Lateinamerika

Deinen purpurnen Mund

© Guty Cárdenas, abgedruckt in: Jaime Rico Salazar, 'Cien años de boleros'

Gebrochene Herzen, Sex und Melancholie: Nie klang Liebesleid ergreifender als in den mexikanischen Boleros der zwanziger bis fünfziger Jahre. Jetzt gibt es sie auf CD. Schmachtende Melodien und verruchte Lyrik: Der mexikanische Bolero war fast ein halbes Jahrhundert lang die erfolgreichste Musik Lateinamerikas – nicht zu verwechseln mit dem spanischen Tanz gleichen Namens. Seine Wurzeln werden in kubanischen Gitarrenduetten vermutet, in denen sich um 1880 die und neu vermischten. Am 19. August 1927 trat Guty Cárdenas im vornehmen Teatro Lírico von Mexico City zum Sängerwettstreit an. Der Schönling aus der Oberschicht hatte seine bisherigen kitschigen Kunstliedchen satt und überraschte das Publikum mit , einer düsteren Ballade voll fatalistischen Trübsinns.
Leser-Kommentare
    • Colon
    • 31.05.2007 um 15:37 Uhr

    Gratulation Frau Pinky Rose. Gratulation ZEIT-Online und Musikredaktion.

    So wünschte ich mir ZEIT-Online-Auftritte immer. Mit gut geschriebenen kurzen Texten und einer guten Recherche, die eindrucksvoll dokumentiert ist. - Jeder der nun angebissen hat, findet leicht die Quellen und Musikvorschläge.
    Prima, die wenigen, aber gut ausgewählten Musikbeispiele.
    Hervorragend, die dezente und trotzdem ausdrucksstarke Grafik, mit Covern, Werbung, Fotos. - Einige der erwähnten Musikmedien und der Bücher kommen auf meine Wunschliste.
    Aber, selbst wenn ich alles nur im Vorbeigehen und nebenher aufgeschnappt hätte, die Liebe, Kenntnis der Sache und der formale Anspruch bleiben sicher jedem, der diese ZEIT-Online Bildgalerie anklickt, nachvollziehbar.

    Weiter so! Sie, Frau Pinky Rose, macht das ja schon länger so.

  1. 2. Bolero

    Frage: Kann ein Mitteleuropäer diese Musik „verstehen“ oder besser gesagt sich von diese Musik angesprochen fühlen? Ich bin Lateinamerikanerin und die „Rationalität“ der Mitteleuropäer überrascht und fasziniert mich gleichzeitig. Die Emotionalität der Lateinamerikaner verblüfft und verwirrt mich. Kann jemand diesbezüglich mir etwas sagen? Danke

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    • Colon
    • 01.06.2007 um 1:12 Uhr

    Werte "Mensch 11",

    Ich fand nun Ihre (Selbst-)Beschreibung bedenkenswert.
    Denn als Lateinamerikanerin kennen Sie sicher viele der Tanzformen und Musikwellen Ihres Kontinents besser.

    Aber, knapp geantwortet, für mich sind es zwei eher gefühlte, als gewusste oder verstandene Eigenschaften, die diese mexikanische Form des Bolero auch heute noch so anziehend machen.

    1. Die musikalischen Wurzeln liegen auch in der europäischen Musikvergangenheit, vor allem der Südeuropas.
    Sie können das an der Stimmführung der Hauptsänger, einigen bevorzugten Instrumenten und der Verknüpfung mit dem formalen, aber schon nicht mehr ganz streng gebundenen Tanz erkennen.

    Die Boleros sind im strengen Sinne keine Volksmusik Mexikos.

    2. Sehnsüchte und Träume, so stark auf unerfüllte Beziehungen und scheiternde Liebe bezogen, wurden vor der erwähnten Zeit, d.h. vor den Wellen lateinamerikanische Musik und der Swing Nachfolger aus dem Norden, in Europa in der Musik der Zigeuner, der spanischen Folklore, den böhmisch- ungarischen Musiktraditionen oder mit bestimmten Tanzmusiken Italiens in Verbindung gebracht.

