Spanien Zwölf Tonnen Langsamkeit
Beim Schneckenfest im katalanischen Lleida kommen Feierwillige und Gourmets gleichermaßen auf ihre Kosten
Ein Geschwindigkeitsrausch fühlt sich anders an. Angepriesen wird der spanische AVE als ein Hochgeschwindigkeitszug, doch dieser, der von Barcelona aus nach Madrid fährt, dümpelt bislang noch gemütlich vor sich hin. Es ist vor allem die Bürokratie, die bremst: Solange die Stadtväter Barcelonas nicht über die endgültige Endstation des Zuges entscheiden, wird der AVE in Katalonien weiterhin nicht mit seiner Leistung protzen können.
Nachdem der Zug hinter der Gaudi-Stadt ins Innere Kataloniens abgebogen ist, scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Immer mehr verschlafene Dörfer ziehen am Fenster vorbei, einige der braunen Steinhäuser sind zerfallen. Dann tauchen die ersten Häuser Lleidas auf. Mehr als 120.000 Einwohner zählt das Städtchen.
Auf dem Bahnsteig geht es lebhaft zu. Bekleidet mit farbenfrohen Kombinationen aus bunten Tüchern, T-Shirts und Hosen machen sich die Menschen auf den Weg zum Park Camps Elisis. Auf den Straßen Lleidas steigert sich das Durcheinander zu einem wirren Farbenfest. Die APLEC del Caragol - das Schneckenfestival von Lleida - ist in vollem Gange.
Oriol, ein groß gewachsener Katalane trägt ein violettes T-Shirt, um den Hals ein rotes Tuch gebunden. Es sind die Zeichen seiner Festgruppe - seiner peña. In den 100 Lleidaner Festgruppen sind mehr 12.000 peñistas organisiert. Sie sind Veranstalter, sozialer Treffpunkt und das Herz und die Seele der Veranstaltung.
Ein mehrstöckiger Menschenturm dominiert die Szenerie im Park. Auf der neunten Etage des Castells steht ein fünfjähriger Tarragonese, der seine Hand nach oben streckt und die atemberaubende Figur komplettiert. Die Menge applaudiert verzückt, das Kind kann sich vor Stolz und Freude kaum halten. Langsam wird der kleine Körper mit der roten Mütze auf dem Kopf nach unten gereicht, in weniger als einer Minute löst sich die elegante Turmkonstruktion auf. Die Zuschauer klatschen immer noch. Die Gäste aus Tarragona sind eine der Hauptattraktionen des Festivals.
Nicht weit entfernt von den katalanischen Artisten finden sich die eigentlichen Protagonisten den Festes: riesige Bratpfannen voller Weinbergschnecken. Die vier Quadratkilometer des Parks werden an diesem Maiwochenende zu einer gigantischen Open-Air-Küche, zwölf Tonnen Schnecken werden während des Festivals verspeist. Um diese imposante Menge an Weichtieren hier anbieten zu können, werden sie aus allen Winkeln der iberischen Halbinsel, aus Nordafrika und Südamerika importiert.
Knusprig knacken die Schneckenhüllen auf dem Rost. Ein pilzähnlicher Geruch, gemischt mit Knoblauch- und Olivenölnoten, steigt in die Baumkronen. Pro Teller werden ungefähr 50 Schnecken serviert. Mit einer zweizinkigen Gabel wird das Fleisch aus dem Gehäuse geangelt. Der vordere Teil gilt als der beste. Anschließend wird die Schnecke in die bereitstehende Allioli-Sauce getaucht und verspeist. Dem Geschmack nach könnte es sich auch um einen Waldpilz handeln.
Das Schneckenfestival von Lleida verdankt seine Entstehung einem Zufall. 1980 hatten sich, als alternative Veranstaltung zu dem für ganz Spanien typischen Stadtfest, der Festa Major, einige hundert Menschen abseits des Festes an den Ufern des Segre-Flusses zusammengefunden. Sie saßen auf Obstkisten, und es wurde auch die eine oder andere Schnecke verzehrt. In den folgenden Jahren wurden es mehr und mehr Besucher, und schon Mitte der achtziger Jahre entwickelte sich das Fest zu einem Wahrzeichen der Stadt. Dennoch ist die Atmosphäre familiär geblieben - die meisten ausländischen Touristen bleiben in Barcelona.
Wer mehr von Katalonien kennenlernen möchte, ist in Lleida goldrichtig - und mit seinem Spanisch schnell am Ende. Auf den Straßen wird fast ausschließlich katalanisch gesprochen, nur ab und zu ist der andalusische Akzent der in den siebziger Jahren zugezogenen Südspanier zu hören.
Tief in den bäuerlichen Wurzeln der Umgebung verankert, verzaubert das Fest Fremde mit seinem natürlichen, katalanischen Charme. Lleida ist terra ferma geblieben - das Angehaltene Land.
Auf dem Burghügel oberhalb der Stadt thront das ehemals maurische Castell La Suda, das 1149 von den Spaniern erobert wurde. Unweit der wuchtigen Mauern, die seit dem Mittelalter neben der Festung auch die angrenzende Kathedrale Seu Vella schützen, versammeln sich inzwischen jährlich mehr als 250.000 Besucher, um sich an den neuesten kulinarischen Kreationen der Lleidaner Köche zu erfreuen. Die Küche der Provinz Lleida bildet die Grundlagen für das, was an der Küste von Spitzenköchen zum Trend gemacht wird.
