Sprachforschung Kleine Sprachgenies

Sechs Monate alte Babys können allein an der Lippenbewegung zwischen zwei Sprachen unterscheiden. Das berichten kanadische Forscher jetzt im Magazin Science

Wenn Wissenschaftler Kinder vor den Fernseher bitten, dann wollen sie meistens zeigen, wie doof der Blick in die Flimmerkiste macht. Jetzt aber hat die kanadische Psychologin Whitney Weikum gleich Hundert Säuglinge vor den Bildschirm gesetzt - weil sie nachweisen wollte, dass bereits Babys zu ganz außergewöhnlichen geistigen Leistungen fähig sind.

Die jetzt im Forschungsmagazin Science veröffentlichte Video-Studie des Weikum-Teams belegt, dass Kleinstkinder allein an der Gesichtsbewegung eines Menschen ablesen können, ob er ihre Muttersprache spricht oder nicht. In einem ruhigen Laborraum bekamen die Babys verschiedene Filme vorgespielt: Ein Sprecher las ihnen Textstücke aus dem "Kleinen Prinzen" von Antoine de Saint-Exupéry vor, jeweils auf englisch und auf französisch. Der Ton blieb dabei allerdings aus.

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Um herauszubekommen, ob ihnen die Sprache im Video bekannt vorkommt, maßen Weikum und ihr Team von der University of British Columbia die Aufmerksamkeit der Kinder. Denn je geläufiger eine Situation für Kleinkinder ist, desto schneller verlieren sie das Interesse daran und wenden sich ab. Im Video-Test (Machen Sie selbst den Video-Test! Hier klicken!) schenkten die vier- bis sechsmonatigen Babys den Sprechern genau dann mehr Aufmerksamkeit, wenn sie in der ihnen fremden Sprache artikulierten, die Babys merkten also, dass ihnen die Worte unbekannt waren. Die Kinder konnten demnach eindeutig zwischen Mutter- und Fremdsprache unterscheiden. Die meisten allerdings nur bis zum Alter von etwa acht Monaten. War ein Elternteil englisch-, das andere französischsprachig, hielt diese Fähigkeit jedoch an.

Wie die Kleinkinder es schaffen, die Sprachen auseinander zu halten, ist den Forscher bislang noch ein Rätsel. "Wir testen gerade in weiteren Studien, ob sie bestimmte Gesichtsausdrücke erkennen, oder eher den Rhythmus der Sprachen", sagt Whitney Weikum. Letzteres sei möglich, weil Französisch im eher regelmäßigen Takt der Silben ausgesprochen würde, die Geschwindigkeit des Englischen sich aber mit der Betonung ändere.

Unklar ist auch, warum die monolingualen Kinder ihre außergewöhnliche Fähigkeit wieder ablegen. Vielleicht würden alle Babys mit der natürlichen Fähigkeit geboren, mehrere Sprachen zu lernen, spekuliert Whitney Weikum. Und darum auch mit der Eigenschaft, zwischen mehreren Sprachen visuell unterscheiden zu können. "Später erkennen sie die feinen Unterschiede im Gesicht dann nicht mehr, wenn sie sich daran gewöhnen, nur noch eine Sprache zu sehen", sagt die Psychologin.

Andere Forscher sind von der Begabung der Kleinen nicht besonders beeindruckt. "Kinder sind sehr früh in der Lage, alles mögliche zu unterscheiden", sagt Manuela Friedrich vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig. Die Leistungsfähigkeit das Babyhirns würde von vielen Erwachsenen schlichtweg unterschätzt.

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