Weltzukunftsrat "Noch fünf Jahre"

Ein Gespräch mit Jakob von Uexküll, dem Gründer des Weltzukunftsrats, über den Klimawandel und das Versagen der Politik – und was dagegen zu tun ist


ZEIT online: Sie haben 1980 den Alternativen Nobelpreis gestiftet. Was bewegt Sie jetzt mit 62 Jahren, wo andere sich allmählich zur Ruhe setzen, den Weltzukunftsrat zu gründen?

Jakob von Uexküll: Ich erwähne mein Alter nicht gerne, weil dann alle immer gleich denken, ach, ein typischer 68er. Ich habe auch nichts geopfert, als ich den Preis gestiftet habe. Wenn ich mir damals von dem Geld, das ich mit Briefmarkenhandel verdient habe, ein dickes Autos gekauft hätte, hätte ich nur einen Bruchteil der Genugtuung bekommen, die ich durch den Preis habe. Jedes Jahr bekommen wir Vorschläge aus der ganzen Welt. Ich treffe Menschen, die tagtäglich wesentlich mehr riskieren als ich. Man sieht, dass diese Menschen nicht aufgeben und Erstaunliches erreichen. Der Preis unterstützt sie in dieser Arbeit. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass das nicht reicht.

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ZEIT online: Was soll der Weltzukunftsrat bewirken?

Von Uexküll: Die Projekte, die wir auszeichnen, werden oft Projekte der Hoffnung genannt. Es gibt zwar immer größere Nischen, in denen sich ein anderes Leben und Wirtschaften entwickelt. Aber global gesehen bewegen wir uns immer noch in die falsche Richtung. Wir holzen immer noch die Regenwälder ab, obwohl wir wissen, dass wir damit unsere eigene Zukunft zerstören. Die politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträger scheinen Angst zu haben, das zu tun, was notwendig ist. Sie haben vor 30 Jahren die Berichte des Club of Rome über die natürlichen Grenzen des Wachstums lächerlich gemacht, obwohl es jedem klar ist, dass es auf einem endlichen Planeten solche Grenzen des materiellen Wachstums gibt und geben muss. Statt aber sich darauf einzustellen und zu überlegen, wie man Lebensqualität mit weniger Ressourcen erreichen kann, und statt auf die Klimawissenschaftler zu hören, die auch damals schon auf den Temperaturanstieg hingewiesen haben, hat die ganze westliche Welt Wachstum und Freihandel um jeden Preis zum Programm erhoben.

ZEIT online: Und die Folgen spüren wir jetzt?

Von Uexküll: Ja, die Probleme haben sich dadurch in den vergangenen Jahrzehnten unglaublich verschlimmert. Jetzt müssen die Politiker zugeben, dass sie 30 Jahre lang gelogen haben, indem sie behauptet haben, die Probleme seien zu meistern, der technische Fortschritt, der Erfindungsreichtum und die freie Marktwirtschaft würden sie schon lösen. Das ist das größte Politikversagen aller Zeiten. Die Politiker genießen dadurch noch weniger Vertrauen, und je weniger Vertrauen sie haben, desto weniger können sie große Schritte wagen, was wiederum das Misstrauen in sie stärkt. Ein Teufelskreis. Aber es gibt noch Menschen, die Vertrauen genießen, und wenn man solche Menschen zusammenbringt, dann kann man so etwas wie ein Weltgewissen schaffen. Wir brauchen eine Stimme, die die Interessen der künftigen Generationen vertritt.

ZEIT online: Gibt es nicht schon genügend Institutionen, in denen über Zukunftsfragen, Klimawandel, alternative Energien und nachhaltiges Wirtschaften beraten wird?

Von Uexküll: Es gibt sicher genügend Diskussionsforen. Aber der Weltzukunftsrat will kein Diskussionsforum sein und keine neue NGO. In ihm sind Parlamentarier, die Zivilgesellschaft, Wissenschaftler und Künstler aus der ganzen Welt vertreten, darunter der bekannteste Sänger Afrikas. So etwas gab es noch nicht.  Im vorkolonialen Indien gab es sogenannte Räte der Seher in die Zukunft. So etwas brauchen wir heute auch. Unsere Entscheidungen haben heute so große Auswirkungen auf die Zukunft wie noch nie in der Geschichte der Menschheit. Aber unsere Kinder und Enkel haben keinen Einfluss darauf. Also brauchen wir ein Gremium, das die Interessen der Zukunft vertritt.