    Das Wort "ver-stehen" drückt aus, man kann mit der Deutung daneben liegen und trotzdem etwas davon haben. "Ich verstehe" bedeutet häufig also nur, die mir verfügbaren Kenntnisse, Gefühle reichen mir, ich nicke, schüttele nicht den Kopf, rufe nicht "purer Unsinn", wende mich nicht ab.

    Vor einigen Jahren waren wir hier in Europa vom Altherren "son" der Kubaner völlig gebannt und schmolzen bei I. Ferrers Interpretation von "dos gardenias para ti" dahin.

    Grüße

    Vielen Dank für Ihre Antwort!
    Es freut mich dass Sie meine „(Selbst-)Beschreibung bedenkenswert“ finden, das bringt mich auch gleich zum nachdenken wie diese Sprache (Deutsch) so reichlich sein kann, und wie Menschen die Deutsch sprechen auch so genau und eben Rational sein können. Schönes Wort: bedenkenswert. Ihre Antwort hat meine Frage Teilweise geantwortet. Die Frage ist entstanden weil die üblichen Kommentare die ich über Bolero (und andere Lateinamerikanische Musikrichtungen) hier in Deutsprachigem Raum gehört habe umhüllt von Adjektiven wie Kitsch, Naiv, etc. waren, und ich fragte mich: ja Kitsch und naiv weil Emotionen dort weniger eingeschränkt werden? Grüße.

    • Colon
    • 01.06.2007 um 1:12 Uhr

    Werte "Mensch 11",

    Ich fand nun Ihre (Selbst-)Beschreibung bedenkenswert.
    Denn als Lateinamerikanerin kennen Sie sicher viele der Tanzformen und Musikwellen Ihres Kontinents besser.

    Aber, knapp geantwortet, für mich sind es zwei eher gefühlte, als gewusste oder verstandene Eigenschaften, die diese mexikanische Form des Bolero auch heute noch so anziehend machen.

    1. Die musikalischen Wurzeln liegen auch in der europäischen Musikvergangenheit, vor allem der Südeuropas.
    Sie können das an der Stimmführung der Hauptsänger, einigen bevorzugten Instrumenten und der Verknüpfung mit dem formalen, aber schon nicht mehr ganz streng gebundenen Tanz erkennen.

    Die Boleros sind im strengen Sinne keine Volksmusik Mexikos.

    2. Sehnsüchte und Träume, so stark auf unerfüllte Beziehungen und scheiternde Liebe bezogen, wurden vor der erwähnten Zeit, d.h. vor den Wellen lateinamerikanische Musik und der Swing Nachfolger aus dem Norden, in Europa in der Musik der Zigeuner, der spanischen Folklore, den böhmisch- ungarischen Musiktraditionen oder mit bestimmten Tanzmusiken Italiens in Verbindung gebracht.

    Das Wort "ver-stehen" drückt aus, man kann mit der Deutung daneben liegen und trotzdem etwas davon haben. "Ich verstehe" bedeutet häufig also nur, die mir verfügbaren Kenntnisse, Gefühle reichen mir, ich nicke, schüttele nicht den Kopf, rufe nicht "purer Unsinn", wende mich nicht ab.

    Vor einigen Jahren waren wir hier in Europa vom Altherren "son" der Kubaner völlig gebannt und schmolzen bei I. Ferrers Interpretation von "dos gardenias para ti" dahin.

    Grüße

    Vielen Dank für Ihre Antwort!
    Es freut mich dass Sie meine „(Selbst-)Beschreibung bedenkenswert“ finden, das bringt mich auch gleich zum nachdenken wie diese Sprache (Deutsch) so reichlich sein kann, und wie Menschen die Deutsch sprechen auch so genau und eben Rational sein können. Schönes Wort: bedenkenswert. Ihre Antwort hat meine Frage Teilweise geantwortet. Die Frage ist entstanden weil die üblichen Kommentare die ich über Bolero (und andere Lateinamerikanische Musikrichtungen) hier in Deutsprachigem Raum gehört habe umhüllt von Adjektiven wie Kitsch, Naiv, etc. waren, und ich fragte mich: ja Kitsch und naiv weil Emotionen dort weniger eingeschränkt werden? Grüße.

