Verfassungsschutzbericht

Verschwommene Bedrohung

Deutschland ist bedroht und Innenminister Schäuble berichtet, wie stark. Die Offenheit der Gesellschaft gerät dabei ein wenig aus dem Blickfeld.

Bundesinnenminister sind von Berufs wegen besorgt, beschäftigen sie sich doch hauptsächlich mit jenen, die Land und Leuten Böses wollen. Wie groß die ministerielle Besorgnis ist, zeigt jedes Jahr der Verfassungsschutzbericht. In diesem Jahr muss sie wieder einmal recht hoch sein.

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„Einen Schwerpunkt des Berichts bildet nach wie vor der islamistische Terrorismus als die gravierendste Bedrohung für Stabilität und Sicherheit in Deutschland wie in Europa“, sagte Wolfgang Schäuble bei der diesjährigen Vorstellung des Berichts. Im Vergleich dazu hieß es in seiner Rede 2006: „Die Stabilität und die Sicherheit Europas werden durch den islamistischen Terrorismus seit Jahren bedroht. Diese Bedrohung hält unvermindert an.“ Aus einer unverminderten ist also eine gravierende Gefährdung geworden. Dabei war sie im Jahr 2004 sogar schon einmal „die größte Bedrohung der inneren Sicherheit“.

Als Beleg dienen Schäuble die fehlgeschlagenen Kofferbombenanschläge in zwei Regionalzügen im Juli 2006 und eine im Internet verbreitete Videobotschaft mit deutschen Untertiteln. Beide Ereignisse „zeigen deutlich, dass Deutschland im Zielspektrum terroristischer Gruppierungen liegt und nicht mehr nur Rückzugsraum, sondern eben auch Operationsgebiet ist“. Im Jahr zuvor hieß es lediglich, dass „unser Land im Zielspektrum islamistischer Terroristen“ liegt, in den Jahren davor war es nur ein „Gefahrenraum“. Von deutlich keine Rede.

Möglicherweise ist die Besorgnis aber auch notwendig, um all die gesetzlichen Verschärfungen zu rechtfertigen, die im vergangenen Jahr beschlossen wurden. Das sind einige, wie die Änderungen des Vereinsgesetzes, des Passgesetzes, des Luftsicherheitsgesetzes, des Verfassungsschutzgesetzes, die Einführung einer Antiterrordatei und die Regelung über die Befugnisse des Bundeskriminalamtes. Sämtlich wurden sie bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichts im vergangenen Jahr gefordert. In diesem Jahr fordert Schäuble eine noch engere Verknüpfung der Erkenntnisse von Verfassungsschutz und Polizei sowie Onlinedurchsuchungen. Wenn die Berichte auch als Gradmesser für erreichte Gesetzesverschärfungen funktionieren, sind die Chancen hoch, dass beides im kommenden Jahr Realität sein wird.

Beim Thema Rechtsextremismus dagegen scheint sich eine Art Resignation breitzumachen. Zumindest heißt es in diesem Jahr: „Fremdenfeindliche Einstellungen, Skinhead-Konzerte, Demonstrationen und die zunehmende Attraktivität der Szene für junge Menschen sind leider dabei, Teil der gesellschaftlichen Realität zu werden. (...) Für das Bundesamt für Verfassungsschutz bildet der gesamte Beobachtungsbereich des Rechtsextremismus nach wie vor einen Arbeitsschwerpunkt.“ Im vergangenen Jahr klang das noch etwas kämpferischer: „Im Vordergrund der aktuellen Debatte steht der Rechtsextremismus. Er erfordert die besondere Aufmerksamkeit von Staat und Gesellschaft. Deshalb stellt der Rechtsextremismus für das Bundesamt für Verfassungsschutz einen besonderen Tätigkeitsschwerpunkt dar.“ Zweimal „besonders“. Dabei ist die von Schäuble in beiden Fällen zitierte Zahl der NPD-Mitglieder 2006 stärker gewachsen als 2005, um mehr als 1000 nämlich. Im zuvor beobachteten Zeitraum waren es 700 Neumitglieder.

Neu dagegen ist in diesem Jahr der Schwerpunkt Linksextremismus in Schäubles Rede. Wegen des anstehenden G8-Gipfels in Heiligendamm beobachte man bestimmte Aktivitäten der linksextremistischen Szene sowie gewaltbereiter Globalisierungsgegner „mit Sorge“.

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Leser-Kommentare

    • 15.05.2007 um 13:42 Uhr
    • oton

    Schade, dass meine Kinder in einer Gesellschaft, die von Angst und Schrecken gepraegt scheint aufwachsen muessen. Schade, dass uns der “total control” Ansatz von Mitbuergern wie Herrn Schaeuble egal zu sein scheint. Schade, dass nur mehr die Haelfte der Buerger ueberhaupt an der Demokratie teilhaben will (Wahl in Bremen). Gut, dass es noch andere Laender in Europa gibt, wo Demokratie noch gelebt wird (Frankreich).

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    natürlich kann man es beklagen,daß die wahlbeteiligung so niedrig ist. man kann sich aber auch fragen: warum ist das so?

    spricht es nicht auch für die intelligenz des urnenpöbels, wenn er - vor der wahl zwischen pest und cholera - einfach den stinkefinger zeigt?

    die parteien ähneln sich wie die berühmten faulen eier. gemeinsames motto: heute versprochen - morgen gebrochen.

    man muß doch keinen wahlzettel abgeben, nur um sich verarscht zu fühlen.

    und was das hohelied auf die französische demokratie angeht - reden Sie doch einmal mit franzosen. cést la meme chose.

