Heute präsentiert der Klimarat der Vereinten Nationen IPCC den dritten Teil seines Klimaberichtes. Darin verschärft der IPCC seine Warnung vor einer Erderwärmung. Der Report besagt, dass die Erwärmung unumkehrbare Prozesse mit katastrophalen Auswirkungen in Gang setzen könnte, sofern der Ausstoß von Treibhausgasen nicht bis 2020 gesenkt werde. Das Klima drohe zu kippen, warnen UN-Forscher.

Der IPCC stellt in dem Bericht Maßnahmen vor, mit denen die Erwärmung rechtzeitig aufgehalten werden soll. Die Vorschläge wurden in den letzten Wochen vielfach öffentlich diskutiert: Beispielsweise sollen Abgase kostenpflichtig, erneuerbare Energiequellen genutzt und fossile Brennstoffe verbannt werden. Doch Klimaforscher debattieren, ob die Warnung des UN-Klimarates überhaupt stimmt: Steht das Klima tatsächlich vor einem Wendepunkt? Oder wird es sich – mit weniger dramatischen Folgen – ohne plötzliche Umschwünge stetig erwärmen?

Tatsächlich verfügt das Klima über sogenannte Kipp-Punkte (im Fachjargon: Tipping Points) – wie ein Sandhaufen, der mit jedem zusätzlichen Sandkorn steiler wird: Ist schließlich der Kipp-Punkt erreicht, kann ein einzelnes Sandkorn eine Lawine auslösen. Im Klimasystem kann zum Beispiel das Schmelzen von Eis einen vergleichbaren Effekt haben: Die Eiskappen der Pole werfen wie Spiegel Sonnenlicht ins All zurück. Je mehr Eis schmilzt, desto mehr Sonnenstrahlung wärmt die Erde – und umso mehr Eis schmilzt. Eine Spirale, die sich vermutlich rasant beschleunigen kann und kaum zu stoppen ist.

Möglicherweise sei der Kipp-Punkt des arktischen Meereises bereits überschritten, meint Roger Lindsay von der University of Washington. Diese Woche gaben Experten bekannt, dass die sommerliche Eisfläche am Nordpol seit 1953 pro Jahrzehnt um knapp acht Prozent zurückgegangen ist – deutlich stärker als bislang angenommen ( Geophysical Research Letters , Band 34, L09501, 1007).

Allerdings war das arktische Meereis in den 1930er Jahren ähnlich stark geschrumpft wie heute – doch es erholte sich wieder. Und selbst wenn der Kipp-Punkt überschritten wäre, hätte ein vollständiges Verschwinden des arktischen Eises im Hochsommer wohl kaum globale Auswirkungen, meinen die Experten – die Region sei schlicht zu klein.

Seit der Eiszeit blieb das Weltklima recht stabil. Doch während der Eiszeit kippte es regelmäßig. Alle 1470 Jahre erwärmte es sich plötzlich um acht Grad. Ausgelöst wurden die Hitzschocks vermutlich von rhythmischen Schwankungen der Sonnenaktivität, die Eis zum Tauen brachten. Das Schmelzwasser löste dann anscheinend eine klimatische Kettenreaktion aus. Nach der Eiszeit verpuffte der Effekt des Sonnenzyklus, denn die Gletscher waren stark geschrumpft.

Doch bei fortschreitender Erwärmung drohte das Klima erneut zu kippen, meint der Glaziologe Richard Alley von der Pennsylvania State University. Mehrere Kipp-Punkte seien möglich: Beispielsweise könnte der grönländische Eispanzer rapide abtauen; sein Schmelzwasser würde die Ozeane weltweit um fünf Meter heben – was gleichwohl Jahrhunderte dauern dürfte. "Sobald ein großräumiger Zerfall der Grönland-Gletscher eingesetzt hat, ist er nicht mehr zu stoppen", meint der Klimaforscher James Hansen von der Nasa.

Schmelzwasser aus Grönland könnte auch den nördlichen Ausläufer des Golfstroms in Gefahr bringen. Die Meeresströmung im Atlantik, die warmes Wasser nach Norden schwemmt, ist der wohl bekannteste Kipp-Punkt des Klimas. Sein Zusammenbruch ließe Europa vermutlich deutlich abkühlen. Während der Eiszeit stockte die Meeresströmung mehrfach, weil gewaltige Mengen Schmelzwasser sich wie ein Deckel auf den Atlantik legten. Ein Zusammenbruch in diesem Jahrhundert ist allerdings kaum möglich, wie aktuelle Berechnungen zeigen.

James Hansen sieht allerdings das Schelfeis der Westantarktis in Gefahr: Der steigende Meeresspiegel könnte es anheben und abstürzen lassen. Damit fehlte dem Inlandeis der Halt, es würde schneller in den Ozean fließen und den Meeresspiegel stark anheben, warnt Hansen. Die Eisdecke könne sich "atemberaubend rasch auflösen".

