Papst "Die Kirche hat's nicht eilig"

Appelle an die Moral und Predigten zur politischen Enthaltsamkeit: Die Rede von Benedikt XVI. zur Eröffnung der lateinamerikanischen Bischofskonferenz verfehlt ihr Ziel.

Ein wenig ist es der brasilianischen Kirche mit Benedikt XVI. ergangen wie den dortigen Fans mit dem deutschen Fußball. Zwar trat der Papst bei seinem ersten Besuch in Lateinamerika schon gleich am vergangenen Donnerstag in Sao Paulos Stadion Pacaembu an. Doch am Ende kam das Ergebnis seiner Reise einem wenig attraktiven Arbeitssieg gleich.

Der Pontifex demonstrierte eine disziplinierte, bisweilen rigorose Verteidigung des amtskirchlichen Strafraums. Doch um die Herzen im Sturm zu erobern, fehlten Inspiration, Emotion und Wagnis. Appelle an die Moral und Predigten zur politischen Enthaltsamkeit – für Lateinamerika in seinem Elend und unter dem Druck der Sekten ist das zu wenig. Zur Heiligen Messe im Marienwallfahrtsort Aparecida am vierten und letzten Tag der Reise kamen denn auch statt der erwarteten Million Menschen kaum mehr als 150.000 Gläubige.

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Damit bestätigten die Pilger, was der Papst am Sonntagabend zur Eröffnung der V. Generalversammlung der Celam sagte. Vor den Bischöfen Lateinamerikas und der Karibik, die fast die Hälfte der gesamten katholischen Kirche repräsentieren, urteilte er über die Lage des Subkontinents: „Die katholische Identität seiner Bevölkerung steht auf dem Spiel.“ Offen räumte Benedikt ein: „Es stimmt schon, dass im Ganzen der Gesellschaft eine Schwächung des christlichen Lebens und der Teilnahme am Leben der katholischen Kirche festzustellen ist; das liegt am Säkularismus, am Hedonismus, an der Beliebigkeit und auch am Proselytismus durch zahlreiche Sekten.“

Die Versäumnisse der römischen Kurie bei der Priesterausbildung und Unterstützung der katholischen Laien in Lateinamerika erwähnte er in dieser Aufzählung nicht. Besorgt um die dortige Kirche ist der Papst vor allem „angesichts autoritärer Regierungen und Ideologien, die sich überlegen dünken“, jedoch mit der Soziallehre der katholischen Kirche nichts zu tun hätten. Die aus dem Elend des Subkontinents hervorgegangene Befreiungstheologie – der sich Joseph Ratzinger als Präfekt der Glaubenskongregation zwei Jahrzehnte lang entgegengestellt hatte – sprach er dabei nicht ausdrücklich an.

Der vorrangigen Option für die Armen, die Südamerikas Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt hatte, stellte Benedikt die Priorität des Glaubens an Christus gegenüber. Der Papst fragte, ob diese Priorität eine Flucht in die Nische sei, „ein Verschließen der Augen vor der dringenden Realität der großen wirtschaftlichen, sozialen und politischen Lateinamerikas und der ganzen Welt?“ Aber es gehe, so Benedikt, eben nicht um die materiellen Güter alleine: „Genau hier liegt der große Irrtum der vorherrschenden Tendenzen des letzten Jahrhunderts. Ein destruktiver Irrtum, wie die Ergebnisse sowohl des marxistischen als auch des kapitalistischen Systems zeigen. Sie falsifizieren das Konzept von Wirklichkeit, indem sie die grundlegende und darum entscheidende Realität amputieren. Nämlich Gott.“

Auch an anderer Stelle kritisierte der Pontifex die beiden Systeme des 20. Jahrhunderts – hierin den Sozialenzykliken Johannes Pauls II. nach 1989 folgend – in einem Atemzug: „Kapitalismus wie Marxismus gaben vor, die Straße für die Schaffung gerechter Strukturen zu kennen, und beteuerten, dass diese, wenn sie denn erst einmal geschaffen wären, von selbst funktionieren würden. Sie beteuerten, dass man dazu eine dem allen vorausgehende individuelle Moral nicht brauche, sondern dass sie die gemeinsame Moral voranbringen würden. Und dieses ideologische Versprechen hat sich als falsch erwiesen.“ Die Fakten zeigten ein „trauriges Erbe“ an wirtschaftlicher, ökologischer und geistiger Zerstörung, eine Schädigung der Menschenwürde durch Drogen, Alkohol und täuschende Glücksversprechen.

Leser-Kommentare
  1. Solange Benedict XVI, bekannt auch als der fürchterliche Kardinal Ratzinger, von seinen gutbetuchten erzkonservativen 'Freunden' in den Verbindungen, Benedict ist Korporierter der Verbindungen KV und CV, sowie von den Mitgliedern und Politikern in der CSU beklascht und hofiert wird, solange wird er auch in Lateinamerika nicht akzeptiert werden und keinen Erfolg im Sinne seiner Zielsetzung haben. Die frommen deutschen Kirchenmänner Drevermann, Willigis Jäger und andere Kirchenmänner sind Opfer und Zeugen zugleich - einige engagierte lateinamerikanische Kirchenmänner kommen dazu. Benedict wird nicht als Benedict vor seinen 'Schöpfer' treten, er bleibt der Kardinal Ratzinger. Gott sei ihm gnädig.

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    • Anonym
    • 15.05.2007 um 9:30 Uhr

    vom Wolf und den sieben Geislein wird erzählt, daß selbiger Kreide gefressen hat. Könnte es sein, daß das auch heute noch möglich ist, daß ein anderer Name an der inneren Haltung nichts ändert? Ihrem Kommentar stimme ich deshalb zu!

    • Anonym
    • 15.05.2007 um 9:30 Uhr

    vom Wolf und den sieben Geislein wird erzählt, daß selbiger Kreide gefressen hat. Könnte es sein, daß das auch heute noch möglich ist, daß ein anderer Name an der inneren Haltung nichts ändert? Ihrem Kommentar stimme ich deshalb zu!

    • Anonym
    • 15.05.2007 um 9:30 Uhr

    vom Wolf und den sieben Geislein wird erzählt, daß selbiger Kreide gefressen hat. Könnte es sein, daß das auch heute noch möglich ist, daß ein anderer Name an der inneren Haltung nichts ändert? Ihrem Kommentar stimme ich deshalb zu!

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