Man kann das Richtige auch auf falsche Weise machen. Keine Frage: Es ist nur vernünftig und entspricht überdies langer Übung, wenn der Bundespräsident oder - in den anderen Fällen - der jeweils zuständige Ministerpräsident vor einer Entscheidung über ein Begnadigungsgesuch den Antragsteller, also den Verurteilten in einem persönlichen Gespräch kennen lernt und sich in der unmittelbaren Begegnung einen näheren Eindruck verschafft. Es ist also nichts dagegen einzuwenden, dass Bundespräsident Horst Köhler den Gnadenantragsteller Christian Klar getroffen hat, im Gegenteil.

Ziemlich deplaciert allerdings ist es, dass diese Begegnung nicht in äußerster Diskretion stattfand, dass die Diskretion auch nicht durch besondere Vorkehrungen absolut gesichert, sondern auch noch vom Bundespräsidialamt geradezu amtlich verlautbart wurde. Schlimmer noch, dass das Amt vorab einen Termin für eine Entscheidung nennt und damit die Spekulationen neuerlich anheizt und allen Kritikern einer potentiellen Begnadigung noch ein weiteres Motiv gibt, den Bundespräsidenten unter Druck zu setzen.

Gnadenakte sind eine Sache (zunächst) allein des Bundespräsidenten. So sollte er in aller Abgeschiedenheit über eine eventuelle Begnadigung entscheiden, die Gegenzeichnung durch die Bundesjustizministerin herbeiführen - und dann kurz und bündig seinem Votum Wirkung verschaffen. Doch erst sagen, dass die Entscheidung noch geraume Zeit auf sich warten lassen werde, dann das Gespräch mit Klar zu indiskretionieren und schließlich die bereits in Aussicht gestellten Gespräche mit den Hinterbliebenen der Mordopfer weiterhin in der Schwebe zu lassen - das ist jedenfalls im Verfahrensgang wirklich alles andere als souverän.

Dies gilt, auch wenn die Entscheidung in der Sache keine wirklich souveräne Entscheidung des Bundespräsidenten ist. So wird Horst Köhler, von seinem Amt offenbar nicht optimal begleitet, weiterhin nachhaltiger Kritik ausgesetzt, wie immer er in der Sache schließlich auch votieren wird.

Denn natürlich wissen wir inzwischen nur, wann Köhler entscheiden will, im Lauf der kommenden Woche nämlich. Aber wer unmittelbar nach dem Gespräch mit Klar schon einen frühen Termin in die Welt pustet, beraubt sich aller Möglichkeiten, die Gesprächseindrücke vertieft zu verarbeiten und zu hinterfragen. Er kann also auf diese ohnedies fragwürdige Weise nur dann handeln, wenn er seine Entscheidung längst getroffen hat - wahrscheinlich eher in Richtung auf den Gnadenerweis. Sollte Köhler jedoch den Antrag ablehnen, muss er sich erst recht fragen lassen: Weshalb dann dieser öffentliche Schaulauf?

In der Gnadensache ist vieles schief gelaufen - auch von jenen Politikern, die auf Köhler öffentlich eingeredet haben, was das Zeug hielt. Auch von Angehörigen der Mordopfer wie von Michael Buback kamen merkwürdige Einlassungen. Es war schon befremdlich zu hören, dass Buback jr. nun für eine Begnadigung Klars sei, weil er gehört habe, dass Klar seinen Vater nicht eigenhändig erschossen habe. Als ob dadurch alle anderen Morde an Bedeutung verlören! Es war doch aber so, dass Klar gar nicht als Schütze im Mordfall Buback verurteilt worden war, sondern "nur" als Fahrer des Fluchtfahrzeugs - welchen Sinn also sollte die Intervention von Michael Buback hergeben? Vom Medienrummel um die späte Selbstdarstellung der "RAF-Kreise" einmal ganz abgesehen.

Aber in der Schlussphase des Gnadenprozesses um Christian Klar trägt nun auch das Bundespräsidalamt selber dazu bei, dass sich Köhlers Entscheidung - so oder so - in einem Gestrüpp von Unbeholfenheiten und Ärgernissen verfangen wird und dauerhaft davon überschattet bleibt.

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