    • Colon
    • 01.06.2007 um 1:12 Uhr

    Werte "Mensch 11",

    Ich fand nun Ihre (Selbst-)Beschreibung bedenkenswert.
    Denn als Lateinamerikanerin kennen Sie sicher viele der Tanzformen und Musikwellen Ihres Kontinents besser.

    Aber, knapp geantwortet, für mich sind es zwei eher gefühlte, als gewusste oder verstandene Eigenschaften, die diese mexikanische Form des Bolero auch heute noch so anziehend machen.

    1. Die musikalischen Wurzeln liegen auch in der europäischen Musikvergangenheit, vor allem der Südeuropas.
    Sie können das an der Stimmführung der Hauptsänger, einigen bevorzugten Instrumenten und der Verknüpfung mit dem formalen, aber schon nicht mehr ganz streng gebundenen Tanz erkennen.

    Die Boleros sind im strengen Sinne keine Volksmusik Mexikos.

    2. Sehnsüchte und Träume, so stark auf unerfüllte Beziehungen und scheiternde Liebe bezogen, wurden vor der erwähnten Zeit, d.h. vor den Wellen lateinamerikanische Musik und der Swing Nachfolger aus dem Norden, in Europa in der Musik der Zigeuner, der spanischen Folklore, den böhmisch- ungarischen Musiktraditionen oder mit bestimmten Tanzmusiken Italiens in Verbindung gebracht.

    Das Wort "ver-stehen" drückt aus, man kann mit der Deutung daneben liegen und trotzdem etwas davon haben. "Ich verstehe" bedeutet häufig also nur, die mir verfügbaren Kenntnisse, Gefühle reichen mir, ich nicke, schüttele nicht den Kopf, rufe nicht "purer Unsinn", wende mich nicht ab.

    Vor einigen Jahren waren wir hier in Europa vom Altherren "son" der Kubaner völlig gebannt und schmolzen bei I. Ferrers Interpretation von "dos gardenias para ti" dahin.

    Grüße

    Antwort auf "Bolero"
  2. 4. Danke

    Vielen Dank für Ihre Antwort!
    Es freut mich dass Sie meine „(Selbst-)Beschreibung bedenkenswert“ finden, das bringt mich auch gleich zum nachdenken wie diese Sprache (Deutsch) so reichlich sein kann, und wie Menschen die Deutsch sprechen auch so genau und eben Rational sein können. Schönes Wort: bedenkenswert. Ihre Antwort hat meine Frage Teilweise geantwortet. Die Frage ist entstanden weil die üblichen Kommentare die ich über Bolero (und andere Lateinamerikanische Musikrichtungen) hier in Deutsprachigem Raum gehört habe umhüllt von Adjektiven wie Kitsch, Naiv, etc. waren, und ich fragte mich: ja Kitsch und naiv weil Emotionen dort weniger eingeschränkt werden? Grüße.

    Antwort auf "Bolero"
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    • Colon
    • 05.06.2007 um 3:20 Uhr

    Liebe Frau "Mensch11",

    Wenn Sie dieser Hang zur tanztbaren Emotion und trotzdem reichen Musik interessiert, dann empfehle ich Ihnen noch eine aktuelle Band mit einer tollen Sängerin.
    "Pink Martini" bedienen sich aus dem Fundus aller Länder.
    Sie stellten gerade ihr neues Album "Hello Eugene" vor.
    Wenn Sie überprüfen wollen, ob diese Musik Ihnen zusagt, gehen Sie auf die Web-Seiten des amerikanischen öffentlichen Radios und hören Sie bei NPR unter der Musikspalte "Pink Martini". - Ich könnte davon besoffen werden. Wenn man nicht viel Geld hat CDs oder Platten zu kaufen, oder z.B. einfach keine Zeit, irgendwo in Läden zu suchen, kann ich Ihnen diese Seiten wärmstens empfehlen. Es gibt für jeden Musikgeschmack hunderte Hörbeispiele. Sie klingen zwar manchmal nicht so satt, wie aus einem CD-Spieler, aber, für den ersten Eindrück und zum Surfen durch die Welt der Musik reicht es.

