. Mit der modernen Anthropologie lässt sich die Atmosphäre von Lebensräumen, Schulen zumal, als medialer Raum beschreiben, als Zwischenraum, durch den junge Menschen initiiert werden. Das brächte eine interessante Mediendebatte. Die über die Gewaltspiele der Vereinsamten am Computer und die Sucht nach Horrorvideos muss man deswegen ja nicht lassen.

Eine ARD-Sendung in dieser Woche zeigte beängstigend die Sprachschwierigkeiten von Kindern einer Grundschulklasse. Auch viele dieser Kinder wirkten wie aus der Welt gefallen. In einer ganz normalen Eingangsklasse in Baden-Württemberg viele Kinder, die zum Teil kaum sprechen können, gespenstisch. Und zu Hause diese weltlosen Ikea-Wohnungen, alles sauber und leblos, das ist sofort evident, dass dort der Fernseher und der Computer die interessantesten Aggregate sind. Das war für mich das Horrorvideo dieser Woche.

 
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich mache seit Jahren Therapien, weil ich selbstzerstörerische Respektlosigkeit mir gegenüber empfand und zeitweise immer noch emfpinde. Dem entgegen steht meine Gier nach absoluter Größe, jemand zu sein wie kein anderer. Sie lebe ich aus in Form von Kursen. Ich habe ein Informatik-Fernstudium gemacht, danach gleich drei IT-Kurse zur gleichen Zeit. Jetzt mache ich einen Kurs zum Ernährungsberater. Nebenbei schreibe ich ein Buch, in dem genau dieses Thema behandelt wird, will damit große Gedanken äußern, meine Geschichte erzählen und doch Verständnis für die „böse“ Welt zeigen. Außerdem mache ich Musik, teilweise immer noch, um berühmt zu werden, hier z.B. Textausschnitte von mir:

    Leben hinter dem, was keiner vor dir sah,
    Lass es doch sein, gibs her, so blass und sonderbar.
    Nichts zu sein, wie schmeckt denn das,
    ist es lautlos grau oder brüllend schwarz?
    Kann ich's riechen oder sehn, ertragen, fühlen oder stehln?

    Oder aus meiner Schulzeit (könnte auch von Cho oder Robert sein):

    Verschneite Täler lachen heiter,
    Der Atem weiß, von Schnee bedeckt
    Ein Vogel sterbend, Todesreiter,
    Greift nach dem Leben, das verwelkt.

    Der letzte Funke alter Hoffnung,
    Das letzte Glied der Lebensqual,
    Erlischt ganz leise, wagt den Sprung,
    Vom Leben in des Todes Tal.

    So leb ich nun den Tod in Armut,
    Verberge mein Gesicht in Scham,
    Hass, Gewalt, die Nacht in Blut
    Getauchte Welt erstickt im Wahn

    Ich seh’ den Gott,
    Der Satan ist.
    Er bricht das Brot,
    Doch sieht er nicht

    Das erloschene Licht in mir.

    Ich war in meiner Schulzeit wahnsinnig fasziniert von der RAF, weil sie dem verhassten System, von dem auch ich dachte, dass es für alles verantwortlich sei, den Kampf bis zum Äußersten angesagt haben. Ich bewunderte diese „Rebellen“, die für die menschliche Freiheit kämpften und letztendlich auch für mich töteten. Jetzt weiß ich, wie dumm diese Vorstellung war, denn das Auslöschen von Menschen ist immer eine Katastrophe und sinnlos, doch wie viele bewundern Cho oder Robert und wie viele wollen ihren Weg gehen?
    Ich wählte den Weg der Selbsterkenntnis, der mir zeigte, dass mein schlimmster Gegner und der, der mich am respektlosesten behandelt(e), ich war und bin. Es war eine sehr schmerzhafte Erkenntnis, die mich fast verzweifeln ließ. Diesen Weg konnte ich gehen. Nur ein ohnmächtiges Hadern und Schimpfen über eine Gesellschaft oder andere Menschen war meine Gewalt gegen sie. Ich schlug mich selbst, verletzte mich, wie viele andere, denen ich in Selbsthilfegruppen begegnet bin. Sie wurden aus ihren Arbeitsstellen geworfen, aus den Familien verbannt und eingesperrt in Anstalten, sperrten sich selbst ein, oder traten aus dem Leben, doch sie richteten die Gewalt und den Hass fast ausschließlich gegen sich, obwohl unsere Gesellschaft kalt und rücksichtslos ist, nicht nur, aber doch umfassend. Hierzu eine kleine Geschichte. Ich förderte einen Jugendlichen, als er kurz vor dem Scheitern seiner Schullaufbahn stand und es gelang ihm, dies zu verhindern, weil er erkannte, dass er doch wertvoll sei und etwas kann. Ich gab ihm Respekt und nicht den Größenwahn und die Minderwertigkeit. Ich setzte mich mit ihm hin, nicht oft, interessierte mich für seine Welt und suchte nach dem schönen und großartigen darin und es wirkte Wunder. Er schaffte seinen Realschulabschluss und war zwei Notenstufen besser, als im Vorjahr. Ein Kommentar eines engen Verwandten: „Das hast du nur geschafft, weil dir geholfen wurde.“

