Die scharfen Worte von Papst Benedikt XVI. zum Thema Abtreibung haben seinen ersten Besuchstag in Brasilien deutlich überschattet. Kurz vor einem Treffen des Papstes mit Staatspräsident Luiz Inácio Lula da Silva am Donnerstag in São Paulo äußerte sich Gesundheitsminister José Temporão empört. "Man darf nicht einer ganzen Gesellschaft Dogmen und Gebote einer bestimmten Religion aufzwingen wollen. Das ist unangebracht", sagte Temporão. Vielmehr sollte man in Sachen Abtreibung in erster Linie hören, was Frauen zu sagen hätten. "Wenn Männer schwanger würden, hätten sie eine andere Meinung zu dem Thema." Das katholische Kirchenoberhaupt Papst Benedikt XVI. bei seinem Besuch im Fußballstadion von São Paulo

Die allgemeine Stimmung auf die Papst-Äußerungen fing die größte brasilianische Zeitung O Globo ein. Sie titelte am Donnerstag: "Papst unterstützt Exkommunikation der Pro-Abtreibungs-Politiker." Benedikt hatte auf dem Flug nach Brasilien vor Journalisten zur Liberalisierung des Abtreibungsrechts in Mexiko-Stadt und Brasilien Stellung genommen. Dabei äußerte er sich zustimmend zu Drohungen von Kirchenmännern, Politiker, die ein Gesetz zur Abtreibungsliberalisierung im Gemeinderat von Mexiko-Stadt beschlossen hatten, zu exkommunizieren oder von der Kommunion auszuschließen.

Offenbar um eine Ausweitung des Streits zu vermeiden, wurden Pläne zur Liberalisierung des Abtreibungsgesetzes in Brasilien beim Gespräch des Papstes mit Lula am Donnerstag ausgeklammert. "Diese Frage wurde mit keinem Wort erwähnt", sagte ein Regierungssprecher. Derzeit ist in Brasilien ein Schwangerschaftsabbruch nur erlaubt, wenn die Frau vergewaltigt wurde oder ihr Leben in Gefahr ist. Schätzungen zufolge gibt es aber über eine Million illegaler Abtreibungen pro Jahr.

Am Donnerstagabend stand mit einer Begegnung des Papstes mit der Jugend im Fußballstadion von São Paulo ein erster Höhepunkt der Papstreise in das größte katholische Land der Erde auf dem Programm. In seiner Rede forderte der deutsche Papst eindringlich Keuschheit und eheliche Treue von den jungen Leuten.

Mit Blick auf die hohe Kriminalitätsrate in lateinamerikanischen Metropolen mahnte der Papst die Jugendlichen, sich nicht "von Hass und Gewalt hinreißen zu lassen" und den Versuchungen der Korruption zu widerstehen. Auch auf den Umweltschutz ging er ein. "Die Zerstörung der Umwelt im Amazonasgebiet" und die damit verbundene Bedrohung für die Naturvölker in dem Gebiet verlange ein verstärktes Engagement.

Ohne diese Abwendung von der Kirche ausdrücklich beim Namen zu nennen, rief Benedikt die Katholiken in Lateinamerika zu "neuem Schwung und missionarischem Eifer" auf. Notwendig sei eine Erneuerung der christlichen Identität auf dem Kontinent. Offizieller Anlass der ersten Überseereise des Papstes ist die Eröffnung der Sitzung der Lateinamerikanischen Bischofskonferenz am Wochenende im Wallfahrtsort Aparecida, bei der der Zulauf für protestantische "Freikirchen" und Sekten ein Hauptthema ist. In Brasilien sind laut Umfragen nicht einmal mehr zwei Drittel der knapp 190 Millionen Einwohner katholisch.

An der ersten Messe, die zwei Stunden dauerte und während der es mehrere Showeinlagen und Auftritte jugendlicher Musikgruppen, nahmen 35.000 Jugendliche teil. Am Freitag werden bei einer Messe unter freiem Himmel mehr als eine
Million Gläubige erwartet.