Das Fest soll wie in Portugal gefeiert werden. Offiziell gibt Polen aus, dass man von dem Ausrichter der Europameisterschaft 2004 viel lernen will. Aber es sieht eher danach aus, als habe Premierminister Jaroslaw Kaczynski vor allem den Gastgebern der vergangenen Weltmeisterschaft genau auf die Finger geschaut: Der märchenhafte Erfolg des WM-Organisationschefs Franz Beckenbauer zumindest ist Kaczynski nicht verborgen geblieben.

Wahrscheinlich kann er sich noch gut daran erinnern, wie der "Cesarz", der deutsche Kaiser, auf seiner diplomatischen Mission durch sämtliche Teilnehmerländer der WM 2006 auch in Warschau Station machte. Damals schaffte es Beckenbauer für einen Tag die heimische politische Klasse von den Titelblättern zu fegen. Nun also hat Jaroslaw Kaczynski sich zum Chef des Organisationskomitees der Euro 2012 in Polen ernannt. Ein paar Tage zuvor ließ er verlauten, dass er es "nicht ausschließen" wolle, diesen Job selbst zu übernehmen. Ein Satz, der anderen Bewerbern jegliche Chancen nahm. Denn Kaczynski ist ein Autokrat, der keinen Zweifel an seiner Autorität duldet.

Teil des Komitees ist auch Kaczynskis rechtskonservativer Parteifreund, Sportminister Tomasz Lipiec. Damit ist quasi der polnische Fußballverband PZPN entmachtet und aus dem Fußballfest längst eine politische Kampagne geworden. Vielleicht ist das auch nicht schlecht, birgt die Euro 2012 auch die Chance, dass sich das politisch zweigeteilte Land auf einen gesellschaftlichen Konsens einigt: Da sind einerseits die ländlichen EU-Verlierer und national gesinnten Polen, das Elektorat der rechtskonservativen Regierung. Andererseits die urbanen Eliten und die Jugend, die mehrheitlich die liberale Opposition unterstützt. Die wiederum herrscht in den Rathäusern der meisten Großstädte, also dort, wo die Euro 2012 ihre Spielstätten haben wird.

Schon jetzt wird gestritten, ob die beiden Lager es schaffen werden, gemeinsam an einem Strang zu ziehen. Der liberale Danziger Oberbürgermeister, Pawel Adamowicz, weist die Kritik polnischer Medien zurück: "Es ist nicht wahr, dass ich mit Kaczynski über Kreuz liege". Zuvor wurde dem Stadtoberhaupt vorgeworfen, kein geeigneter Kooperationspartner für das Regierungsprojekt Euro 2012 zu sein. Die ohnehin schon patriotische Presse liest sich zu diesem Thema, als würde sie im Regierungsauftrag schreiben.

Tut sie aber nicht. "Patriotismus steht noch vor Journalismus", sagte dazu in diesen Tagen ein führender polnischer Politikredakteur. Was bleibt, ist die Hoffnung darauf, dass die Politik in Polen sich aus eigenen Stücken von den schmutzigen Kämpfen zwischen Konservativen und Liberalen abwendet. "Ich habe die tief sitzende Hoffnung, dass diese Uefa-Entscheidung unsere Politik zum Besseren verändert", sagte etwa der Nachrichtenmoderator Tomasz Lis, der so etwas wie ein polnischer Ulrich Wickert ist, über den angekündigten Fußballfrieden von Polen. Und so hat sich Pawel Adamowicz zum Zeichen seines Patriotismus einen rot-weißen Fanschal umgelegt. Vom Fußball weiß er zumindest soviel, dass man mit dem Massenphänomen hervorragend Politik machen kann. Noch dazu in einer Touristenstadt, die über Billigflieger nach Frankfurt und Dortmund an den bevölkerungsreichen Nachbarn angebunden ist.

Spätestens in fünf Jahren sollen auch diejenigen Deutschen, die es bislang versäumt haben, Polen entdecken. Allein in Danzig sollen 26 neue Hotels gebaut werden. Landesweit ist die Rede von 21.000 zusätzlichen Fremdenbetten. Und so will Adamowicz nun den Neubau der "Baltic Arena" (Kosten: 150 Millionen Euro samt umliegende Verkehrsanbindung) in seiner Stadt vorantreiben. Finanzierung? "Wir denken an eine private-public-partnership aus Stadt, Regierung und privaten Investoren - ohne die geht es nicht".