    So lernte ich das Leben kennen. Mir wurde meine Identität gestohlen und mein Selbstwertgefühl zerstört und ich wurde ebenfalls zum Entwerter, mir und anderer gegenüber, weil ich keinen anderen Weg lernte. Mir zeigte aber niemand, dass meine Welt wertvoll und großartig ist. Dann kam die Therapie und sie sagte zu mir: „Die Welt kannst du nicht verändern, aber dich selbst!“ Ich tat es und jetzt habe ich den Entwerter zu einem großen Teil abgelegt. Es ist jetzt oft ein großartiges Gefühl, mich zu loben und es ist ein noch viel großartigeres Gefühl, andere zu loben, doch wenn ich nicht aufpasse, verfalle ich wieder in den alten Entwertungsritus, den ich alltäglich in der Arbeit und im Privatleben sehe und meiner Meinung nach leben wir in einer Entwertungs- und Forderungskultur, die auf einem hohen kulturellen Niveau grenzenlos entwertet und grenzenlos fordert und so Größenwahn und Minderwertigkeit produziert, fast industriell.

    Letztendlich ist es die Pflicht jedes Einzelnen, Lösungen für seine Probleme zu suchen, so wie auch Cho oder Robert diese Pflicht hatten, sie nicht wahrnahmen und als Produkt der Wertlosigkeit und des Größenwahns Massaker begingen, obwohl sie die Wahl gehabt hätten. Ich trauere mehr um sie, als um die Opfer und dafür schäme ich mich, doch es ist so, leider, denn mit Ihnen verbindet mich so viel. Ich trauere jedoch nicht um sie, weil sie sich selbst töteten oder vielleicht erschossen werden, in der Zukunft. Ich trauere um sie, weil sie diesen Weg wählten. Ich sehe in Ihnen mich, obwohl ich weiß, dass mein Weg ein anderer war und ist. Vielleicht sollten mehr Geschichten von Menschen wie mir erzählt werden, die diese Wertlosigkeit und doch die Gier nach absoluter Größe in sich spüren und den Weg der Selbsterkenntnis und der Verständnis für eine Welt wählen, von der sie denken, dass sie sie ausgestoßen und vernichtet hat indem sie ihnen nur die Wertlosigkeit und die Gier nach absoluter Größe lehrte. Der Artikel hat mich sehr bewegt und auch Nachdenklich gestimmt. Vielen Dank.

    • loup
    • 25.04.2007 um 17:17 Uhr

    Habe ich mich verlesen? 'Ein alter Mann stirbt, 20 junge Menschen leben - ein fairer Tausch.' Nein, amras hat diesen inhumanen Satz wirklich geschrieben und ernst gemeint. Ich fürchte, der Autor hat mit seinem Gerede von'Vorbildern' eine Heldenlogik in Gang gesetzt. Helden haben sich zu opfern, zumal wenn sie nur 'alte Männer' sind, die 'junge Menschen' zu retten haben. So kommt man von 'Vorbildern' zu 'Helden', von 'Helden' zu Menschen unterschiedlicher Wertigkeit. Lehrkörper werden gegen junge Körper ausgespielt.

  2. 3.

