Umida Niazowa ist 32 Jahre alt, hat einen zweijährigen Sohn und lebt in Taschkent. Sie ist, was riskant ist in dieser Gegend, mit Leidenschaft Journalistin. Sie arbeitet obendrein, noch schlimmer, als Dolmetscherin und Aktivistin für die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW), die in Taschkent ein Büro unterhält.

Dieses Büro ist den usbekischen Behörden ein Dorn im Auge. Sie wollen es schließen, zögern aber noch. Weniger zögerlich ist der zentralasiatische Polizeistaat im Umgang mit den eigenen Bürgern. Umida Niazowa ist seit Ende Dezember in Haft. Sie wird der für diese Regime üblichen Mischung von Delikten beschuldigt: Schmuggel, illegaler Grenzübertritt, staatsfeindliche Propaganda. Dafür kann sie in Usbekistan mit Gefängnis bis zu zehn Jahren bestraft werden. Die Höchststrafen sind in der postsowjetischen "Rechtskultur" der Normalfall.

Amnesty international (a.i.) hat Umida Niazowa bereits Anfang Februar dieses Jahres als politische Gefangene bzw. prisoner of conscience eingestuft und Niazowas sofortige bedingungslose Freilassung gefordert. Die demokratische Öffentlichkeit rief a.i. zugleich auf, sich des Falls in der a.i.-üblichen Weise anzunehmen: mit (höflich formulierten) Briefen an den Staatspräsidenten Islam Karimow , den Innenminister Bakhodir Matliubow (Fax: +998 71 133 89 34) und den Chefankläger Rashidzhon Kodirow . Darin solle man
1. Besorgnis über Umida Niazowas Schicksal äußern und Garantien dafür verlangen, dass sie nicht gefoltert wird,
2. die sofortige Freilassung verlangen, da Niazowa ja auch keine Gewalttaten vorgeworfen würden, und
3. die usbekischen Verantwortlichen an die internationalen Menschenrechtsvereinbarungen erinnern.

Der Prozess gegen Umida Niazowa sollte am vergangenen Donnerstag in Taschkent eröffnet werden. Nach Informationen aus Taschkent waren zahlreiche ausländische Beobachter, darunter auch westliche Diplomaten, zum Gerichtstermin erschienen. Doch siehe da: Das Verfahren war plötzlich auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Was war passiert?

Die Vermutung liegt nahe, dass die usbekische Regierung die internationale Aufmerksamkeit zum jetzigen Zeitpunkt so klein wie möglich halten möchte. Nicht, dass sie sich um die Meinung der Weltöffentlichkeit - genauer: des Westens - besonders kümmert. Seit Abu Ghraib, Guantánamo, den CIA- Entführungen und den Fällen des Out-Sourcens von schwierigen Verhören in Folterstaaten sind die autoritären Helfer im Krisenbogen von Afghanistan bis zum Mittleren Osten ohnehin nicht mehr sonderlich um ihre eigene pseudo-rechtsstaatliche Fassade bemüht. Besonders in Staaten wie Turkmenistan, Usbekistan oder Kasachstan sind die Skrupel seit dem 11. September und der anschließenden Eskalation des "Kriegs gegen den Terror" weiter gesunken. Diese vordemokratischen Polizeistaaten wissen, dass sie in der Auseinandersetzung mit dem islamistischen Terrorismus zum Bündnispartner des Westens geworden sind (wie seinerzeit die Militärregierungen Südamerikas im Kampf Washingtons gegen den Kommunismus im "Hinterhof Amerikas"). Und sie verfügen über Rohstoffe, die sie vor allem aus Sicht Europas zu wichtigen strategischen Partnern machen.

Deshalb wollen die EU-Außenminister in diesen Tagen auf Initiative der deutschen Präsidentschaft auch erstmals über eine neue gemeinsame Strategie der Zusammenarbeit mit Zentralasien beraten. Regierungen wie der in Taschkent, die zurzeit noch mit EU-Sanktionen belegt sind, kommt das sehr gelegen. Da kann man zur Klimaverbesserung einen unverbindlichen Beitrag leisten und einen Prozessbeginn verschieben. Die Europäer freuen sich auch über kleine Gesten, vor allem, wenn es um große Fragen geht wie Stabilität und Rohstoffsicherung. Da sollen die Menschenrechte nicht im Weg stehen. Motto: Jegliches hat seine Zeit. Realpolitik pur, immer im Interesse der Stabilität: eine Sichtweise, die den Staatskanzleien auch im Menschenrechtskontinent Europa keineswegs fremd ist. Dass die EU, voran die Bundesrepublik, im Ringen um die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtsgerichtshofs um die Jahrhundertwende noch großen Ärger mit den USA in Kauf genommen hatte, gerät in Vergessenheit. Jetzt gilt es, Ärger mit Zentralasien zu vermeiden.