Vom traurigen Los fernsehgemachter Quasi-Berühmtheiten aus der Sendung Deutschland sucht den Superstar haben wir an dieser Stelle schon berichtet. Schnell vergessen waren sie alle – die Daniel Küblböcks, Alexander Klaws und Tobias Regners dieser Welt. Zum Superstar fehlte ihnen das Entscheidende: Talent. Ob Mark Medlock , der Superstar der aktuellen Saison, mehr als eine von RTL herzerweichend aufbereitete Biografie vorweisen kann? Am vergangenen Samstag ist er mit 78 Prozent der Publikumsstimmen zum Nachfolger von Klaws und Regner gewählt worden. Sein Lied Now Or Never schmetterte er zu einem gewohnt konturenlosen Arrangement seines Jurors Dieter Bohlen . Jetzt dräut ein ganzes Album der beiden. Zumindest das Cover habe er schon vor Augen, verriet Medlock der Frankfurter Allgemeinen Zeitung : "Ein Flügel soll dort zu sehen sein und außerdem de Mark und de Dieter in roten Anzügen ." © ZEIT online Grafik

Dieter Bohlen schwärmt in der Frankfurter Rundschau von Marks "geiler Stimme". "Was ich abgesehen davon toll finde, ist, dass er sich absolut nicht dem Mainstream anpasst, dass er beim Casting gleich gesagt hat: Hey, ich bin schwul. Vor so viel Mut habe ich Respekt."

Überdies plaudert Bohlen über seine einstige Band Modern Talking , Russland ("die Russen fahren auf die Brutalkommerzialisierung ganz ernsthaft ab"), Popmusik und seinen Erfolg in den Charts. Wichtig sei es, nicht plötzlich große Kunst machen zu wollen, "sondern die reine Kommerzialität im Auge zu behalten, die Erfolgsbasis minimal zu variieren, ohne sich zu wiederholen". Diese "Brutalkommerzialisierung" sei ein Ritt auf der Rasierklinge. "Bist du einen Tick zu doof, will's keiner hören. Bist du einen Tick zu raffiniert, will's erst recht keiner hören." Frage des Interviewers: Können Sie sich erklären, warum Sie diesen Ritt offenbar beherrschen? Antwort: "Ich habe meistens die richtigen Entscheidungen getroffen. Ich hätte bei Cheri Lady als Titelzeile ja auch singen können: I break your heart, I break your heart... Das wäre aber nie ein Hit geworden. Was viele nicht begreifen wollen, ist, dass du eine Einheit von Melodie und Text brauchst. Das ist immer die Kunst. Ganz ehrlich: Ich habe allein für die Zeile Brother Louie, Louie, Louie drei Wochen lang Unmengen Schweiß vergossen, vor allem, um noch einen Reim darauf zu finden, der metrisch passt und Sinn ergibt."

Jan Delay ist noch nicht so berühmt wie Bohlen. Die "Brutalkommerzialisierung" hat Jan Eißfeldt – wie der Musiker mit bürgerlichem Namen heißt – noch nicht im Griff. Er möchte nicht, dass alle seine Lieder singen. Statt Massenware, schwebt ihm Eigenständiges vor. Im Interview in der taz sagt er merkwürdige Dinge: über die RAF und den G-8-Gipfel, über Kapitalismus und linke Wohnprojekte. Andreas Baader habe "gute Klamotten getragen" und "Ensslin/Benzin" reime sich nun mal gut. "Für mich war immer klar, dass ich später Geld haben will." Andererseits sei "Kapitalismus an sich (...) trotzdem Scheiße. Aber ich habe keinen Bock, mich als Fruganer allein in die Berge zurückzuziehen und meine Lebensmittel selbst anzubauen." Er mache heute das, was ihm seine Mutter seit 25 Jahren sage: "Das hört sich blöd an, aber dazu gehört wirklich: diese Scheiß Stand-by-Geräte ausmachen oder alle Heizungen, wenn ich gehe; ich hab mir noch nie ein Auto gekauft. Ich weiß, das kommt ein bisschen spät – aber besser als nie. Ob cool oder nicht cool: Jeder muss zum Bono werden. Auch wenn man dabei Nikes trägt, wie ich es tue."

Nicht Nikes, sondern Lederhosen trägt der kanadische Sänger Rufus Wainwright . Momentan residiert er in Berlin, "um barocke Gebäude" anzusehen. Im Berliner Nachtclub Cookies konnten Nachtschwärmer unlängst einem DJ-Set des Kanadiers lauschen. Auf den Plattenteller kamen weder Pop noch Elektronika, sondern "Wagner, Schnittke und Strauss". Michael Pilz berichtet in der Welt über die klassische Passion des Rufus Wainwright. Unter dem Titel Yellow Lounge habe dieser für die Deutsche Grammophon seine liebsten Klassik-Stücke kompiliert. Die Idee dahinter sei es, den klassischen Kanon "dorthin zu tragen, wo Musik noch konsumiert und nicht nur streng genossen wird": in den Club. "Es gab Berliner Montagsnächte mit DJ Canisius und mit Auftritten von Anne Sofie von Otter und Hélène Grimaud. Es gab drei gelbe Best-Of-Alben für daheim. Nun liefert Rufus Wainwright sein, wie man im Pop sagt: DJ-Set." Ob in diesem Jahr eine Klassikwelle in die Clubs schwappt?

Mitte der neunziger Jahre waren Travis gut im Popgeschäft. Ihr Lied Why Does It Always Rain On Me? führte die Ballade in den Britpop ein – lange vor Coldplay. In letzter Zeit gab es von der schottischen Band nicht mehr viel zu hören. Nun ist ihr neues Album The Boy With No Name erschienen. "Die Band wollte die Auszeit nutzen, um durch rechtschaffene Arbeit auf normales Menschenmaß zurück zu schrumpfen", heißt es in der Welt . Das Ergebnis seien "einfach nur nette Lieder". Das Album verzichte auf den "prätentiösen Jammer missverstandener jüngerer Briten. Es beinhaltet elf beiläufige Glückslieder, in denen Healey sein bislang gelungenes Privatleben besingt, die Augen seines Kindes, seinen Lieblingssessel und die Nähe seiner Freunde. Nette Menschen haben nette Lieder."