    Es ist gut, dass mit diesem Beitrag ein etwas anderer Zungenschlag in die Diskussion kommt. In der Tat müssen wir auf die inneren Wüsten unserer heranwachsenden (insbesondere) Jungen schauen, die sich in ihre Sensibilität und in ihrem Anspruch an das Leben überhaupt nicht ernst genommen fühlen. Und in der Tat erklärt die Mediennutzung oder auch eine psychische Krankheit gar nichts, denn die überwältigende Mehrheit sowohl der Shooter-Spieler als auch der psychisch Kranken ist nicht gewalttätig. Diese School-Shooter sind die extrem-extremste Spitze einer nicht zu kleinen, verzweifelten Gruppe von Schülern oder Studenten, denen es im herrschenden Schulsystem nicht gelingt, ihre Potenziale zu entfalten, die nicht ins Standard-Raster passen, die aber auch die Anpassung in dieser Welt der scheinbar unendlichen Möglichkeiten nicht hinbekommen. Die Taten bleiben unfassbar grausam, aber wir sollten nicht einfach die Folgen übermalen und die Ereignisse als singuläre 'Naturkatastrophen' abtun. Es ist in der Tat zu fragen: Wie kann es inmitten der Menschen zu so einer Verzweiflung kommen? Denn neben diesen Extremfällen gibt es ein ganzes Heer von verzweifelten Jugendlichen, die sich nicht so äußern, die dennoch tragische Figuren sind.

  3. nur zu gut passten die bisher geäußerten pressestimmen in das weltbild der 'neuen unübersichtlichkeit' (habermas), die sich mit simplen erklärungen nur allzu einfach kaschieren und damit erst ertragen läßt. deshalb: danke für den artikel, beizeiten ist auch DIE ZEIT für eine schöne überraschung gut. das unfassbare der heutigen zeit fassbar zu machen, die schwer zu ertragenden leere zielloser zeiten, auch und gerade für uns jungen männer, bleibt eine ungelöste aufgabe, der sich erst wenige zu stellen wagten: wo bleibt die kunst, wo die filme und bücher, wo die gesellschaftliche verarbeitung einer zunehmend repressiver agierenden gesellschaftsform, die dem sukzessive größer werdenden druck ein ventil bieten könnten, die abseits des sinnlosen rumballerns am computer liegt? was bleibt von der forderung nach dem 'einlösen der vergangen hoffnungen'?
    beinahe drängt sich der eindruck auf, selbst träumen sei für uns junge menschen verboten, es sei denn alles bleibt beim sich ständig wandelten alten, das, bei aller veränderung, immer noch das alte bleibt.
    wird der schrei nach hoffnung nicht mehr erhört, bleibt nur die explosion, die beim über alle kanäle auf uns eindringenden leid der welt, als nebensächlichkeit verhallt. mit glück rettet man sich zu einem melancholischen lächeln, oder um mit camille de toledo zu sprechen, der in seinem buch 'good bye tristesse' schrieb, bei einer 'romantik der offenen augen'. 'wo ist der ausgang?', fragt er im letzten absatz seines buches - für manchen bleibt offensichtlich nur der infernalische wahnsinn, um in einem letzten akt die gesellschaft und dann sich selbst zu richten. die unfassbarkeit dieser taten, ist (fast immer) für uns alle ein blick in den spiegel der eigenen unzulänglichkeit, dem man sich nur allzu ungern stellt.

  4. Dieser Artikel ist zwar einerseits gut, da er eine neue Perspektive auf dieses wirklich heikle Thema wirft und eine neue, meiner Meinung nach viel schwergewichtigere Gründe liefert. Andererseits ist er vielleicht etwas zu unscharf formuliert? Vielleicht ist dies aber wiederrum auch gut so.

    Sicherlich laesst sich nicht sagen 'das ist jezt der Grund, der dazu beitraegt, dass eine Person beginnt Amok zu laufen' aber dennoch:

    Es ist nicht nur das Schulsystem an dem manche intelligente Schüler scheitern, sondern auch die Dekadenz die sich ausbildet.

    - Schöne neue Welt! -

    Konsum von Medien und Luxusgütern, Naivität, Desinteresse an jeglichen Zwischenmenschlichen Aktivitäten, Oberflächlichkeit. Sittenverfall?
    Wie wird man unter Jugendlichen angesehen, als jemand, der eben nicht rumlaeuft wie das allgemeine Schönheitsideal, bedeckt von edlen Stoffen, sich mit Playboy-Symbolen zupflastert, keinen Spaß daran hat in Diskotheken zu gehen oder sich, wie der Großteil der Jugendlichen, sich einfach nur sinnlos zu besaufen, um auch den letzten Funken Intelligenz oder vielleicht sogar das Bedürfnis sich gegen den Konsum zu erheben, abtötet?

    Kein Wunder, dass sich hier einige Jugendliche schnell ziellos und entwertet fühlen.

    Was ist man schon in unserer modernen Gesellschaft?

    Da fallen Worte wie Humankapital. Der Mensch, der nicht mehr als Individuum zählt, sondern plötzlich nur noch eine kleine Biene in einem großen Bienenschwarm ist, die jederzeit ersetzbar ist, weil ihre Arbeit auch jemand anderes verrichten kann?

    o tempora, o mores..!

