Urgestein Todgeweihte grüßen dich
Sagenhelden, Heldensagen: Die große alte Band Colosseum beehrt Dresden. Ein Besuch bei einer monumentalen Jazzrockgruppe
Er ist ein Bild für die Götter. Akkurat rasierte Koteletten, schwarzes Langhaar, fein gescheitelt und gezopft. Schwarzes Jackett, schwarzes Hemd, schwarze spitze Schuhe: ein Bräutigam des Rock'n'Roll von 27 Jahren. Christian heißt er, Pole ist er, kommt aus Warschau und eben aus Bydgoszcz. Dort haben gestern Van der Graaf Generator gespielt. Great sei es gewesen, doch viel Größeres soll folgen. Denn hier, im Dresdner Alten Schlachthof, werden heute Nacht die Götter erscheinen. Ihr Bus lässt auf sich warten. Christian schaut auf die Uhr, strafft sich und drückt das berühmte Doppelalbum an sein Herz. My first Colosseum concert , spricht er feierlich. This is one of the greatest days in my life .
Irgendwann, in knapp siebenhundert Jahren, werden Menschen leben, die nicht wissen, wer Bob Dylan war. Schon heute soll es Sonderlinge geben, die beim Namen Colosseum nur an römische Ruinen denken. Ihnen sei gesagt, daß von 1968 bis 1971 in England eine kolossale Rockband existierte, oder war's ein Jazz-Sextett? In jenen seligen Zeiten, als die Spartengrenzen fielen, umarmten sich Löwe und Lamm. Rocker, Jazzer, Blueser strömten zueinander, wie ihre Musik. Die britischen Jazzrock-Protagonisten hießen Graham Bond, Brian Auger and The Trinity, Soft Machine, If, Isotope Aber niemand machte derartig Furore wie Colosseum, die Band des Schlagzeugers Jon Hiseman, der bei Graham Bond und John Mayall zur Meisterschaft gefunden hatte.
Colosseum glückten drei enorme Studio-Alben. Schon der Titel des Debüts hieß das Publikum mit dem Cäsarengruß willkommen: Those Who Are About To Die Salute You . Es folgte Valentyne Suite . Die plattenseitenlange Komposition bewies klassischen Formsinn und brauste über sämtliche Demarkationslinien von Jazz und Rock. Ab 1970 und Daughter Of Time röhrte der Rhythm'n'Blues-Platzhirsch Chris Farlowe durchs Colosseum. Farlowes markerschütterndes Organ prägte auch das Finalwerk Live , das der polnische Christian gerade ans Herz presst. Welche Elogen hat man diesem Album gesungen. Wie viele Hippie-Parties wurden durch Lost Angeles und Rope Ladder To The Moon ins Nirwana georgelt.
Colosseum waren urig, heiß und überragend virtuos.
Soviel Überschwang, nicht wahr?, lässt sich kaum ewig ertragen. Nach
Live
war Hisemans Superband am Ende. Die großen Visionen verdämmerten, die Zeiten wurden kühler. Jazzrock verklang. Soulfunk, Mainstream und Disco dominierten die Popmusik der siebziger Jahre. Und Punk; wir schweigen. Hiseman gründete erfolglos Colosseum II (mit Gary Moore) und trommelte ehelich in Barbara Thompsons Fusion-Band Paraphernalia; die Gatten musizierten auch im
United Jazz + Rock Ensemble
, an der Seite von
Albert Mangelsdorff
, Wolfgang Dauner, Charlie Mariano
Dick Heckstall-Smith jazzte, Chris Farlowe blueste dies und das. Dave Greenslade gründete Greenslade. Mark Clarke basste für Leslie Wests Cream-Echo Mountain und trug dabei gern ein T-Shirt mit dem Auferstehungsruf
COLOSSEUM LIVES!
Ja, wahrhaftig! 1994, als die Welt am Techno-Abgrund stand, reformierte Hiseman die rettende Band. Und siehe, es ward sehr gut. Ihre Zauber banden wieder, was die Mode streng geteilt. Es strömten Eltern und Kinder. Zwei neue Platten entstanden: 1997
Bread and Circuses
(durchwachsen), 2003
Tomorrow's Blues
(famos). Gerade erschien die Doppel-CD
Live 05
. Alle zwei Jahre gehen die Altvorderen auf Tour.
Zwei Jahre waren um, als wir jüngst im rammelvollen Erfurter Gewerkschaftshaus Colosseums Osternacht-Konzert erlebten. Drei Stunden heulte der Glücksorkan. Nachher saßen die Helden, dem Fanvolk verschwistert, anti-cool am Plattentisch, malten heilige Kringel und posierten für Familienfotos.
Ich glaub, das war's, sagte ein Alt-Freak. Die sehen wir nicht wieder.
Wieso?
Guck sie dir doch an. Die sind fertig.
Kein Wunder, nach
dem
Konzert.
Na, ich hab so'n Gefühl.
- Datum 25.04.2007 - 09:13 Uhr
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Danke Herr Dieckmann, dass Sie Brian Jones als Kunde von Chris Farlowe wieder zum Leben eweckt haben.
BIldgalerie Nr. 6.
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