ZEIT online: Wie viel Zeit bleibt nach Ihrer Ansicht noch zum Umsteuern, damit wir die Zukunft des Planeten nicht gefährden?

Von Uexküll: Es gibt noch Möglichkeiten. Aber wir können nicht mehr sagen, wir planen für das Jahr 2030 oder 2050. Wir müssen schauen, was wir sofort tun können. Al Gore hat die Situation mit der Zeit des Faschismus und dem Zweiten Weltkrieg verglichen. Damals wurde die Wirtschaft in den USA und in Großbritannien innerhalb weniger Monate auf Kriegswirtschaft umgestellt, obwohl das viel aufwendiger war als heute die Umstellung auf eine klimafreundliche Produktionsweise. Damals ging es um ein Fünftel des Bruttosozialprodukts, heute geht es um drei Prozent. Also, es ist zu schaffen.

ZEIT online: Warum stellen Sie den Klimawandel obenan?

Leser-Kommentare
  1. ...auf das System das Jakob sich wuenscht, so einfach ist: Warum macht Deutschland es nicht gleich heute? Allein. Um anderen zu zeigen, was man schaffen kann ohne grosse Konferenzen..........usw usw

  2. Es muss natürlich heißen:

    'Die nächsten fünf bis zehn Jahre entscheiden, ob wir es schaffen, den globalen Temperaturanstieg auf jene zwei G r a d zu begrenzen, die gerade noch beherrschbar sind.'

    Warum bekommt Jakob von Uexküll nicht endlich den Friedensnobelpreis? Aber vielleicht würde er ihn ablehnen, angesichts mancher Vorgänger und Konkurrenten - z.B. einem Expolitiker aus Deutschland, der vor Jahren 'blühende Landschaften' vorausgesagt hat, der aber damals für grüne Zukunftsideen nur Häme übrig hatte. (Aber vielleicht macht er den Fehler ja noch gut - in den paar Jahren, die ihm noch bleiben.)

  3. „Dann“ kommt es zu Konstellationen wie der heutigen, wo manche Länder regenerative Energien erzeugen, andere aber, in Kriegen bzw. Kriseninterventionen, wie dem Irak-Krieg, riesige ökologische Schäden produzieren. Die immer noch sehr zahlreich gefertigten und gelagerten diversen Waffen sind ja doch die größten ökologischen Zeitbomben die wir haben und vor allem auch sehr menschenbedrohlich. Wenn man nun immer von der Zukunft redet, diese Frage dabei aber nie anspricht und ausdiskutiert, dann kommt mir dies wie ein Ablenkungsmanöver, wie eine Verdrängung vor. Neue Waffen, also große Feindschaften und Kampfespotentiale und neue Energieträger und Zukunftstechnologien – für welch eine Zukunft..…?

    Als erstes sollte man hier m.E. mal die Prioritäten klären - bzw. diese richtig setzen: Erst eine waffenarme, also wirklich friedliche(!), Welt - dann die wirkliche (!) Lösung der (bzw. auch der gewichtigsten) ökologischen Probleme!

  4. Das ist m.E. durchaus eine sehr berechtigte Grundsatzfrage, die man sich ganz am Anfang erstmal stellen muss. Es gibt ja doch so manche Hinweise, dass dem nicht so sein muss. Gerade das Christentum, aber auch der Islam, sind Endzeit-Religionen, Religionen, also Weltanschauungen, die das Ende der Welt postulieren - und diese Religionen waren und sind sehr erfolgreich. Erhebliche Teile der Jugend, gerade in den entwickelten Ländern, haben keine Lust auf Zukunft (mehr): Generation no future, oder Null bock. Gerade die höchstentwickelten Länder, und hier vor allem auch die mittleren und höheren Schichten, vermehren sich immer weniger. Und vor allem: Wir sind zwar entwickelt wie noch nie, bedrohen uns gegenseitig aber auch wie in noch nie gekanntem Ausmaße, wie dies eben die zahlreichen und höchst effizienten bzw. brutalen Waffen allüberall auf der Welt, uns zeigen.
    Wir sind immer noch der alte Adam - auch wenn die mit politischer Korrektheit gern überdeckt wird. Deutland ist ja so friedlich - aber eben doch ein enger Kumpel des größten Waffenbesitzers dieser Welt und selbst (und sogar zweifelhaft) sehr aktiv im internationalen Waffengeschäft (wie dies nun ja auch in der Zeit sehr gut dargestellt worden ist).