  1. Herzlichen Dank an die Zeit für ihre "Analyse". Wer tut sich schon alljährlich den Verfassungsschutzbericht an? Ich nicht. Nicht freiwillig jedenfalls. Und deswegen wären mir auch glatt all jene verbalen "Feinheiten" entgangen, die im Text zitiert wurden. Dabei verraten doch gerade die Details das Wesen einer Sache, oder etwa nicht?

    Die deutsche Sprache, fürchte ich, besitzt keine dritte Steigerungsform. Nach gefährlich, gefährlicher und am gefährlichsten kennt sie keine legitime Möglichkeit zur Dramatisierung mehr. Ich frage mich also, was Schäuble in den Bericht 2009 schreiben lassen will. Vielleicht, dass wir bereits islamistisch besetzt sind und wegen unserer abgrundtiefen Blauäugigkeit bloß noch nichts davon bemerkt haben?

    Gut, dass wir einen so fürsoglichen und sprachbegabten Innenminister haben. Was sollten wir nur ohne ihn tun?

  2. in bezug auf rechtsextremismus möchte ich sagen, dass ich angst davor hab (auch wenn mir bewusst ist, dass das nicht die richtige umgangsform damit ist) und dass ich es erstaunlich finde, dass die toleranz (mit sicherheit auch aus angstgründen) viel zu groß ist. dass linksextreme "etwas planen" würden, halt ich für absurd. wobei der unterschied zwischen lobbyisten und den jugentlichen auf der straße meist nicht gemacht wird, was ich für sehr wichtig halte, denn ich halte linksextreme "straßenkinder" für sehr perspektivlos. zum oberen kommentar und demokratie: das demokratiebewusstsein fehlt in dtl.!! gründe dafür sind meiner meinung nach die gleichgültigkeit, die man sich in einem staat, der einem immer noch ein soziales auffangnetz bietet, leisten kann und fehlende wahlalternativen. idealistische menschen könnten nun argumentieren, dass man selbst initiative ergreifen könnte und eine alternative bilden...

  3. die franzoesische Form der Demokratie erleben denn das wuerde mir auch die Vorgaenge in den Vororten bringen und damit hab ich nichts am Hut.Was ich allerdings wuenschenswert finde sind Volksentscheide in wichtigen Sachen wie Migration,das mit dem Euro haette auch vom Volk bestimmt werden muessen.Leider haben viele deutsche Politiker soviel Arroganz und kuemmern sich kaum um die Wuensche der Waehlerschaft.

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    Ja also, für Ihren Volksentscheid über Migration ist es jetzt leider auch zu spät. Aber Ihr guter Wille ehrt Sie.

    die deutschen partein sind nun einmal lediglich dienstleister des kapitals. wählerstimmen dienen nur als qualifizierungsmerkmal für das bewerbungsgespräch.

  4. Ich halte eher Herrn Schäuble mit seinen Vorstellungen über innere Sicherheit und die absurd teuren und überzogenen Maßnahmen rund um den G8-Gipfel für eine ernste Bedrohung unserer demokratischen Ordnung als ein paar linke G8-Gegner.

    Natürlich müssen wir uns mit Extremisten und Islamisten befassen. Keine Frage. Aber nicht um jeden Preis.

    Die totale Sicherheit führt m.E. in letzter Konsequenz zu einem der Systeme, die wir in unserer deutschen Vergangenheit schon hatten. Nur ohne die heutigen überragenden technischen Möglichkeiten...

    Mir scheint die Stoßrichtung der letzten Aktionen eher in Richtung Disziplinierung und Unterbindung ungeliebter (aber legaler und legitimer) Proteste zu gehen. G8 ist da - wie auch die WM im letzten Jahr - ein willkommenens Feld für Tests...
    Ich denke, auch einem Herrn Schäuble dürfte klar sein, dass es zukünftig auch in D. stärkere soziale Proteste und Auseinandersetzungen geben wird. So schlägt er lieber jetzt schon vorsorglich ein paar Pflöcke ein.

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    genau   keox

    darum geht es

  5. 6. ---

    ---

  6. Ja also, für Ihren Volksentscheid über Migration ist es jetzt leider auch zu spät. Aber Ihr guter Wille ehrt Sie.

    Antwort auf "Also ich moechte nicht"
  7. Schöner Artikel, Danke.

    Auf Seite 191 ist zudem zu lesen:

    [..] Linksextremisten werten die Verschärfung der Sicherheitsgesetze nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 als eine neue Qualität „staatlicher Repression“. Sie nehmen auch die Sicherheitsmaßnahmen [..] zum Anlass, den aus ihrer Sicht permanenten Ausbau des Überwachungsstaates und die repressive Wirkung der dabei eingesetzten neuen Technologien anzuprangern, wie z. B. RFID-Chips, Gen- oder Biometrische Datenbanken, Kameraüberwachung öffentlicher Plätze.

    Da wird doch versucht, diejeigen zu marginalisieren und in eine extremistische Ecke zu stellen, die den "präventiven Sicherheitsstaat" als Herausforderung für unsere Freiheit und Demokratie begreifen - und das sind eben nicht nur Linke und/oder Extremisten.

    Was mir noch auffiel:

    1.
    Warum findet man eigentlich keinen Hinweis auf Burschenschaften als Sympathisanten der Rechtsradikalen? Einige dieser Brüder gehören ziemlich sicher unter Beobachtung. Aber ein guter Jurist ist ja selber "alter Herr" und lässt sicher seine schützende Hand walten.

    2.
    Bei der Auflistung der ganzen Straftaten - inwieweit ist überhaupt sicher gestellt, dass diese richtig zugeordnet sind? Nirgends habe ich einen Hinweis darüber gefunden, dass Anschläge auch im Namen der politischen Gegner durchgeführt worden sein könnten. Und wenn sich jetzt schon die Neonazis als Linksradikale tarnen, was liegt da näher als ..

    Gruß,
    HM

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