Amoklauf
Ein allzu bekanntes Argument
Die Professoren Wilhelm Heitmeyer und Elisabeth Bronfen behaupten, Amerikas "Kultur der Gewalt" habe den Massenmord von Virginia gezeugt. Wirklich?

Es gibt professionelle Sinnsucher, die vor der Sinnlosigkeit der Gewalt verstummen. Eugene Robinson, Kolumnist der Washington Post , kehrte mit einem Appell zur Zurückhaltung von der Stätte des Mordes in Blacksbury heim: "Versucht nicht, die furchtbaren Morde an der Technischen Universität von Virginia zu erklären, jedenfalls jetzt noch nicht. Versucht nicht, die Beteiligten zu Archetypen zu machen - der pistolenschwenkende Einzelgänger, die tapferen jungen Helden, die verdatterte Hochschulleitung. Passt sie nicht ein in das allzu bekannte Narrativ. Lasst uns keine Lehren ziehen über Waffengesetze oder Entfremdung oder die Finanzierung psychiatrischer Anstalten. Noch nicht."
Mit wachsender Entfernung vom Tatort nehmen offenbar Zutrauen und Möglichkeit zu, die Dinge besser zu verstehen. Professor Wilhelm Heitmeyer, der das Geschehen in Virginia von der Universität Bielefeld aus betrachtet, konnte am selben Tag (auf ZEIT online ) schon den wahren Hintergrund der Bluttat erklären: "Die Kultur der Gewalt in Amerika." Es verhält sich nämlich so: "Gewalt und Einsatz von Waffen sind dort selbstverständlich." Die Gewalt sei in Amerika sogar "Teil der Vorstellung des Individuums", wie Professor Elisabeth Bronfen, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Zürich (im Tagesspiegel ) hinzufügt . Gottlob sind die Europäer über derlei Atavismus hinaus. Nach Professor Bronfen haben sie "ein anderes Verständnis von Selbstbestimmung, die Todesstrafe ist hier abgeschafft, wir leben dichter aufeinander". Mit historischem Tiefenblick analysiert Professor Bronfen, Europäer seien "auf eine gewisse Art domestizierter, gezüchtigter." Auf den Einwand, ob es nicht ein wenig simpel sei, Todesstrafe, Außenpoltik und Amokläufer in eins zu rühren, wehrt sich Professor Bronfen mit den Worten: "Nein, ist es nicht." Besonders rätselhaft am Gemütszustand der Amerikaner ist nach den Worten von Professor Heitmeyer, dass sie "über solche Ereignisse immer wieder zur Tagesordnung übergehen."
Mit gesellschaftlichen Pathologien ist es eben so eine Sache. Verflixt kompliziert, sie zu entschlüsseln und ihnen zu Leibe zu rücken. Wer kann schon genau sagen, warum diese Cowboy-Amerikaner immer noch mit dem Colt rumrennen müssen, wenn sie doch den Waffenbesitz einfach verbieten oder stark einzuschränken könnten - wie im zivilisierten Europa. Wenn sich so eine "Kultur der Gewalt" erst mal verfestigt, scheint man sie nicht einfach per Ukas abschaffen zu können. Wie wollte man etwa einem Amerikaner Europas höchsteigene "Kultur der Gewalt" erklären? Die Hooligans in den Stadien zum Beispiel, mit ihren Aggressionen und ihren Prügeleien mitten in dieser "domestizierten, gezüchtigten" Gesellschaft? Wie die Toleranz für Neo-Authoritarismus, gerade im "domestizierten, gezüchtigten" Europa? Wie die Toten des Rassismus, die sterben mussten, nur weil sie "anders" aussahen?
Gottlob muss man sich mit all den kulturellen Erklärungen über das Wesen Amerikas nicht mehr herumschlagen, seitdem klar ist, dass es sich um einen psychisch schwer gestörten Täter handelte. Einen, der schon in stationärer Behandlung war. Einen vom "Typus Massenmörder", wie die Psychiaterin Hellen Morrison meint. Schade für Professor Heitmeyer, der schon vor Identifizierung des Täters wusste, dass "Amerikas Kultur der Gewalt" den Kern des Problems bildete. Immerhin hatten die Professoren Heitmeyer und Bronfen eine Chance von 50 Prozent, dass ihr Tipp (Amerika ist schuld!) richtig sein würde. Denn nach einer Auswertung von 102 Fällen von Massenmord zwischen 1949 und 1999 hat sich herausgestellt, dass die Hälfte der Schützen psychisch gestört ist.