    Käme man z.B. zu der Ansicht, dass die Menschheit gar keine längere Zukunft mehr vor sich hat, sondern zum friedlich-wohlorganisierten Aussterben neigt, wie mir dies doch scheint, so käme man hier und da auch zu anderen Zukunftsszenarien. Dann könnte z.B. die Kernkraft durchaus noch eine Rolle spielen, um den Klimawandel abzudämpfen. Man muss dies, einen derartigen Paradigmenwechsel, dann aber auch offen allen Menschen kommunizieren und diskutieren.

  5. Das Christentum und der Islam sind zwar Endzeitreligionen, aber ihr Universum ist nicht ein materielles Universum, sondern ein Bewusstseinsuniversum. Und selbst im materiellen Universum hat die Physik das 'Ende der Zeit' entdeckt, nämlich in der Planck-Skala der Quantenphysik.

    Vielleicht sind wir - einschließilch unserer Gehirne - ja wirklich Software? Und die Hardware ist ganz soft, nämlich selbstinteragierendes Bewusstsein? Dann fände das Bewusstsein 'am Ende der Zeit', also dort, wo die Gedanken zur Ruhe kommen und 'Ruhevolle Wachheit' herrrscht, das 'Interface' zu einer anderen Dimension, zum 'Vereinheitlichten Feld aller Möglichkeiten'. Die Empirik der Mystiker aller Zeiten, eine Empirik, die älter ist als die 300 Jahre alte Empirik unserer arroganten und zerstörerischen Wissenschaft weist darauf hin!

    Mohammed soll gesagt haben, am Ende der Zeit werden die Berge (Materie?) weich wie Butter. Der indische Meister von Jakob sagt, dass es möglich ist, an dieser Nahtstelle zwischen Zeit und Ewigkeit, die Schwerkraft zu überwinden (Yogisches Fliegen) und damit einen sehr mächtigen Einfluss von Kohärenz im kollektiven Bewusstsein zu schaffen . (Jakob von Uexküll praktiziert seit über 30 Jahren die Transzendentale Meditation.)

  6. Die Meditationen und die Mystik mögen eine Form des Eintritts in eine geistige sein, ein Geisteszustand, bei dem unser Frontalhirn abgeschaltet ist - welches wir hernach aber immer wieder anschalten (müssen)! Deshalb ist diese Welt nur ein kurzes Abschalten, und nicht das geistige Universum, also das Himmelreich als solches und eben kein Zeichen für das Ende der Welt, dieser materiellen Welt.
    Und deshalb müsste man den Satz:
    'Das Christentum und der Islam sind zwar Endzeitreligionen, aber ihr Universum ist nicht ein materielles Universum, sondern ein Bewusstseinsuniversum.'
    m.E. ohne dem 'aber' formulieren. Und erst wenn die materielle Welt völlig verschwindet, wenn wir Menschen uns darin abgesprochen haben, dass diese, dass wir als Wesen aus Fleisch und Blut verschwinden können und werden, durch das wohlorganisierte Aussterben gerade eben, dann und erst dann bricht diese materielle Welt wirklich und eben anhaltend, sogar für immer, zusammen, dann könnte man vom - aber nur kurzzeitigen - Himmelreich auf Erden sprechen.

    Die Aussage 'Wo die Gefahr ist, wächst das Rettende auch', müsste man hier m.E. so interpretieren ' Wo die Gefahr der Apokalypse ist, muss das friedlich-wohlorganisierte Aussterben als Rettung empfunden werden'.

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    • keox
    • 14.05.2007 um 15:30 Uhr

    geh du voran

    • keox
    • 14.05.2007 um 15:30 Uhr

    geh du voran

    • keox
    • 14.05.2007 um 15:30 Uhr

    geh du voran

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