England ist zu beneiden: Im Wochenrhythmus spuckt die britische Hype-Maschine neue Talente aus. Mal schult sich der Nachwuchs an den Gitarren- oder Soulklängen der sechziger Jahre, mal bringt zeitgenössische Tanzmusik sozialkritische Zwischentöne und neue Stilarten. Von Lady Sovereign bis zu den Kaiser Chiefs , von Amy Winehouse bis zu Maximo Park und den Arctic Monkeys – nicht immer muss man alles ernst nehmen, was sich von London aus anschickt, den Kontinent zu erobern. Die Arctic Monkeys wiederum scheinen eine der wenigen Bands mit längerem Haltbarkeitsdatum zu sein. Vor 15 Monaten erschien ihr erstes Album, es schlug bereits in der Veröffentlichungswoche sämtliche britischen Verkaufsrekorde. Via Internet hatte sich die Band aus Sheffield ins popkulturelle Bewusstsein katapultiert. Ihr Name war von Ohr zu Ohr geraunt worden, tauchte in Weblogs und schließlich bei MySpace auf – noch bevor überhaupt eine Plattenfirma im Spiel war. Die Arctic Monkeys waren eine der ersten Bands der MySpace-Ära, dabei talentierter, als es ihre Erfolgsgeschichte vermuten lässt. Selbst der britische Schatzkanzler Gordon Brown und der einstige Pink-Floyd-Gitarrist David Gilmour schwärmen von den Jungstars, die mit ihrem gerade erschienenen zweiten Album Favourite Worst Nightmare mal wieder in aller Munde sind.

Das englische Fachmagazin für gut abgehangene Rockhistorie, Mojo , bringt die vier Jungstars aufs Titelblatt. Die Webseite des Magazins preist die Band als die spannendste britische Rockband des Jahrzehnts, das Heft sieht sie gar als ebensolche des Jahrhunderts. Auf zwölf Seiten wird Vergangenheit und Gegenwart der jungen Herren behandelt. Der Redakteur Tom Doyle hat die Band mehrere Tage lang auf ihrer England-Tournee begleitet. Er macht vier sympathische Musiker aus, die Bodenhaftung bewahrt hätten. Sein Kollege Pat Gilbert erklärt das zweite Album zu einem Pop-Klassiker. „Die Monkeys triumphieren dort, wo The Strokes , The Stone Roses , The Jam und viele andere gestolpert sind: Sie haben ein außergewöhnliches und überzeugendes zweites Album eingespielt.“ Mehr noch: „Mit Favourite Worst Nightmare bekommen Arctic-Fans nicht nur zwölf brandneue Stücke, für die sie sich begeistern können, es macht auch deutlich, dass Rockmusik im Jahre 2007 noch so spannend sein kann wie vor 50 Jahren, als Elvis Rock’n’Roll No.1 einspielte.“

Auch andernorts, in der taz und in der FAZ , wurde das Album vergangene Woche äußerst wohlwollend besprochen. René Hamann schreibt in der taz , dass die „vier Rotzlöffel“ den „halbgaren Versuchen anderer Britrock-Gruppen um Galaxien voraus“ seien. Eric Pfeil hält in der FAZ zwar das fast zeitgleich erschienene Album von Maximo Park für bedeutender, die Musik auf Favourite Worst Nightmare sei aber trotzdem großartig. „Die Band spielt weiterhin den extrem drückenden funky Soul-Rock, der das Debüt zum qualmenden Party-Aschenbecher machte, spreizt die Flügel aber noch weiter und schreibt bessere Songs. Die ersten vier Stücke sind die pure Party: Vier dürre Hungerhaken klauen hier den harten tätowierten Rock-Asis alles, von dem sie glaubten, es gehörte noch ihnen. Hört sich – jede Wette – auf dem Tanzflur toll an.“

Brett Anderson gehört einer anderen Britpop-Generation an. Mit seiner Band Suede zählte er Anfang der neunziger Jahre zu den Vorboten der großen Welle. Drogen und Exzesse kosteten ihn beinahe das Leben. Mittlerweile musiziert er geläutert als Solokünstler. Im Interview mit der SZ zeigt sich, dass er sich seine pessimistische Sicht auf die Welt und die Liebe bewahrt hat. Love is dead heißt seine aktuelle Single . „Wenn man nur den Text läse, müsste einem dieser Song tatsächlich deprimierend vorkommen. Doch die Musik dazu soll Hoffnung vermitteln. Hätte ich diese Liedzeilen über eine düstere Komposition gesungen, hätte ich auch gleich singen können: Hey, es ist Zeit, sich die Pulsadern aufzuschneiden“, erklärt Anderson. Er habe die Welt als den tristen Ort, der sie nun mal sei, akzeptiert. Wer dies tue, finde zu einer enormen Freiheit des Denkens, erzählt er im SZ -Interview. Ob er sich nach seinem Drogenentzug sicher vor einem Rückfall fühle, wird Anderson gefragt. „Der Entzug hilft einem ja nicht dabei, sein Leben in den Griff zu bekommen. Erst in letzter Zeit habe ich wieder zu einer Art Gleichgewicht gefunden. Nun fragen mich die Leute, ob ich glücklich sei. Darauf habe ich keine Antwort. Erstens: Ich weiß überhaupt nicht, was Glücklichsein ist. Zweitens: Ich will gar nicht glücklich sein. Glücklich zu sein bedeutet für mich, aufgegeben zu haben. Als habe man sich selbst bei lebendigem Leib begraben.“ Bonjour Tristesse!

Mit den Gesetzen von Pop und Kommerz müssen sich die Musiker der chinesischen Rockszene erst noch vertraut machen. Der Dokumentarfilm Beijing Bubbles wirft einen Blick auf die Subkultur in Peking. Joyside , eine der porträtierten Bands, ist momentan auf Deutschlandtournee. Berichte über die Band und den Film finden sich in der ZEIT ebenso wie in taz und FAZ .

Die chinesische Rockmusik gebe es, schreibt Mark Siemons in der FAZ , immerhin schon seit mehr als 20 Jahren. Auf abendländische Verhältnisse übertragen, bedeute dies „eine Epochenspanne wie von Bill Haley bis Roxy Music und danach“. „In China begann die Zeitrechnung in den achtziger Jahren mit Cui Jian und dem Nordwest-Wind , einem rauen Stil, der Hardrock mit den Bauernliedern der Provinz Shaanxi verband.“ Joyside sei innerhalb der Szene heute schon eine der gesetzteren Institutionen, die gerade dabei sei, internationale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Fortsetzung folgt.