Bausünden

Boulevards des Nichts

Foto: Martin Luther

Es gibt viele Arten, Städte zu zerstören: Durch Erdbeben und Wirbelstürme, durch Bomben, Brände und Wasserfluten. Oder durch Stadtautobahnen. Eine Bildergalerie Wie haben die Menschen das damals nur ausgehalten! Diesen Lärm, diesen Dreck. Diesen Gestank. Diesen ganzen tagtäglichen Terror! Unbegreiflich erscheint uns das heute, wenn wir durchs Stadtmuseum gehen, Abteilung Mittelalter. Und ebenso wird es eines Tages den Menschen nach uns ergehen, wenn sie Fotos wie diese sehen, aus dem heutigen Mittelalter: Wie haben die Menschen das nur ausgehalten! Diesen Lärm, diesen Dreck. Diesen Gestank. Diesen ganzen tagtäglichen Terror! Unbegreiflich. Nichts gegen Straßen. Was gibt es Schöneres in einer Stadt?! Eine Allee, eine summende, fröhlich brausende Geschäftsstraße… Ein Boulevard am Abend, wenn alles in die Kinos und Theater strömt und die Restaurants sich füllen… Ja, selbst so eine Bürostraße hat ihren Reiz, süße, kleine, dumme Welt der Angestellten… Aber das hier? Diese sechs- bis achtspurigen Asphaltschneisen quer durch das Herz von Köln, Stuttgart, Halle, Hamburg? Dieser Lärm, dieser Dreck, dieser Gestank? Das war der Fortschritt anno 1949 oder 52. So sah es aus, das Nachkriegsglück. Die Städte waren zerstört und die Verkehrsplaner begeistert, die Verkehrtplaner. Endlich brauchten sie keine Rücksicht mehr zu nehmen. Jetzt wurde durchgesetzt und durchgeschlagen. Von Punkt A nach Punkt B. Mehr Baukunst war nicht vorgesehen, nicht einmal ein Bürgersteig, wozu auch? Doch die Zukunft von damals verbaut die Zukunft von heute. In Hamburg schneidet die Ost-West-Straße die neue Hafen-City von der Innenstadt ab, das Desaster ist abzusehen. In Halle wurden mit viel Geld die herrlichen Franckeschen Stiftungen grandios restauriert, nur leider liegen sie hinter einem monströsen Hochtodesstreifen aus Asphalt. Und wie gerne lustwandelte man durch den Park des Mannheimer Schlosses hinunter zum Rhein! Doch den Park gibt es nicht mehr, begraben liegt er unter einem grotesken Gewölle aus Beton. Die Bilder des Hamburger Fotografen Martin Luther, Jahrgang 1970, sind in ihrer exakten Komposition von freundlich besonnter Beiläufigkeit. Umso unheimlicher ist ihre Wirkung. Samuel Beckett, der große Existenzialist, hat es gewusst. »Ne manquez pas à Stuttgart«, reimte er einst beim Anblick jener Straße, die in die beklemmendste Schneise der Stadt übergeht, »la longue Rue Neckar / du néant là l’attrait / n’est plus ce qu’il était / tant le soupçon est fort / d’y être déjà est d’ores.« – »Versäumen Sie in Stuttgart nicht, / sich die lange Neckarstraße anzusehen. / Der Anreiz des Nichts ist dort nicht mehr das, / was er einmal war, weil man eben / den sehr starken Verdacht hat, / längst mitten darin zu sein.«
Leser-Kommentare
    • ben_
    • 21.05.2007 um 10:44 Uhr

    Und schon wieder ist es passiert: Bielefeld wurde vergessen, dabei gibt es kaum eine brachialere Stadtautobahn als den Ostwestfalen Damm der die Stadt zauberhaft in zwei Hälften teilt, ehe er im grandiosen Ostwestfalentunnel - flankiert von einem Cinemax - versinkt.

    Oh Bielefeld, Du Perle Ostwestfalens, die freundliche Baustelle am Teutoburger Wald!

    • bediko
    • 21.05.2007 um 11:10 Uhr

    Herzlichen Dank! Als langjähriger Bürger von Köln fluche ich schon seit Jahren gerade über die dargestellte Tunisstraße. Ich wünsche die Stadtplaner noch nachträglich in den 7. Kreis der Hölle! Mitten durch das römische Köln, durch das Herz der Stadt, direkt an der Oper und dem Theater vorbei, geht diese Schnellstraße! Es ist entsetzlich! Die autogerechte Stadt? Ich fasse mich an den Kopf. Schade, man kann die Alliierten nicht nocheinmal beauftragen, die verschandelte Innenstadt auszulöschen.

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