Können die meisten Studenten kein Deutsch? Dieses Urteil legt eine Untersuchung an bayrischen Hochschulen nahe. Getestet wurden 1000 Studienanfänger im Fach Germanistik. Die Sprachwissenschaftlerin Mechthild Habermann von der Universität Erlangen-Nürnberg, die die Studie durchgeführt hat, kommt zu einem gruseligen Ergebnis : „Das schulgrammatische Grundlagenwissen entspricht dem Stand von Fünft- und Sechstklässlern.“ 77 Prozent können „käme“ nicht als Form des Konjunktivs Imperfekt identifizieren. 88 Prozent bestimmen „manche“ nicht als Pronomen und 87 Prozent „dort“ nicht als Adverb.

Die bayrischen Hochschulen verlangen nun vom Kultusministerium in München mehr Grammatikunterricht in den Schulen. Von dort wird der Ball in gewohnter Manier zurück geschmettert: Wer bildet denn die offenbar versagenden Deutschlehrer aus? Aber vielleicht sind diese Schuldzuweisungen überflüssig. Kommt es denn wirklich auf die schulmäßige Beherrschung grammatischer Klassifikationen an? Reicht nicht korrektes Sprechen und Schreiben? Und worin unterscheidet sich beides?

Die Berliner Grundschulleiterin Karin Babbe gibt den Anstoß, über die bayrische Katastrophenmeldung und die nahe liegenden Lösungen noch mal nachzudenken. Ihre Schule liegt im Berliner Wedding. 85 Prozent der Schüler kommen aus Migrantenfamilien. Eine Schule, wie man so sagt, im Brennpunkt. Es ist die für viel Fantasie und gute Leistungen berühmte Erika-Mann-Grundschule . Sie ist eigenwillig und wird durch nichts verwöhnt. Theater ist das Hauptfach an dieser Schule. Dabei lernen die Kinder auf eine Weise Deutsch, wie es kein Unterricht mit zusätzlichen Grammatiklektionen fertig brächte. Sie lernen es schreiend und flüsternd, eingebettet in Bewegungen. Sie tauchen in die Sprache ein. In den Fluren wehen Tücher von den Decken. Kunst steht auf den Fenstersimsen. Denn Theater, Kunst und auch die Wissenschaften, meint die Schulleiterin, seien universelle Sprachen, zumal für Kinder. Man müsse in der Welt zu Hause sein, um sprechen zu lernen.

Schulleiterin Karin Babbe ist froh, dass ihre Schule bei Vergleichsarbeiten 25 bis 30 Prozent über dem Berliner Mittel liegt, obwohl der Erwartungswert der „Brennpunktschule“ weit unter diesem Meridian rangiert. Ein Erfolgsgeheimnis der Schule ist, neben dem Theater und der Kunst, dass die Lehrer den Eigensinn ihrer Schüler achten. Das äußert sich zum Beispiel darin, wie sie sich von den Kindern immer wieder überraschen lassen. So kam kürzlich ein Schüler der 6. Klasse (in Berlin geht die Grundschule sechs Jahre) mit großer Sorge zu ihr. Zwar habe er im Zeugnis eine Empfehlung für das Gymnasium stehen, aber er wolle wohl doch lieber zur Realschule. „Warum denn das?“, fragte die Schulleiterin. „Na, ich kann schon völlig grammatikfrei Sätze sprechen, aber schriftlich mache ich noch viele Fehler.“

Karin Babbe ist begeistert von dieser Fehlleistung: „Grammatikfrei sprechen - ist das nicht eine wunderbare Erfindung?“ Der Schüler habe erkannt, worum es geht, das heißt noch nicht ganz, denn etwas mehr Gelassenheit bei den schriftlichen Fehlern wäre ihr lieber. „Kommt noch“, fügt sie hinzu.

Man kann annehmen, dass die meisten der in Bayern getesteten Studienanfänger in diesem Sinne „völlig grammatikfreie Sätze“ sprechen können, wenn sie auch beim Test den Eindruck machen, sie seien in der Schule grammatikfrei aufgewachsen. Der kleine Unterschied zwischen dem grammatischen System, das man implizit beherrscht, und einer Grammatik, deren Regeln man explizit benennen kann, verweist auf verschiedene Arten von Wissen. Auf der einen Seite ein deklaratives Wissen über etwas, auf der anderen Seite ein prozedurales Wissen, wie etwas geht.