Auch andernorts könnte ein Kippen des Klimas bevorstehen, meint Alley. Die mancherorts erwartete zunehmende sommerliche Trockenheit drohte sich selbst zu verstärken: Bleibt der Regen aus, verwelken die Pflanzen. Regenwasser kann dann nicht mehr von den Pflanzen gespeichert werden, es versiegt stattdessen. Folglich verdunstet weniger Wasser, und es fällt noch weniger Regen. Auf diese Weise könne in den kommenden Jahrzehnten etwa der Amazonas-Regenwald verdorren, denken manche Wissenschaftler.

Doch die Klimaforscher sind im Dilemma: Sie meinen, diverse Kipp-Punkte erkannt zu haben, können sie aber nicht berechnen. Denn Prozesse, die binnen kurzer Zeit aus dem Gleichgewicht geraten, können Computermodelle schlecht prognostizieren. Das veranschaulicht der Vergleich mit einem Kanu: Es ist zwar vorhersehbar, dass das Boot immer stärker in Schräglage gerät, wenn sich die Insassen auf eine Seite lehnen. Der Zeitpunkt des Kenterns lässt sich hingegen nicht berechnen.

"Wo liegt die Grenze, ab der es kein Zurück mehr gibt und eine gefährliche Störung des Klimasystems unvermeidlich ist?", fragt Nasa-Forscher James Hansen besorgt. Die Klimamodelle werden es ihm nicht sagen. Sie seien schlicht nicht geeignet, Kipp-Punkte zu simulieren, resümiert Roger Pielke Senior von der University of Colorado.

Dennoch genießen die Klimaprognosen, die der UN-Klimarat IPCC nun in seinen Berichten präsentiert hat, einen guten Ruf. Das liege womöglich auch an der Präsentation der Daten, meint Alley: Politiker seien es nun mal gewohnt, Grafiken mit geraden Linien zu sehen, bemängelt Alley. Eine unrealistische Darstellung, meint der Klimatologe, denn das Klima könne Sprünge machen.

Die Gefahr, dass das Klima plötzlich in einen neuen Zustand springe, sei größer als angenommen, warnt Richard Alley. Denn vermutlich gebe es viel mehr Kipp-Punkte, als bekannt seien. Pielke bezeichnet die Warnung abschätzig als "die einzig politisch korrekte". Wo sind die Belege dafür, dass das Klima demnächst kippen könnte, fragt er.

Möglicherweise bremsen Kipp-Prozesse aber sogar die Erwärmung. Beispielsweise könnten sich künftig verstärkt Wolken bilden, die wie ein Schleier das Sonnenlicht reflektieren und die Erde kühlen. Solche sogenannten "negativen Rückkopplungen" seien indes nicht so interessant wie jene, die eine Erwärmung beschleunigten, erklärt der Klimaforscher Gavin Schmidt von der Nasa. Sind die Kühlvorgänge deshalb womöglich schlechter erforscht?

Die heute von der Uno vorgeschlagenen Maßnahmen zum Klimaschutz hält Richard Alley jedenfalls für ungenügend. Es müssten Vorkehrungen getroffen werden, um einen plötzlichen Klimawandel bewältigen zu können: "Kommunen könnten schon jetzt Bäume pflanzen, die während einer plötzlichen Dürreperiode den Boden festhalten", erklärt Alley. Zudem schlägt er vor, rechtzeitig Wasservorräte anzulegen.

Womöglich können Kipp-Punkte aber auch helfen, die Katastrophe abzuwenden – in der Wirtschaft: Der heute von der Uno geforderte Preis für Treibhausgase werde Firmen wohl dazu bringen, vermehrt erneuerbare Energien zu nutzen, meinen die UN-Experten. Steige der Preis über eine bestimmte Marke, sei der Trend zur umweltfreundlichen Technologie unumkehrbar, selbst wenn der Preis für Treibhausgase wieder falle, haben Ökonomen herausgefunden – ein Kipp-Punkt im Sinne des Klimaschutzes.

Zum Thema
Weltretten und Geldsparen - Machen Sie unserem Stromcheck! Lassen Sie sich Ihren Verbrauch berechnen, und wo Sie wie viel sparen können"

Der geschönte Kollaps - Der zweite Teil des UN-Klimareports zur Erderwärmung ist veröffentlicht. Was drinsteht, ist allerdings nicht mehr das, was drinstehen sollte"

Der Klimabasar - Der Bericht des UN-Klimarats IPPC soll der Politik unabhängigen Rat liefern. Dabei haben die Politiker entscheidende Passagen selbst verhandelt"

Heiße Erde - Der Schwerpunkt zur Klimaforschung"

Was kostet die Erderwärmung?Hintergründe zu den wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels"