Die Regenbogenpresse war wieder einmal schneller: Mit dem AvaStar betreibt der Axel Springer Verlag schon längst eine eigene Zeitung in Second Life. Publikationen der internationalen Kunstkritik dagegen, wie Kunstforum International, Artforum und Springerin, sind noch nicht in die Online-Welt vorgestoßen. Bis vor wenigen Monaten Richard Minsky ins Spiel kam: „Als ich im November vergangenen Jahres Second Life das erste Mal betrat, fand ich eine riesige, lebendige Kunstszene vor. Aber es gab keine Kunstkritik.“ © SLART

Minsky nahm es in die Hand, und seit Dezember gibt er Slart heraus, die erste Kunstzeitschrift in Second Life. Minsky ist selbst Künstler, vor mehr als dreißig Jahren gründete er das New Yorker Center for Bookarts , eine gemeinnützige Einrichtung, die Buchbindekunst unterrichtet und ausstellt. Heute lebt er auf dem Land außerhalb von New York City und entwirft limitierte Editionen kunstvoll gebundener Bücher. „Natürlich suchte ich in Second Life als erstes nach Kunst. Und ich fand sie, nur war ein großer Teil davon Mist. Es wurde dringend jemand gebraucht, der sagt: Das ist gut und das nicht."

Minsky erkannte schnell, woran die Kunstszene in Second Life derzeit am meisten krankt: „Viele Künstler benutzen Second Life nur als Fläche, um für ihre Kunst in der wirklichen Welt zu werben. Sie fotografieren ihre Arbeiten und laden sie hoch, um sie für wirkliches Geld an wirkliche Kunden zu verkaufen.“ Single-prim nennt Minsky diese Art von Kunst abschätzig, weil sie aus einem einzigen virtuellen Bau-Element, einem so genannten Primitive , besteht. Das sei jedoch vollkommen uninteressant, keine Kunst, sondern nur Reproduktion derselben.

Echte Slart – kurz für „Second Life Art“ – sind in Minskys Augen nur jene Werke, die es ohne Second Life gar nicht gäbe. Wie die mathematischen Arbeiten der Künstler Seifert Surface und Bathsheba Dorn . Sie verwenden die Programmiersprache von Second Life, um dreidimensionale, schwebende Skulpturen zu schaffen, die außerhalb des virtuellen Raumes unerreichbar wären. „In Second Life sind Dinge möglich, die gegen die Gesetze der Physik verstoßen. Riesige Objekte, die aussehen, als wären sie aus Stahl, und trotzdem in der Luft schweben. Oder animierte Werke. Ich ermutige Künstler, das auszunutzen“, sagt Minsky. Mehr Bilder von Second Life Kunstwerken© SLART 2007

Interessant seien auch die abstrakten Zeichnungen und Gemälde von Filthy Fluno, dem Avatar und Alter Ego des Künstlers Jeffrey Lipsky . Die Kunst von Fluno alias Lipsky sei zwar genau genommen single prim art, aber immerhin eine von der spannenden Sorte. „Lipsky beobachtet Personen und Ereignisse in Second Life, malt sie dann in der wirklichen Welt, digitalisiert diese Bilder und bringt sie zurück in die virtuelle Welt, um sie auszustellen und zu verkaufen. Er ist eine Brücke zwischen den Welten und das macht seine Arbeit aufregend.“ Wo wurde diese Kunst geschaffen? Wurde sie von Lipsky oder von Fluno geschaffen? Minsky glaubt, sie wurde von beiden und in beiden Welten entwickelt.

Über Dorn, Fluno und andere Second Life Künstler berichtet Minsky auf der Webseite von Slart. Unterstützt wird er dabei von einem kleinen Stab freier Autoren. „Das sind Leute, die einfach zu mir kamen, weil sie von Slart gehört haben. Wer sie im echten Leben sind, weiß ich nicht und es interessiert mich auch gar nicht. Viele Second-Life-Bewohner ziehen es vor, anonym zu bleiben.“ In regelmäßigen Abständen berichten sie auf der Webseite über neue Galerien und Künstler oder kritisieren neue Werke. Der Kunstbegriff ist dabei weit gefasst, ein Artikel zum neuen Genre Hyperformalismus findet sich dort ebenso wie eine Bildergalerie der fantasievollsten Künstler-Avatare. „In Second Life ist jeder Charakter ein Kunstwerk“, begründet Minsky die Themenauswahl.