- Datum 19.4.2007 - 04:24 Uhr
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Unsereins trauert noch und Sie schieben die Schuld schon den Europäern in die Schuhe????, weil die die friedliebenden und nur in Ausnahmefällen gestörten Amerikaner nicht verstehen????
Ich bestehe gegen diesen völlig unpassenden Artikel auf meiner Deutungshoheit.
Nicht weil ich Ihnen arrogant daherkommen möchte, sondern weil es in den USA eventuell zwei, drei Menschen gibt, die hoffen, dass Amerika geholfen werden kann.
Und für die drei stehe ich gegen Sie auf!
Sie gestatten?
.. ist dieser Artikel, ohne in typische Denkschienen zu verfallen. Gerade Herren wie Heitmeyer bedienen gerne und stets genau das, was man von Ihnen hören möchte und was sich medial gut verkaufen lässt. Meinen Glückwunsch, das kritisch zu hinterfragen macht serlösen Journalismus aus.
Inhaltlich sehe ich nicht alles so: Die 'Psyche der Gesellschaft 'ist jenseits des großen Teichs sicher nicht kränker als bei uns. Aber der ZU LEICHTE Erwerb von Waffen ist ein Problem, welches es pathologischen Naturen nun mal eher erlaubt ihre kranken Phantasien auszuleben. Wenn ich Hass- und Gewaltphantasien in meinem Kopf habe und im Kaufhaus jeden Tag an Waffen vorbeilaufe wie wir an Käsetheken, so ist der Schritt zur Tat einfach schneller bewerkstelligt. Da geht dann jemand der mit den Angaben mogelt eben schneller in der Masse unter als bei uns im Schützenverein.
Dieser Artikel ist m.Erachtens unseriös.
Zu zwei, das zeigen schon deine ganz schlichten Argumente.
Der Autor wird den Opfern sicherlich nicht gerechter als jene Professoren, wenn er sie so zerreißt, oder?
Ich stimme uff zu - es geht darum in den Staaten strukturell etwas zu verändern (wie Tom030 schreibt, man kommt dort zu leicht an Waffen, ich hab das selbst einmal probiert) - über die Methode lässt sich streiten.
Gibt es in anderen Ländern etwa keine psychisch gestörten Personen? Warum finden die Massaker bevorzugt in den USA statt? Vor den 'shool shooter' gabs in den 90ern den 'company shooter' der seine ehemaligen Kollegen und Chefs in der Firma liquidiert hat. In den 80ern und 70ern den Vietnam-Veteranen der mit seinem Sturmgewehr bevorzugt ein Mc Donalds oder einen Burger King leergeschossen hat. Alles MADE IN USA. Dass sich durch die globalen Medien auch Nachahmungstäter auf anderen Kontinenten animiert fühlen, wen wundert es. Ganz zu schweigen vom Hollywood Export amerikanischer Gewaltfantasien. Suchen Sie doch mal einen fünfzehnjährigen, der noch nicht Michael Bay's Chainsaw Massacre oder James Wan's Saw gesehen hat (natürlich den Directors Cut!)
ich wage es mal vorauszusagen, was die Zukunft bringt: es wird sich in den USA nichts ändern, was Waffengesetze angeht. Der Typ war ein Psycho, das ist alles. Ausser den Opfern(die leider tot sind) und den Freunden und Verwadten(die wirklich trauern), geht es allen ganz gut. Der Mehrheit geht es also gut. Man trauert medienwirksam, trifft sich zum Weinen und zum Kerzenaufstellen, kann diese komischen Ribbons basteln, wartet gespannt darauf was noch über den Psyhco herauskommt und kann endlich den Präsidenten wieder mögen, weil man mit ihm in diesem traurigen Moment gemeinsam trauern kann. Hier ist man sich ausnahmnsweise mal einig, man fühlt zusammen, man kann auch sagen, man fühlt endlich wieder etwas.
Was sich ändern wird, ist eine Zunahme von Paranoia. In den Schulen und Unis wird man aufmerksamen sein und die sogenannten Nerds beobachten. Zieht sich einer zurück und hat keine Lust mit den anderen zu kommunizieren, wird er gleich denunziert, ihm wird eine psychologische Behandlung aufgezwungen und muss damit rechnen, noch mehr aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.
Interessanter Artikel, aber dass es schwierig sein soll eine Waffe zu bekommen, weil man dazu luegen muss ist schon ein ziemlich alberner Einwand.
Ich mag nicht aus dem Dunkel sprechen. In so einem, wie ich finde, äußerst problematischen Fall stehe ich zu meinem Namen, der mir ansonsten so ziemlich egal ist.
Eure Dorothee Sehrt-Irrek, Berlin
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