    • cabrow
    • 20.04.2007 um 22:55 Uhr
    6.

    Man ist immernoch Mensch!
    Jeder von uns ist Mensch und genau das ist es doch was in diesem Artikel nun endlich zur Sprache kommt. Der Mensch als Mensch ist Wert an sich. Nicht jeder ist ersetzbar und schon garnicht eine Biene im Schwarm. Der Mensch ist zwar ein Herdentier, aber nicht ein willenloses. Jeder, und damit meine ich wirklich jeder, kann hier (noch) tun und lassen was er für richtig hält. Freilich nur solange er damit keine Anderen gefährdet.
    Also ist doch viel eher ein gesellschaftliches Aufbäumen zu fordern als über den Verfall der Sitten zu wettern und sich zu beklagen, dass alles doch ach so furchtbar für unsere Jugend (ich bin ein Teil von ihr) sei. Bietet den Menschen Ziele und seien sie noch so klein und ihr werdet feststellen, dass die Meisten doch über sich hinauswachsen können.

  5. 7.

    Sie haben einen wichtigen punkt angesprochen. ein jugendlicher Amokläufer schrieb in seinem seinem abschiedsbrief, die schule hätte ihm beigebracht, ein versager zu sein. er war angeblich mehrmals sitzengeblieben.

    wir sind dabei, unsere form von zivilisation über die ganze welt zu verbreiten. einige merkmale gehören dazu: ein starker leistungsdruck und das anheizen von konkurrenz schon unter den kindern, eine säuberung des alltags von kreativität, die anders als seit tausenden von jahren von den meisten menschen nicht mehr selbst als eigene aktivität erlebt, sondern nur mehr von stellvertreterInnen konsumiert wird. insofern war der punkt von den sterilen wohnungen, in der fernseher und computer dominieren, durchaus eine wichtige dazupassende beobachtung. dazu kommt eine extrem hohe akzeptanz von der moralischen berechtigung, sich als einzelperson zu bereichern und armut der anderen, selbst bei familienangehörigen, als etwas normales dazugehöriges zu akzeptieren. für die jugend ist das schwer zu ertragen. zumal diese gesellschaft sich als progressiv und offen verkauft und ständig die beteiligung der jugend einfordert - in den gewünschten bahnen, versteht sich. 'hej, du bist jung, du bist hip, mach mit! ' was heisst: zahle, meist mit geld, mit unerfahrener naivität (mach mit und gewinne ein auto!) dazu aber auch mit körpereinsatz und schönheit und noch ansatzweise vorhandener wenn auch nie geförderter kreativität (Mach mit bei 'deutschland sucht den superstar! wer sich stylt wie paris hilton, darf umsonst rein etc.) so kann ein mensch schon mit fünfundzwanzig ausgebrannt, desillusioniert, ein greis sein, ausgesogen von der kapitalistischen maschinerie, die die wenigen reichen immer reicher, die vielen armen immer ärmer macht. wer kann dem etwas entgegen setzen? zeitungen, die von inseraten leben? wohl kaum, leider. schulen? ja, das könnte eine hoffnung sein, wenn es endlich einmal die dringend notwendige reform geben würde. doch wer ist für seine reform? wer erkennt ihre dringlichkeit, die chance, die in ihr läge? zuwenige.

  6. Irgendwie ist diese Lehrer-Rechnung ja sympathisch-freundlich; aber fürbass traurig:

    Da müssen doch pro Amok-Figur hunderte dran 'gebastelt' haben, dass sie so unfähig waren, ihren Frust und ihren Narzissmus kommunikativ zur Sprache und zur Therapie zu bringen - und je einen Helfer können Sie benennen.

    Das ist eine Bankrott-Rechnung für jedes Schulsystem, ob für eine christlich geführte Realschule in Emsdetten - oder für eine Technische Uni in den USA.

    Und teuer (und blamabel und ineffektiv - und tödlich...) ist so ein Bildungssystem, wenn die 'Rechnung' irgendwie realistisch sei; mörderischer als Krieg (bis jeder Schüler und Student und Lehrer in den USA bewaffnet sind; dass in jede Minute der Massen-Suizid eines Systems ausbricht.).

    Aber, Sie meinen nicht, Herr Kahl, dass das 'fachliche Minus' an der Auswahl der diplomierten und beamteten Lehrer liegt...?
    Und der 'Controller'? Und der Schreiber?

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