    Grüße

    • Colon
    • 05.06.2007 um 3:20 Uhr

    Liebe Frau "Mensch11",

    Wenn Sie dieser Hang zur tanztbaren Emotion und trotzdem reichen Musik interessiert, dann empfehle ich Ihnen noch eine aktuelle Band mit einer tollen Sängerin.
    "Pink Martini" bedienen sich aus dem Fundus aller Länder.
    Sie stellten gerade ihr neues Album "Hello Eugene" vor.
    Wenn Sie überprüfen wollen, ob diese Musik Ihnen zusagt, gehen Sie auf die Web-Seiten des amerikanischen öffentlichen Radios und hören Sie bei NPR unter der Musikspalte "Pink Martini". - Ich könnte davon besoffen werden. Wenn man nicht viel Geld hat CDs oder Platten zu kaufen, oder z.B. einfach keine Zeit, irgendwo in Läden zu suchen, kann ich Ihnen diese Seiten wärmstens empfehlen. Es gibt für jeden Musikgeschmack hunderte Hörbeispiele. Sie klingen zwar manchmal nicht so satt, wie aus einem CD-Spieler, aber, für den ersten Eindrück und zum Surfen durch die Welt der Musik reicht es.

    Grüße

    • Colon
    • 05.06.2007 um 3:20 Uhr

    Liebe Frau "Mensch11",

    Wenn Sie dieser Hang zur tanztbaren Emotion und trotzdem reichen Musik interessiert, dann empfehle ich Ihnen noch eine aktuelle Band mit einer tollen Sängerin.
    "Pink Martini" bedienen sich aus dem Fundus aller Länder.
    Sie stellten gerade ihr neues Album "Hello Eugene" vor.
    Wenn Sie überprüfen wollen, ob diese Musik Ihnen zusagt, gehen Sie auf die Web-Seiten des amerikanischen öffentlichen Radios und hören Sie bei NPR unter der Musikspalte "Pink Martini". - Ich könnte davon besoffen werden. Wenn man nicht viel Geld hat CDs oder Platten zu kaufen, oder z.B. einfach keine Zeit, irgendwo in Läden zu suchen, kann ich Ihnen diese Seiten wärmstens empfehlen. Es gibt für jeden Musikgeschmack hunderte Hörbeispiele. Sie klingen zwar manchmal nicht so satt, wie aus einem CD-Spieler, aber, für den ersten Eindrück und zum Surfen durch die Welt der Musik reicht es.

    Grüße

    Antwort auf "Danke"
  3. Mit dieser romantischen Musik aus Mittel- und Südamerika ist es ähnlich wie mit der Italienischen Oper. In Zeiten starker Repressionen, z.B. sexueller Art, werden Gefühle, Emotionen auf die entsprechende Musik transportiert. Dort erlauben wir uns indirekt, was die Gesellschaft oder Konvention uns direkt nicht erlaubt. Ich habe regelmäßig Menschen - von denen man dies nicht unbedingt erwartet hätte - bei derartiger Musik weinen sehen. Wenn man es wagt, sich diesen Gefühlen zumindest zeitweise hinzugeben, erspart man sich oft den Psychiater und hat mächtig Spaß ...

  4. Immerhin lag 1920 die Einwohnerzahl bei rd. 900000 und 1930 deutlich über 1 Million. Ganz nebenbei: Schon das vormalige Tenotichtlan zur Zeit der spanischen Eroberung war eine der größten Städte der Welt.

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