Im Park schaut Oriols Sohn mit forderndem Blick seiner Schnecke auf die Fühler. Vorsichtig nimmt er sie an ihrem braun gestreiften Gehäuse hoch und legt sie auf die Startlinie. Gleich soll sie loskriechen. Eine Schnecke kann zwischen 30 und 40 Meter pro Tag zurücklegen, für den heutigen Tag ist ein Sprintrennen auf einer Kurzstrecke von 50 Zentimetern angekündigt. Doch oft bleibt das Rennen ohne Sieger. Während der carretera de caragols, dem Schneckenrennen, entdecken auch die Festival-Besucher das Wunder der Langsamkeit.
INFORMATION
18 - 20. Mai 2007
www.aplec.org
Kontakt zu den Veranstaltern:
Tel: +34/973281473
aplec@aplec.org
Das Festival findet jedes Jahr Ende Mai statt.
Anreise:
Nach Lleida kommen Sie am schnellsten von den Flughäfen in Barcelona, Girona oder Reus/Tarragona. Von allen Flughäfen gibt es eine Busverbindung nach Lleida. Aus Barcelona z.B. mit der Buslinie Alsina Graells, Tel: +34/973264942,
www.alsinagraells.com
oder mit Autocares Julia (dreimal täglich). Bei Anreise mit dem Zug, Information und Reservierung bei RENFE, Tel: +34/902240202,
www.renfe.es
. Mit dem Auto aus Barcelona über die A2 (156 km) oder aus Tarragona über die AP7 (100km).
Unterkunft
:
Hotel Zenit Lleida (c/ General Brito, 21 Lleida, +34973229191,
lleida@zenithoteles.com
), sehr zentral gelegen, fünf Minuten vom Bahnhof entfernt, modern und gastfreundlich.
Hotel Real (Avda. Blondel 22, +34973239405),
liegt zwischen Zentrum und Bahnhof. Nettes Ambiente, nah der Altstadt.
Hotel Principal (Plaza Paeria, 8 Lleida, +34973230800,
info@hotelprincipal.net
) liegt im historischen Zentrum, wenige Minuten vom Bahnhof entfernt.
Albergue de Juventud Sant Anastasi, (Rmbla Aragó, 11 Lleida +34973266099), die preisgünstige Alternative 20 Minuten von der Altstadt entfernt.
Ausflüge / Ausflugstipps:
Nicht verpassen sollten Sie die kulturellen Routen rund um Lleida, zum Beispiel die Tour der Zisterzienserorden im Südosten der Provinz. Santes Creus, Poblet und Vallbona les Monges liegen auf der Tourroute - die weltweit wichtigsten Monumente der Zisterzienserorden.
Auch die Tour der romanischen Kirchen im Norden von Lleida ist sehenswert. Die Kirchen, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehören, finden sich in der Gegend um Vall de Boí (Alta Ribagorça).
Die Stadt Lleida bietet außerdem ausgiebige und zahlreiche Wein-, Oliven oder Kaviartouren an, außerdem diverse sportliche Aktivitäten vor allem in den Vorpyrenäen, zum Beispiel Kajakfahren, Paragliding oder Wandern.
Mehr Informationen bietet die Tourismuszentrale von Lleida, Turismo de Lleida, c/ Major, 31 bis., Tel: +34/902250050,
www.lleidatur.com
- Datum 15.05.2007 - 14:02 Uhr
- Quelle ZEIT online
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Es ist doch immer wieder erstaunlich, was es alles für ausgefallene Feste gibt! Dieses ist selbstverständlich eins davon! Da trifft es sich doch gut, dass ich über das Wochenende nach Barca fahre um einen alten Freund zu besuchen. Das Fest werde ich mir garantiert nicht entgehen lassen. Die eine oder andere Schnecke werde ich mir ganz bestimmt zu Gemüte führen. Ich danke Herrn Holesch für den deliziösen Text und den anregenden Tipp!
Gruß
Django
Ich hab schon viel über Lleida gehört - aber der Artikel hat mir einen Besuch noch umso mehr schmackhaft gemacht. Ich würde am liebsten noch heute ins Flugzeug steigen und dieser weit verbreiteten "endlich wieder Regen" - Mentalität hier in Deutschland entfliehen...
Wie wäre es denn eigentlich mal mit einer Serie über die interessantesten spanischen Ferias? Ich würd's lesen.
leckeres essen, guter text!
phantomcgn
Ich habe gerade auf der Arbeit mal nach interessanten Reisetipps nach Katalonien geschaut, weil ich dort meinen Sommerurlaub verbringen will und dann diesen Artikel gefunden... Jetzt bin ich echt traurig, dass ich das Fest verpasst habe... Das klingt alles so gut: Ich habe direkt Lust bekommen, auf einer spanischen Fiesta feiern zu gehen und vor allem auf Schnecken. Der Autor hat das aber auch so gut beschrieben, wie sie aussehen und schmecken! Ich werde versuchen, das Fest naechstes Jahr mitzunehmen!!!!!
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